Kolumne Ronnie Schildknecht

Die perfekten Ironman-Athleten

Der Ironman Hawai steht vor der Tür - und erstmals seit langem ist Ronnie Schildknecht nicht mehr als Athlet dabei, sondern neu als Manager.

Copyright: Andreas Gonseth

Genau vierzehn Jahre ist es her, seit ich zum letzten Mal nicht auf Hawaii starten konnte. Jetzt ist es wieder soweit – und in der Zwischenzeit ist viel passiert. Ich durfte mich elf Mal als Ironman-Sieger feiern lassen, alleine neun Mal beim Ironman Switzerland. Nichts hätte ich lieber getan, als in Zürich nochmals zu gewinnen. Doch es hat nicht sollen sein und trotz einer sehr soliden Leistung bin ich «nur» Fünfter geworden und habe mich nicht für Hawaii qualifiziert.

Ich habe mich danach zwar noch für Schweden angemeldet, um einen der letzten Slots zu holen, doch fühlte ich mich einfach nicht frisch genug für einen Start. Nun findet also Hawaii ohne mich statt. Hawaii, wo ich 2008 mit meinem vierten Platz einen meiner grössten Erfolge feiern konnte. Bloss 23 Sekunden fehlten mir aufs Podium und dreieinhalb Minuten auf den damaligen Sieger Craig Alexander. Die Differenz machte er damals ausschliesslich im Schwimmen. Für mich war dieses Resultat ein internationaler Türöffner und ich wurde bekannt als «Swiss Über-Biker», gehörte ich damals doch zu den allerschnellsten auf dem Rad.

Kein Hawaii ist keine Option
Natürlich kann ich nicht leugnen, dass ich sehr gerne wieder in Kona gestartet wäre. Und da ist dieses weinende Auge, weil es nicht geklappt hat. Genauso bin ich aber dankbar für all die Jahre, in denen es geklappt hat. Und wer jetzt meint, ich vergrabe mich am 12. Oktober zu Hause unter einer Decke – das Rennen beginnt um 18:30 Uhr Schweizer Zeit –, der irrt. Ich werde wieder in Kona sein, diesmal aber nicht als Athlet, sondern in meiner Funktion als Manager von Sebastian Kienle.

Natürlich wird es emotional, wenn kurz vor dem Kanonenschuss die Nationalhymne gespielt wird. Und natürlich wird es Situationen geben, in denen es mich kitzelt, weil ich nicht im Rennen bin. Doch ich werde auf der Insel genug zu tun haben und voll und ganz für Sebi da sein. Dieser Fokus tut mir gut, denn nichts ist schlimmer, als ohne Ziele durchs Leben zu gehen. Für die unmittelbare Zukunft will ich Sebi bestmöglich unterstützen. Als Manager sehe ich mich nicht nur für seine Verträge zuständig, sondern möchte auch mit meiner Erfahrung helfen, wo ich kann. Und wer weiss, vielleicht ist er sogar ein bisschen froh, dass ich nicht starten kann und ich nicht in einer Doppelfunktion als Athlet und Manager vor Ort bin.

Diese Doppelfunktion werde ich auf nächstes Jahr verschieben…, nein, im Ernst: Ich wünsche mir, meine Karriere nächstes Jahres auf der Insel als Athlet beenden zu können, auf der Insel, zu der ich eine Art Hassliebe habe. Liebe, weil ich da einen meiner besten Tage überhaupt erlebte. Und Hass, weil mir die heiss-feuchten Bedingungen so überhaupt nicht zusagen.

2021 ist Schluss
Ab 2021 werde ich dann definitiv nur noch als Zuschauer und Supporter – hoffentlich weiter an Sebis Seite – fungieren. Es wird sich ein Kreis schliessen, denn als Zuschauer beim Ironman Hawaii begann alles. Im Jahr 2000 war ich für einen Sprachaufenthalt in San Diego, lernte da brasilianische Triathleten kennen und entschied mich kurzerhand, den Flieger nach Kona zu buchen, um den Ironman Hawaii live vor Ort zu sehen. Inspiriert von den Leistungen der Athleten, von der Stimmung dort und vom Erlebten, begann ich davon zu träumen, selbst einmal an den Ironman World Championships starten zu können. Was danach kam, ist retrospektiv eine ziemlich verrückte Geschichte. Doch von verrückten Geschichten lebt der Sport und ich denke, manch einer oder eine der Profis hätte eine spezielle Geschichte zu erzählen.

Zum Beispiel auch Daniela Ryf, die nach einer verpassten Olympia-Quali und Problemen auf der Kurzdistanz schon abgeschrieben wurde, um dann mehrfache Ironman-Hawaii-Siegerin zu werden. Oder Jan Frodeno, der Olympiasieger, der sich Jahre später nach reibungslosem Übergang von der Kurz- auf die Langdistanz als King of Kona den Lorbeerkranz auf Hawaii überstreifen lassen durfte. Und da ist auch ein Bart Aernouts, der letztes Jahr auf Hawaii Zweiter wurde und mir gezeigt hat, dass es noch immer möglich ist, als «schlechter Schwimmer» ganz vorne mitzumischen.

Vorsicht vor den «Kurzdistanzlern»
Doch was braucht es, um ganz vorne zu sein? Wie muss der perfekte Ironman oder die perfekte Ironlady aussehen? Ganz grundsätzlich gilt: Sie, respektive er, darf keine Schwächen haben. Natürlich bilden Ausnahmen die Regel, wie Bart 2018 bewiesen hat. Schaut man sich aber die Sieger der letzten Jahre an – Daniela Ryf (2015–2018), Jan Frodeno (2015 und 2016) und Patrik Lange (2017 und 2018) – stellt man fest: Alles sind sehr ausgeglichene Athleten und haben keine Schwäche. Langes «schwächste» Disziplin, das Radfahren, hat keine grosse Konsequenz, weil er mit der Spitze aus dem Wasser kommt und den Anschluss an diese auch auf dem Rad nie ganz verliert. Und über seine Laufleistung kann ich ohnehin nur ungläubig staunen.

Bei den Frauen ist Daniela Ryf in normaler Form nicht zu schlagen. Sie schwimmt solide, fährt «wie eine Maschine» Rad und läuft danach noch einen superschnellen Marathon, als wäre es das Normalste der Welt. So macht sie auch den Unterschied zu ihrer stärksten Konkurrentin Lucy Charles. Die ehemalige Leistungsschwimmerin hat im Vergleich zu Daniela auf dem Rad und im Laufen das Nachsehen.

Mit Blick auf Kona wird es spannend zu sehen sein, wie sich der zweifache Olympiasieger und Kurzdistanz-Dominator Alistair Brownlee schlagen wird. Während man sich jahrelang etwas vor einer Invasion der Kurzdistanz-Athleten auf der Langdistanz fürchtete, kann man heute sagen: Ganz so schlimm war sie nicht, denn mit Athleten wie Sebi oder Bart sind auch heute noch die klassischen Langdistanz-Athleten mit dabei.

Langfristig bin ich aber davon überzeugt, dass künftig noch einige interessante «Kurzdistanzler» die Langdistanz aufmischen werden und sich Frodo, Lange und Co. im heissen Kona warm anziehen müssen.

News teilen