Klammheimlich zum Mitfavoriten avanciert

Eisschnellläufer Livio Wenger

Livio Wenger? Der Name ist dem breiteren Publikum noch unbekannt. Dabei hat dieser Livio Wenger in dieser Saison bereits ein kleines Stück Sportgeschichte geschrieben.

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Livio Wenger? Der Name ist dem breiteren Publikum noch unbekannt. Dabei hat dieser Livio Wenger in dieser Saison bereits ein kleines Stück Sportgeschichte geschrieben. Als erster Schweizer Eisschnellläufer schaffte er nämlich einen Podestplatz im Weltcup. In seiner Paradedisziplin, dem Massenstart- Rennen, stürmte Wenger in Salt Lake City (USA) auf Rang 2 vor.

Eigentlich sensationell. Und in einem Olympiawinter höchst bemerkenswert, zu-mal die Disziplin Massenstart in Pyeongchang erstmals im Olympischen Programm figuriert. Die Medien hierzulande quittierten die Parforceleistung Wengers aber höchstens mit einer Randnotiz.

Übel nehmen darf man ihnen das nicht. Denn die Schweiz ist, obwohl ein Wintersportland, in Sachen Eisschnelllauf kaum weiter als Moçambique und Fidschi. Die altehrwürdige Natureisbahn in Davos, auf
der insgesamt 90 Weltrekorde aufgestellt wurden, ist 2016 geschlossen worden. An ihrer Stelle steht nun der Vergnügungspark «Eistraum Davos». Alle Bemühungen, hierzulande eine 400-m- Eisschnelllaufkunsteisbahn zu konstruieren, froren vorzeitig ein.

Bedenkliches Fazit: Eisschnellläufer haben in der Schweiz keine valablen Trainingsmöglichkeiten. Sie müssen ins Ausland ausweichen. Wie Livio Wenger. Er trainiert im Winter im deutschen Inzell nahe bei Salzburg, knapp 500 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Oder in den Niederlanden, wo Eisschnelllaufen als Volkssport zelebriert wird. Auf Wikipedia ist die Laufbahn Wengers nur auf Holländisch nachzulesen.

Von den Rollen auf die Kufen
Den Sprung an die Weltspitze hat der Luzerner über Umwege geschafft – sozusagen als Quereinsteiger. Livio Wenger ist ein gelernter Inliner. Wie Roger Schneider, der sich 2010 als letzter Schweizer Eisschnellläufer für Olympische Spiele zu qualifizieren vermochte. Und wie Ramona Härdi, die 20-jährige Aargauerin, die in Holland lebt und trainiert – und in Pyeongchang ebenfalls im Massenstart antreten wird.
Die Inline-Grundlagen sind offensichtlich hilfreich. Wenger gewann als Junior auf den Skates zwei EM-Titel und wurde zweimal Vize-Weltmeister. Seinen grössten Erfolg als Profi feierte er letztes Jahr mit einem 2. Platz an den World Games, den Weltspielen der nichtolympischen Sportarten. «Inline ist meine Berufung, meine Leidenschaft», hält der 25-Jährige fest. Weil die Boomsportart der 90er-Jahre aber von der Rolle geraten ist und sich die Träume von einer Aufnahme auf die Olympische Bühne frühzeitig zerschlugen, hat sich Inliner Wenger aufs Glatteis gewagt.

Im Eisschnelllauf, der seit 1924 fest im Olympischen Programm verankert ist, hat er die besseren Chancen auf finanzielle Unterstützung – von der Sporthilfe, von Swiss Olympic, von der Armee und vom Kanton Luzern (Projekt «Unsere Helden»). «Als Inliner wirst du nur von Inlinern wahrgenommen», sagt Wenger, «als Eisschnellläufer stehst du aber zumindest an Olympischen Spielen im Fokus der Öffentlichkeit.»

Mit 20 Jahren versuchte er sich erstmals auf den Kufen. Animiert und unterstützt wurde er dabei insbesondere von Kalon Dobbin, seinem einstigen Vorbild und Mentor. Der Neuseeländer, der ihn schon als Bub betreute (damals noch beim Team Powerblade), hatte als Inline-Champion ebenfalls den Umstieg auf die Kufen gewagt. «Er hat mir wertvolle Tipps vermitteln können», zeigt sich der Luzerner dankbar.

Am Anfang belächelt
«Anfänglich haben die alteingesessenen Eisschnellläufer noch gelacht über unsere Truppe», erinnert sich Wenger, der zumeist mit Kalon Dobbin und dessen neuseeländischem Team trainiert. Heute lacht niemand
mehr. Bereits in ihrer dritten Weltcup-Saison haben die Inliner die Weltspitze im Eisschnelllauf aufgemischt. Neben Wenger qualifizierte sich auch der Neuseeländer Peter Michael für Pyeongchang.

Wenger erfüllte dabei die Qualifikations-Limite von Swiss Olympic nicht nur im Massenstart (bereits mit dem 5. Rang beim Weltcup-Auftakt in Heerenveen), sondern sicherte sich mit neuen Landesrekorden
auch die Olympia-Startplätze über 1500 m und 5000 m. Der letzte Schweizer, der sich als Eisschnellläufer dreifach für Olympische Spiele qualifizieren konnte, war vor 40 Jahren ein gewisser Franz Krienbühl.

Reelle Medaillenchancen hat Wenger aber nur in der Disziplin Massenstart. Sein Vorteil: Als Inliner kennt er sich aus mit Positionskämpfen. «Ich weiss, wann ich wo und wie beschleunigen muss», erklärt er
selbstbewusst. Dass er über ein feines taktisches Gespür verfügt, hat er bei seinem 2. Platz im Weltcup eindrücklich bewiesen. «Im Massenstart-Rennen kann vieles passieren», weiss Wenger, «ich fliege aber
nicht nach Pyeongchang, um im Halbfinal auszuscheiden.» Eine Medaille sei das erklärte Ziel.

Hierfür hat er auch seine Vorbereitung optimiert. Er verzichtete auf eine Teilnahme an den Europameisterschaften und verbrachte die letzten vier Wochen in Kanada – zumeist in der Eishalle in Calgary. Seine
Begründung: «Die Qualität des Eises ist da ähnlich wie in Pyeongchang: extrem hart und schnell.» Wenger will auf dem Weg zu seinem grossen Ziel möglichst wenig dem Zufall überlassen. Selbst den Transfer hat
er optimiert. Wenger fliegt direkt von Calgary nach Pyeongchang. Die offiziellen Kleider von Swiss Olympic fasst er erst in Südkorea.

Martin Feigenwinter, der fürs Schweizer Fernsehen die Olympischen Eisschnellläufe als Co-Kommentator und Experte verfolgen wird, traut Wenger jedenfalls eine Medaille zu. «Livio hat extrem Fortschritte gemacht und zuletzt konstant starke Leistungen gezeigt. Mit etwas Glück kann er gar Olympiasieger werden.» Fraglich sei bloss, wie er mit dem ganzen Rummel in Pyeongchang zurechtkomme. «Olympische Spiele sind viel stressiger als Weltcup-Veranstaltungen.» Wenger, der optisch an Schauspieler Ryan Gosling erinnert, blickt der allfälligen Hektik gelassen entgegen. «Das wird schon», sagt er unbeeindruckt.

Familie Live vor Ort
Gespannt ist hingegen sein familiäres Umfeld. Sein Vater Ruedi Wenger, einst ein passionierter Langläufer, der beim Engadin Skimarathon 1989 den 15. Platz erreichte, wird nach Pyeongchang reisen – zusammen
mit seiner Frau Elsbeth und Tochter Nadja (26), auch sie eine begnadete Inlinerin. Letztes Jahr skatete sie an der Universiade in Taipeh auf Rang 7.

«Wir sind stolz, dass es Livio an die Olympischen Spiele geschafft hat», sagt Ruedi Wenger, «und wir wollen ihn dort auch unterstützen.» Besondere Erwartungen habe er allerdings keine. Schliesslich sei Livio als Eisschnellläufer ein Rookie und habe noch viel Entwicklungspotenzial. «Seine Zeit kommt erst.» Die übernächsten Olympischen Spiele finden 2022 in Peking statt. Livio Wenger ist dann 29-jährig – im besten Alter.

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