Artikel - FIT for LIFE Magazin

Kasierin des Radsports

Marie-Odile Amaury

Man sieht sie fast nie, man hört sie fast nie. Und trotzdem ist Marie-Odile Amaury allgegenwärtig. Die 81-jährige Französin besitzt die grössten Radrennen der Welt. Wer ist die hagere Frau, die fette Gewinne einstreicht?

Copyright: Keystone

Frauen gelten in Führungsetagen – zumal im Sport – als sträflich untervertreten. Es gibt aber Ausnahmen: Die Russin Marina Granowskaja (46) beispielsweise führte den FC Chelsea als Direktorin jüngst zum Triumph in der Champions League. Die rechte Hand von Klubbesitzer und Öl-Milliardär Roman Abramowitsch hat die «Blues» mit ihren Massnahmen und Transfers in den letzten Jahren massgeblich mitgestaltet und mitbestimmt. Nebenher fädelte Granowskaja den Ausrüster-Deal mit SportartikelGigant Nike ein, der dem FC Chelsea in 15 Jahren mehr als eine Milliarde Franken in die Kassen spülen soll.

Oder die Senegalesin Fatma Samba Diouf Samoura, seit 2016 die erste Generalsekretärin beim Weltfussballverband FIFA. Die Frau mit dem klangvollen Namen ist vom Wirtschaftsmagazin Forbes eben zur «mächtigsten Frau im internationalen Sport» gekürt worden.

Auch im Radsport, einer andern MännerDomäne, hat eine Frau das Sagen: die 81-jährige Marie-Odile Amaury. Die Elsässer Erbin gebietet mit strenger Hand über den Grosskonzern Amaury Sport Organisation, kurz ASO, ein Familienunternehmen, das zu 100 Prozent Marie-Odile Amaury und ihren Kindern Aurore und Jean-Etienne gehört.

Mächtiger als der Weltverband?
Die ASO ist der grösste Radsport-Veranstalter der Welt, mächtiger gar noch als der Radweltverband UCI, wie vielerorts gemunkelt wird. Die ASO hat die Tour de France im Portfolio, ein französisches Nationalheiligtum wie der Eiffelturm oder der 14. Juli. Der ganze Rad-Zirkus lebt von der Tour. Insider schätzen, dass 70 Prozent der Visibilität jedes World-Tour-Teams in den drei Frankreich-Wochen gemacht werden. Für Teams und Fahrer lohnt es, sich zu zeigen. Entsprechend nervös wird in den ersten Tour-Etappen jeweils gefahren.

Zuweilen scheint es, als hätte die Tour de France den Radsport im Griff – und nicht umgekehrt. Im letzten Jahr, als die Grossveranstaltungen Pandemie-bedingt reihenweise abgesagt oder wie die Fussball-Euro und die Olympischen Spiele verschoben werden mussten, stand die Tour trotz steigenden Corona-Zahlen wie ein Fels in der Brandung und wurde im Spätsommer trotz vielerlei Kritik aus dem Gesundheitswesen als erster «Big Event» inszeniert. Der Durchhaltewille zahlte sich aus: Im Windschatten der Tour brachte der Radweltverband im Verlauf der nächsten zwei Monate schliesslich einen Grossteil der Klassiker und gar noch die beiden andern Grand Tours, den Giro und die Vuelta, über die Bühne.

Sie fährt einen Peugeot 308
Marie-Odile Amaury ist dabei nie öffentlich aufgetreten. Die Kaiserin des Radsports zieht die Fäden diskret im Hintergrund. «Ich bewundere bei Sportlern diese geballte Leidenschaft, die über alle Normen hinausgeht und wo sich der einzelne bis zum Exzess engagiert», sagte Amaury einmal. Viel mehr erfahren aber auch die meisten Franzosen nicht von ihr – sie gibt kaum Interviews.

Überliefert ist, dass die Tour-Patronin Heavy Metal mag, einen bescheidenen Peugeot 308 fährt und rund 300 Millionen Euro auf dem Bankkonto haben soll. An die Spitze des ASO-Konzerns gelangte Amaury 2006, kurz nachdem ihr Mann gestorben war.

Seither regiert sie mit eiserner Hand. Die Bühne aber überlässt sie ihrem Sohn Jean-Etienne, der die ASO leitet, und ihrer Tochter Aurore, die sich im Konzern um die Rechtsfragen kümmert. Oder zuweilen auch den Kommentatoren der Sportzeitung «L’Equipe», dem grössten französischen Sportblatt, das jeweils begeistert und umfangreich über die Tour berichtet – und kaum Kritik daran übt. Und wenn, genügt eine kleine Bemerkung von Marie-Odile Amaury, man solle vielleicht «etwas weniger» über das Dopingthema schreiben. Das jedenfalls soll sie den L’Equipe-Journalisten vor einigen Jahren empfohlen haben. Dazu muss man wissen: Marie-Odile Amaury besitzt auch L’Equipe. Und damit ein öffentliches Kontrollorgan.

Mittlerweile hat die Tochter eines mittelständischen Optikers aus Strassburg auch viele andere Radrennen gekauft: Die Vuelta in Spanien und die Deutschland-Tour sowie die beiden Rad-Monumente Paris– Roubaix und Lüttich–Bastogne–Lüttich. Hinzu kommen Rennen in Oman und Saudi-Arabien, in Japan und in China.

Mehr und mehr organisiert die ASO auch Amateurrennen mit dem Label «Tour de France», in Australien, Brasilien, Mexiko, Südafrika, England, Frankreich und neu auch in der Schweiz. «Wir wollen», hat Marie-Odile Amaury in einer Mitteilung der ASO ausrichten lassen, «den Radsport globalisieren».

Freilich macht dies die ASO nicht nur aus Nächstenliebe. Die Euros sollen rollen. An der Tour de France scheffelt sie vor allem durch den Verkauf der TV-Rechte Geld – 60 Prozent des Umsatzes von kolportierten 400 Millionen kommen von den TV-Stationen, 30 Prozent steuern die begehrten Sponsorenverträge bei, 10 Prozent die Etappenorte.

Damit ist die ASO – so behaupten viele – mächtiger als der Radweltverband UCI. Krasser ausgedrückt: Die UCI frisst der ASO, und damit auch der 81-jährigen Amaury, aus der Hand. Das Motto: Zuerst kommt die Tour, dann die Tour und zuletzt die Tour. Eine Milliarde Menschen sitzt jeweils live vor dem Bildschirm.

Von Milliarden würde Marie-Odile Amaury aber wohl nie sprechen. Dafür ist sie zu diskret – und wohl auch zu sparsam. In Paris nennt man sie «Tata Picsou», zu Deutsch so etwas wie die Knausertante. Exemplarisch dafür stehen die Preisgelder an der Tour de France: 2,3 Millionen Euro werden insgesamt ausgeschüttet. Der Gesamtsieger erhält 500000 Euro, ein Etappensieger 11 000 Euro. Pro Tag im Gelben Leadertrikot gibts 500 Euro, der Bergkönig erhält täglich 300 Euro. Das ist innerhalb des Radsports zwar das Nonplusultra – für viele könnte es aber mehr sein. Als Vergleich: Die French Open haben in diesem Jahr Preisgelder in der Höhe von 34,37 Millionen Euro ausgeschüttet. Wer die erste Runde überstand, erhielt dafür 60000 Euro. Novak Djokovic verliess Roland Garros mit einem 1,4 Millionen-Euro-Scheck.

Der Radsport ist längst in den Fängen der ASO. Und damit auch von Marie-Odile Amaury, der mächtigsten Frau im Rad-Zirkus. Sie habe indes nur ein Geschäftsziel, hört man immer wieder: Sie will ihren beiden Kindern einen gesunden Konzern hinterlassen.

News teilen