Julien Wanders im Interview

«Ich bin nicht verrückt, nur konsequent.»

Julien Wanders letzte Monate waren ein einziger Triumphlauf. FIT for LIFE besuchte den Genfer Langstreckenläufer in seiner Wahlheimat Kenia.

Copyright: Jürg Wirz
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Julien Wanders, wir sitzen in Ihrem kleinen Zweizimmer- häuschen in der kenianischen Kleinstadt Iten. Sie verbringen hier inzwischen mehr Zeit als in der Schweiz.
Das stimmt. Im letzten Jahr waren es gut sieben Monate, dieses Jahr dürften es sogar mehr werden. 2014 kam ich zum ersten Mal nach Kenia, erst 18-jährig und alleine unterwegs. Ich sagte mir: Wenn ich so gut werden will wie die Kenianer, muss ich so leben und trainieren wie sie. Meine Eltern waren nicht begeistert, aber sie wussten, dass ich das unbedingt wollte und sie mich nicht davon abhalten konnten. Nach der Matura hatte ich nur ein Ziel: ein sehr guter Läufer zu werden.

Kann man sagen, dass Sie sich, was Lebensbedingungen und Trainingsmethoden  betrifft, den Kenianern angepasst haben?
In Sachen Lebensbedingungen: ja. Was das Training betrifft, nicht unbedingt. Ich trainiere zwar ebenso hart und viel – bis 200 Kilometer in der Woche – aber mein Trainer Marco Jäger, der mich bei Stade Genève betreut seit ich 15 bin, schreibt das Traningsprogramm und ist mit mir über WhatsApp mehrmals in der Woche in Kontakt. Er erklärt mir auch immer, warum wir welche Einheit machen. So habe ich auch selbst viel gelernt. Er ist jemand, der sich ständig weiterbildet. Was besonders wertvoll ist: Ich habe eine Gruppe, die sich mir anpasst, ich muss mich nicht mehr wie in den ersten Jahren nach Trainingspartnern umsehen. Meiner Meinung nach machen die kenianischen Läufer generell zu wenig Schnelligkeits- und Krafttraining und verlieren deshalb im Endspurt sehr oft gegen die Äthiopier. In meinem Training hat es daher auch Elemente zur Verbesserung der Schnelligkeit und Dynamik, zudem gehe ich viermal in der Woche ins Fitnessstudio, und das werde ich auch weiter tun, wenn dann die Bahnsaison beginnt. Dazu habe ich regelmässig Massage.

Es scheint, dass Sie auch vom kenianischen «Way of Life» fasziniert sind, vom einfachen Leben, das im starken Kontrast zur perfekten Schweiz steht.
Keine Frage, ich fühle mich inzwischen in Kenia wohler als in der Schweiz. In der Schweiz ist das Leben ziemlich stressig. Aber natürlich gibt es auch viel Positives, zum Beispiel das Essen. Du bekommt alles, was du willst. Das Leben ist leichter. Wenn du sehr müde bist, kannst du dich in einer komfortablen Umgebung erholen. Meine Eltern wohnen in einem schönen Apartment in Genf. Es hat mir als Kind nie an etwas gefehlt. Aber man hat mir schon früh beigebracht, dass man im Leben nie alles haben kann. Inzwischen bin ich vielleicht zweimal drei Wochen im Jahr, immer dann, wenn ich Rennen habe, bei meinen Eltern, die restlichen zwei bis drei Monate in St. Moritz. Auch dort lebe ich ziemlich bescheiden. 

Haben Sie in der Schweiz noch Freunde, die Sie sehen?
Die Einzigen, mit denen ich mich treffe, sind die Kollegen von Stade Genève. Mit den ehemaligen Mitschülern habe ich keinen Kontakt mehr. Die bewegen sich in einer anderen Welt, da gibt es kaum Gemeinsamkeiten. Aber ich vergesse nicht: Genf ist, wo meine Wurzeln sind. Dort habe ich meine Eltern und meinen Coach. Sie von Zeit zu Zeit zu sehen, ist schön. Und meine Trainingsgruppe. Meine Freunde sind im Klub. Mit ihnen gehe ich laufen und auch mal zum Essen. Aber für mein Training ist Genf nicht ideal; es fehlt an gleichwertigen Partnern. Auch deshalb bleibe ich jeweils nur kurz.

Die meisten Kenianer denken nicht an  morgen, sie leben im Hier und Heute. Führt das in der Trainingsgruppe nicht zu Problemen?
Von der Mentalität her, so wie ich denke und funktioniere, bin ich immer noch Schweizer. Ich trage gerne Verantwortung und bin gerne ein Leader. Ich bin von Natur aus ein disziplinierter Mensch, es macht mir Spass, meinen Tag genau zu planen und zu strukturieren. Obwohl ein paar Trainingskollegen deutlich älter sind Läuft als ich, akzeptieren sie mich in dieser Rolle. Und es gibt ja auch Kenianer, die so sind. Ein Wilson Kipsang zum Beispiel, der hier in Iten seine eigene Trainingsgruppe hat, ist auch sehr fokussiert, oder ein Eliud Kipchoge; eigentlich alle, die erfolgreich sind. Andererseits profitiere ich auch von der kenianischen Art. Ich habe gelernt, alles ein bisschen entspannter zu sehen. Was mich hier fasziniert: Wenn du von einem erfolgreichen Rennen im Ausland zurückkommst, bist du genau wieder ein Teil der Gruppe wie zuvor. Du lebst weiter in deiner einfachen Umgebung, trainierst weiter hart und bereitest dich auf das nächste Ziel vor.

In Iten mieten Sie für umgerechnet 80 Franken im Monat ein kleines Zweizimmerhäuschen. Unter der Woche kochen Sie selbst, am Wochenende ist ihre kenianische Freundin Jepkorir, eine Lehrerin, bei Ihnen; mit ihr sind Sie seit einem Jahr zusammen. Besteht keine Gefahr, dass sich dadurch Ihre Prioritäten verschieben?
(Lacht laut.) Ich habe ihr von Anfang an klargemacht, dass das Laufen meine absolute Priorität ist. Sie weiss das und sie versteht das. Ich würde wegen einer Frau, auch wenn ich sie sehr liebe, nie meinen Fokus verlieren. Aber ich denke, die Tatsache, dass ich jetzt noch etwas anderes im Leben habe, das mich glücklich macht, hilft mir auch als Läufer. Es ist eine ernste Beziehung. Jepkorir war Ende Jahr drei Wochen mit mir in der Schweiz und ich feierte Weihnachten mit ihrer Familie. Sie hat in Genf sogar bei der Escalade mitgemacht und läuft jetzt regelmässig. Ich denke, sie ist talentiert. 

Wie verbringen Sie Ihre Tage neben dem Training?
Ich habe in Iten meinen Laptop, einen Fernseher und lese auch gerne. Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht. Mein Tagesablauf besteht aus dem Dreiklang trainieren-essen-schlafen. Tagwache ist in der Regel um 5.30 Uhr, Nachtruhe um 22 Uhr.

Haben Sie Idole, Sportler, zu denen Sie aufschauen?
In der Schweiz ist das ganz klar Roger Federer. Ich bewundere ihn. Er ist wirklich in jeder Beziehung aussergewöhnlich. Ein grossartiger Sportler und ein grossartiger Mensch. Ich bin ein Fan von Federer, viel mehr als von Wawrinka. Auf internationaler Ebene: Eliud Kipchoge. Er ist ebenfalls ein fantastischer Athlet, gleichzeitig ein bescheidener Mensch, überhaupt nicht abgehoben. Und wenn er spricht, hat er immer etwas zu sagen. Er liest Bücher, ist gebildet und klug. Vor kurzem hielt er sogar eine Rede an der Oxford-Universität.  

Wie würden Sie sich denn selbst charakterisieren, als Läufer und als Mensch?
Ihre Stärken und Schwächen? Meine Stärke ist zweifellos mein Kopf. Ich weiss, was ich will und mache das auch. Schwäche? Ich war in der Vergangenheit oft zu ungeduldig, wollte zu schnell zu viel. Und wenn ich die Trainingsresultate im Wettkampf umsetzen sollte, gelang mir das nicht immer. In der Zwischenzeit mache ich Entspannungsübungen mit Sophrologie*. Entscheidend, dass ich zum Siegläufer wurde, ist aber wohl etwas anderes. Nach der schlechten Bahnsaison – ich hatte mich in den wichtigen Rennen zu sehr verkrampft – lief ich an der Schweizer Meisterschaft in Zürich über 1500 Meter, eigentlich nicht meine Distanz. Ich führte fast vom ersten bis zum letzten Meter, weil ich den Sieg unbedingt wollte. Das hat mir gezeigt, dass ich auch auf der Bahn stark laufen kann und mir viel Selbstvertrauen gegeben.

Sie werden erst 22, trainieren aber bereits wie die besten Marathonläufer. Viele Aussenstehende sagen: Dieser junge Schweizer ist verrückt. Ist Ihnen das bewusst?
Ich weiss das. Ich höre das und habe das auch schon ein paar Mal gelesen, zum Beispiel auch vom französischen Headcoach. Aber ehrlich: Es ist mir ziemlich egal, was andere sagen oder denken. Ich bin gerne ein bisschen anders, extremer, innovativ. Ich bin nicht verrückt, ich bin nur konsequent. Und ich vertraue Marco, meinem Coach. Wir haben über viele Jahre das Training behutsam aufgebaut und kontinuierlich gesteigert. Ich habe als Kind mit meiner Familie sehr viele verschiedene Sportarten betrieben, das gab mir das Fundament für später. Und solange mein Körper gut auf die Belastungen reagiert, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Ich denke, im Vergleich zu anderen Läufern habe ich eine sehr gute Erholungsfähigkeit. Das ist Talent, hat aber auch mit meinem Willen zu tun. Was ist besser: Ich lebe und trainiere auf meine Art und realisiere sehr gute Zeiten oder ich trainiere ganz normal wie die meisten Schweizer und erreiche bloss durchschnittliche Resultate?

Sie erwähnen den französischen Cheftrainer. Dank Ihrer Mutter haben Sie ja auch die französische Staatsbürgerschaft. Wie reagiert die französische Öffentlichkeit auf Sie?
Ich habe das Gefühl, man kennt mich in Frankreich besser als in der Schweiz. Ich erhalte jeden Tag 10 bis 15 Mitteilungen aus Frankreich, aus der deutschen Schweiz aber praktisch keine. Die Franzosen feiern mich als einen der ihren, obwohl ich für die Schweiz laufe. Es scheint, dass es in Frankreich mehr Leicht athletikfans gibt als in der Schweiz. 

Spüren Sie den Röstigraben?
Was den Unterschied zwischen der welschen und der deutschen Schweiz betrifft, denke ich oft, wir haben eine andere Mentalität. Die Kollegen aus der Deutschschweiz sind sehr ernsthafte Menschen, auch wenn es ums Training geht. Sie versuchen immer alles recht zu machen, aber sie trainieren nicht wirklich hart. Man muss nur schauen, wie viele Läufer aus der Deutschschweiz in Iten im komfortablen Hotel Kerio View sind und wie viele aus dem Welschland als Selbstversorger in einer kleinen Wohnung. Ich habe inzwischen so viele Sponsoren, dass ich mir problemlos ein Hotelzimmer leisten könnte, aber ich tue das, was mich als Mensch und Athlet weiterbringt.

Beim Halbmarathon in Barcelona am 11. Februar haben Sie Tadesse Abrahams Schweizer Rekord von 60:42 auf die Weltklassezeit von 60:09 Minuten verbessert (vgl. Box rechts). Jetzt folgt die Halbmarathon-WM Ende März und dann beginnt schon bald die Bahnsaison. Was haben Sie sich für dieses Jahr noch  vorgenommen? Und was für die weitere Zukunft?
Mit dem Rekord von Barcelona habe ich ein grosses Jahresziel bereits erreicht. Ich wollte um die 60 Minuten herum laufen und das ist mir gelungen. An der Halbmarathon-WM geht es in erster Linie um die Bestätigung. Und dann möchte ich an der EM in Berlin über 5000 Meter zeigen, dass ich nicht nur ein sehr guter Strassenläufer bin. Klar ist, dass ich irgendwann in der Zukunft zum Marathon wechseln werde. Ich kann mir im Moment folgenden Zeitplan vorstellen: Bis 2020 in erster Linie Bahnläufer, an den Olympischen Spielen 2024 laufe ich dann wohl den Marathon. Aber ich möchte schon vorher, zuerst als Tempomacher in den grossen City-Marathons, Erfahrungen sammeln. Dass der Weltrekord im Marathon bis dann weiter herunterkommen wird, stört mich nicht. Ich denke, es gibt keine Grenze. Die Barrieren befinden sich vor allem im Kopf.

Wer in Ihrem Alter so stark läuft und viele  Monate in Kenia verbingt, muss sich auch Dopingfragen gefallen lassen.
Ich bin in Kenia noch nie mit Doping konfrontiert worden. Nie hat mir jemand irgendetwas angeboten, und auch in meiner Trainingsgruppe ist das kein Thema. Ich bin 2017 insgesamt etwa 20 Mal kontrolliert worden, zuletzt auch in  Bulle, Genf und Houilles, und im Januar hat mich Antidoping Schweiz in Iten aufgesucht. 

 

 

 

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