Artikel - FIT for LIFE Magazin

Judith Wyder kann wieder lachen

Schlaganfall während Schwangerschaft

Schwangerschaft, Schlaganfall, Corona, Geburt, Genesung – Judith Wyder hat ein äusserst bewegtes Jahr hinter sich.

Copyright: Andreas Gonseth

Kurz vor Weihnachten 2020: Dynamisch, fröhlich und optimistisch, wie man sie kennt, erscheint Judith Wyder mit dem Velo beim Treffpunkt in Bern – und erzählt ihre Geschichte.

Am 25. Dezember 2019 sitzt Judith Wyder mit ihrem Mann Gabriel Lombriser und der knapp zweijährigen Tochter Linn gemütlich beim Essen. Die Kleinfamilie geniesst einen ruhigen und besinnlichen Weihnachtsabend. Kurz zuvor ging die professionelle Trailläuferin noch joggen, wie fast jeden Tag. Diesmal rund eine Stunde, ganz locker, Judith Wyder ist im vierten Monat schwanger. Die frisch gebackene Gesamtsiegerin der Golden Trail World Series fühlt sich gesund und blickt optimistisch auf das kommende Jahr.

Als sie in der Nacht aufwacht, plagen sie heftige Kopfschmerzen. Noch denkt sie sich wenig dabei, Migräne-Anfälle begleiten sie ihr Leben lang. Sie nimmt eine Schmerztablette und legt sich wieder hin. Als die Schmerzen trotz Medikament gegen den Morgen hin sogar stärker werden, bleibt sie im Bett liegen. Noch immer ist sie nicht stark beunruhigt, obwohl der Schmerz im Kopf hämmert und die Augen flimmern. Als die Stunden ohne Besserung vergehen, ruft sie am Nachmittag die medizinische Beratung ihrer Krankenkasse an. Es wird ihr empfohlen, sich in der Notfallstation des Inselspitals Bern zu melden.

Dort angekommen, muss sie zahlreiche Fragen beantworten, Puls und Blutdruck werden gemessen, Blut genommen. Die Werte sind normal. Der Arzt stellt ihr ein Rezept gegen die Kopfschmerzen aus. Judith Wyder wirft einen kurzen Blick darauf und sagt, sie sehe nur verschwommen und könne nicht lesen, was auf dem Zettel stehe. Diese Aussage verändert die Einschätzung des Arztes fundamental, er sagt, er wolle zur Sicherheit ein Computertomogramm (CT) des Kopfes machen. Schnell zeigt sich, dass dies die richtige Entscheidung war: In Judith Wyders linker, hinterer Hirnhälfte ist ein grosser, weisser Fleck zu erkennen. Die helle Fläche bedeutet, dass dieses Areal nicht mehr durchblutet ist und Hirnzellen abgestorben sind. Judith Wyder hat einen Hirnschlag erlitten, einen Schlaganfall, bei dem ein Teil des Gehirns nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird.

Zermürbende Ungewissheit
Die werdende Mutter erhält sofort Blutverdünner und muss im Spital bleiben. Es folgen fünf Tage mit neurologischen Untersuchungen. Judith Wyder liegt in einem Viererzimmer mit drei weiteren Patientinnen, die alle rund 30 Jahre älter sind. Sie versucht, ihre Gedanken zu sortieren, stellt sich Fragen über Fragen. Ob sie sich zu stark beansprucht habe, warum das ausgerechnet ihr passieren konnte, ob der Schlaganfall Folgen auf die Schwangerschaft haben könnte, ob ihre Sehkraft wieder besser werde, ob sie wieder Sport treiben könne und überhaupt: ob sie je wieder dieselbe werde wie vor dem Hirnschlag? Gleichzeitig ist ihr oft schlecht, was bei der ersten Schwangerschaft weniger der Fall war. Und immer noch diese elenden Kopfschmerzen, wenn nun auch etwas weniger stark.

Für den quirligen Bewegungsmenschen sind es schwierige Tage, die Ungewissheit nagt. Sie darf sich nicht bewegen, sieht unscharf, im Gespräch fehlen ihr häufig die passenden Wörter, vieles vergisst sie sofort wieder, und manchmal denkt sie, «ich sei blöd geworden». Ein bisschen beruhigt sie zumindest die Entwarnung der Ärzte, sie habe überhaupt nichts falsch gemacht, es sei nicht ihr Fehler.

Ursache des Hirnschlags unklar
Trotz detaillierter Abklärungen können die Ärzte nicht herausfinden, was genau den Schlaganfall bei Judith Wyder ausgelöst hat. Was die Spezialisten aber entdecken: Judith Wyder hat ein sogenanntes offenes Foramen ovale, ein kleines Loch in der Scheidewand, wodurch ein Blutübertritt vom rechten Herzvorhof (Lungenkreislauf) in den linken Vorhof (Körperkreislauf) möglich wird.

Ein Foramen ovale ist eine vorgeburtliche Vorsichtsmassnahme des Körpers und für das Baby überlebenswichtig, weil es nur so das sauerstoffreiche Blut der Mutter in seinen Kreislauf bekommt, da die Lunge vor der Geburt noch nicht belüftet ist. Normalerweise verschliesst sich das Foramen ovale wenige Tage nach der Geburt, bei Judith Wyder hingegen blieb das kleine Loch dauerhaft bestehen und hat vermutlich den Durchgang eines Gerinnsels ermöglicht. Da keine andere Ursache des Schlaganfalls gefunden werden konnte, bleibt dies die wahrscheinlichste Erklärung.

Was bei einem Hirnschlag immer gilt: Der Faktor Zeit ist matchentscheidend. Je schneller ein Schlaganfall entdeckt wird und die nötigen Massnahmen (wie z. B. eine Blutverdünnung oder Gerinnselentfernung) ergriffen werden, desto grösser stehen die Chancen, dass keine bleibenden Schäden entstehen.

Insofern war es bei Judith Wyder von grossem Nachteil, dass die ersten Symptome nicht gänzlich ungewohnt waren und ihre Alarmglocken erst losgingen, als die enorm starken Kopfschmerzen trotz Medikamenten nicht besser wurden. Gut möglich auch, dass Leistungssportlerinnen Schmerzen länger tolerieren und weniger schnell beunruhigt sind als andere Menschen.

Schleppende Genesung
Nach fünf Tagen kann Judith Wyder das Spital verlassen, doch die ersten Wochen zu Hause sind zäh. Spaziergänge bricht sie nach 30 Minuten ab und kehrt kaputt nach Hause zurück, um sich hinzulegen. Ihre Konzentrationsfähigkeit ist miserabel, Computerarbeit ist undenkbar. Die eingeschränkte Leistungsfähigkeit zehrt an der Motivation.

Geduld ist nicht die grosse Stärke der Athletin und Mutter. Sie schläft schlecht, die chronischen Kopfschmerzen zermürben, das Gesichtsfeld ist nach wie vor eingeschränkt, dazu muss sie Blutverdünner nehmen und darf nicht Auto fahren. So wird auch die Logistik im Alltag mit der zweijährigen Linn komplizierter und Judith Wyder benötigt (Fahr-)Hilfe von ihrem Umfeld.

Entscheidend für ihre Zuversicht ist, dass sie kontinuierlich Fortschritte macht, es immer – wenn auch in kleinen Schritten – vorwärtsgeht, und sie sich schon bald wieder bewegen darf. Ganz lockere Läufe, zuerst zur Sicherheit nur kurz und immer zu zweit, dann auch mal alleine, neu immer mit dem Handy dabei für den Notfall.

Rückblickend sagt sie: «Ich habe rasch gemerkt, dass ich keine existenziellen Ängste habe und mich durchaus mit weniger Sport anfreunden kann, aber gleichzeitig war die Ungewissheit gross, wie es weitergehen würde. Schwierig war zudem, dass ich nicht an einer offensichtlichen Verletzung leide wie sonst im Sport üblich, sondern neurologische Probleme habe, die andere nicht kennen und die unsichtbar sind.»

Lockdown bringt Ruhe
Im März 2020, knapp drei Monate nach dem Schlaganfall, kommt der Corona-Lockdown. Für Judith Wyder kein Unglück, im Gegenteil. Durch den Wegfall vieler sozialer Kontakte und den Ausfall von Sportevents ist sie jetzt «Vollblut-Mami», der gesellschaftliche Stillstand bringt Zeit und Musse, sich ihrer Genesung zu widmen. Sie verbringt viel Zeit draussen mit Linn, zudem steht schon bald die Geburt des zweiten Kindes an. Im Mai ist es so weit, die kleine, gesunde Jonna kommt zur Welt.

Dann geht es in immer schnelleren Schritten vorwärts. Die läuferischen Ausflüge der ehemaligen OL-Weltmeisterin werden wieder länger und intensiver, sie wird robuster und belastbarer, kann sich besser konzentrieren – und ab Oktober darf sie wieder Auto fahren. Ebenfalls im Oktober lässt sie sich das Foramen ovale operativ verschliessen. Ein kleiner Eingriff, bei dem das kleine Loch mittels Katheter ohne Narkose von der Leiste aus verschlossen wird. Der operierende Arzt, Professor Räber vom Inselspital Bern (vgl. Interview unten), riet ihr dringend zur Operation und versicherte ihr, dass bei einer Schliessung das Risiko eines erneuten Hirnschlags deutlich geringer sei.

Mit Optimismus in die Zukunft
Gut ein Jahr nach dem Vorfall schätzt Judith Wyder ihre Leistungsfähigkeit auf «80 %–85 %, mit weiterhin steigender Tendenz». Immer noch eingeschränkt ist ihr Sehfeld und damit auch ihre Trittsicherheit im Gelände, und ab und zu findet sie die passenden Worte nicht oder kann sich schlecht erinnern. Aus Erfahrung dauert die komplette Regeneration nach einem Schlaganfall rund zwei Jahre.

Komplett zurück ist Judith Wyders Zuversicht, der positive Blick in die Zukunft – und viel Dankbarkeit. «Mir ist im vergangenen Jahr bewusst geworden, wie viel Glück ich gehabt habe. Es hätte alles viel schlimmer kommen können. So war es insgesamt auch ein sehr schönes Jahr. Ich habe ein zweites Kind bekommen, hatte viel mehr Zeit und alle sind gesund, dafür bin ich höllendankbar.»

Die zeitliche Distanz gibt Judith Wyder zudem die Sicherheit, öffentlich über die Geschehnisse sprechen zu können, und dies auch zu wollen. Mit ein Grund dafür waren Begegnungen mit anderen Sportlern, die ähnliche Schicksale erlitten haben. «Ich habe gemerkt, dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas passiert und es jeden treffen kann.»

Was nimmt sie sonst noch mit aus dem lebensbedrohlichen Ereignis? «Wie wichtig eine sensible Körperwahrnehmung ist», betont sie, «und dass man vermehrt auf sein Bauchgefühl hören sollte. Ich hatte damals eigentlich rasch das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, nahm es zu Beginn aber zu wenig ernst. Gleichzeitig staune ich, wozu der Körper nach einem Einschnitt fähig ist. Dass bei mir einzelne Funktionen und Fähigkeiten jetzt einfach von anderen Hirnregionen übernommen werden, ist unglaublich.»

Auch sportlich blickt die zweifache Mutter optimistisch in die Zukunft: «Der Hirnschlag ist in meinem Bewusstsein zwar noch sehr präsent, aber gleichzeitig fühle ich mich genesen und fit, ich habe eine gesunde Familie und ein gesundes Umfeld. Daher möchte ich 2021 noch einmal Leistungssport betreiben und schauen, was dabei möglich ist.»

So Corona will, finden die ersten ernsthaften Trailläufe im Mai 2021 statt.


Nachgefragt bei Professor Lorenz Räber, interventioneller Kardiologe, Leiter Herzkatheterlabor am Inselspital Bern und behandelnder Arzt von Judith Wyder

Herr Räber, was genau ist der Unterschied zwischen einem Hirnschlag, einem Schlaganfall und einer Streifung?

Hirnschlag und Schlaganfall bedeuten das Gleiche. In der Mehrheit der Fälle wird durch ein Gerinnsel ein Hirngefäss verschlossen und dadurch eine Hirnregion nicht mehr durchblutet, wodurch es zu irreversiblen Schädigungen der Hirnzellen kommt. Bei einer Streifung oder einem «Streif-Schlägli», wie es in der Umgangssprache heisst, wird zwar ebenfalls eine Region vorübergehend zu wenig durchblutet, aber die betroffenen Hirnzellen können sich wieder erholen, es kommt also nicht zu irreversiblen Schädigungen. Für die Betroffenen sind die Symptome zu Beginn identisch.

Judith Wyder hat einen Hirnschlag erlitten?

Ja, Anteile der linken, hinteren Hirnregion sind bei ihr im Sinne eines irreversiblen Schadens betroffen. Glücklicherweise weist das Hirn eine gewisse Plastizität auf, das heisst, die Aufgaben von funktionslosen Zonen können teilweise durch benachbarte Regionen übernommen werden. Es dauert zwar eine gewisse Zeit und kostet Training, manchmal mehr als ein Jahr, aber Judith Wyder hat beste Chancen, dass sie sich mehrheitlich erholen wird.

Bei ihr wurde zudem ein offenes Foramen ovale diagnostiziert, ein kleines, ovales Loch im Herz. Hatte das einen Einfluss auf den Hirnschlag?

Bei unter 60-Jährigen wird nach einem Hirnschlag in rund 40 % der Fälle keine gängige Ursache gefunden. Von diesen 40 % haben allerdings rund die Hälfte ein offenes Foramen ovale, welches eine wahrscheinliche Ursache darstellt, so auch im Fall von Judith Wyder.

Was genau konnte bei Judith Wyder einen Hirnschlag auslösen?

Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist bei ihr in einer Beinvene ein Gerinnsel entstanden, vermutlich ausgelöst durch die Schwangerschaft, die ja generell mit einem leicht erhöhten Thromboserisiko einhergeht. Danach wurde das Gerinnsel ins rechte Herz gespült, worauf es entweder in die Lunge gelangen kann und dort zu einer Lungenembolie führt. Bei Judith Wyder ist es aber durch das offene Foramen ovale in die linke Herzkammer und von dort via Hauptschlagader ins Hirn gelangt. Deswegen war es von hoher Priorität, das Loch mit einem relativ einfachen Eingriff ohne Narkose zu verschliessen.

Ist dadurch die Gefahr eines erneuten Schlaganfalls gebannt?

Davon kann ausgegangen werden. Drei grosse Studien zu diesem Thema belegen eine Risikoabnahme bis zu 80 %. Bei gesunden jungen Sportlerinnen wie Judith Wyder ist nach Verschluss des Foramen ovale ein erneutes Schlaganfall-Risiko äusserst gering und sie benötigt auch keine Medikamente mehr.

Müsste ein derart offensichtlicher Herzfehler bei einer Schweizer Spitzensportlerin nicht früher erkannt werden?

Ob umfangreiche Screenings des Herzens bei Spitzensportlern von Nutzen sind, ist selbst bezüglich plötzlichen Herztodes nicht erwiesen und auch als Präventionsmassnahme hinsichtlich der Gefahr für einen Schlaganfall nicht zu empfehlen. Rund ein Viertel aller Menschen im Erwachsenenalter besitzt ein offenes Foramen ovale, es ist daher schlicht nicht machbar, bei so vielen Menschen präventiv operativ einzugreifen. Bei den meisten Menschen bleibt ein Foramen ovale ohne Auswirkungen, und der Leistungssport selbst erhöht die Risiken für einen Schlaganfall nicht.

Kann zwischen einem Foramen ovale und Migräne ein Zusammenhang bestehen?

Es gibt einen Zusammenhang. Der Verschluss des offenen Foramen ovale führt nachweislich etwa bei einem von zehn Patienten mit starker Migräne zum Verschwinden derselben. Der Effekt ist nicht riesig, wenn man aber zu diesen 10 % gehört, ist das schon schön. Die Standardtherapie der Migräne bleiben aber Medikamente.

Wie wichtig ist der Zeitfaktor bei einem Hirnschlag?

Eine Früherkennung und rasche Einlieferung in ein Schlaganfallcenter ist absolut entscheidend, da jede Minute zählt. Je früher ein Hirnschlag erkannt wird, desto mehr kann die moderne Medizin Spätfolgen verhindern. Bei einer Migränikerin wie Judith Wyder war es natürlich unglücklich, dass die ersten Symptome für sie nicht deutlich atypisch waren, deshalb war sie zuerst nicht alarmiert. Der Ratschlag lautet daher für Migräniker, dass sie sich bei ungewohnten, neuartigen Migräne-Symptomen, die sie so nicht kennen, unbedingt sofort ärztlich untersuchen lassen.

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