Jan van Berkel: Sieg am Ironman Switzerland 2018

Mit neuem Motor

Der 32-jährige Triathlet gewinnt erstmals den Ironman Switzerland. Was sind die Gründe für seine neue Leistungsfähigkeit?

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Unglaublich emotional sei es auf der Laufstrecke gewesen, erzählt Jan van Berkel rund eine Woche nach seinem Sieg beim Ironman Switzerland. Als er immer näher an die bislang führenden David Plese und Cameron Wurf heran lief, sich zuerst zögerlich und dann immer tiefer der Gedanke in seinem Kopf einbrannte, es könnte endlich, endlich zum langersehnten Triumph reichen. «Auf den ersten Kilometern war es schwierig, weil ich nicht wirklich näher an die Führenden herankam. Da musste ich mir fest zureden, Ruhe zu bewahren, was beim Heimrennen nicht einfach ist. Doch dann machte ich kontinuierlich Zeit gut und spürte die Kehrtwende auch an der Reaktion des Publikums, wie sie an mich glaubten und mich antrieben, all die Freunde, Verwandten und Bekannten, und ich wusste, ich musste diesen Heimvorteil ausnutzen. Wenn nicht jetzt, wann dann?»

Bei Kilometer 33 war es so weit: Jan van Berkel schob sich an Plese vorbei und lief den Marathon seines Lebens in 2:45 Stunden resolut zu Ende. «Laufen, kühlen, trinken – ich versuchte, bei mir zu bleiben und konzentrierte mich nur noch darauf, irgendwie die Pace zu halten. Die Schlussphase und der Zieleinlauf waren überwältigend, ich hatte Tränen in den Augen.»

Mister «Einbruch»
Jan van Berkel schaffte in Zürich einen Sieg, den ihm viele nicht zutrauten. Als er 2012 nach nur wenigen Wochen Vorbereitung in Zürich seinen allerersten Ironman hinter Ronnie Schildknecht gleich als überraschender Zweiter beendete, schien zunächst ein neuer Schweizer Ironman-Stern aufzugehen. Doch in den Jahren danach galt der Zürcher Unterländer zwar als vielseitiger Athlet, aber auch als einer, der oft ungestüm und mit dem Kopf durch die Wand losstürmte und gegen Schluss der Ironman-Distanz regelmässig einbrach. Zahlreiche Podestplätze oder der Sieg beim Inferno Triathlon 2016 belegten sein Potenzial, doch der absolute sportliche Durchbruch liess auf sich warten.

Das nicht vollständige Ausschöpfen seiner Möglichkeiten hat seinen Ursprung in van Berkels Charakter. Der heute 32-Jährige stellt nicht nur hohe Anforderungen an seine sportlichen Leistungen, sondern auch an seine persönliche Entwicklung und berufliche Situation. Jan van Berkel wollte nicht ausschliesslich als Profiathlet unterwegs sein («Das kam mir ein bisschen zu einfältig vor»), sondern arbeitete neben dem Sport stets in einer Teilzeitstelle als Jurist bei einer Bank. Konsequenterweise nahm der akribische Tüftler auch seine sportlichen Geschicke selbst in die Hand. Er befasste sich intensiv mit Trainingslehre und hinterfragte alle Massnahmen nach ihrem Sinn. Was dabei wohl auf der Strecke blieb, waren Lockerheit und die im Spitzensport oft wichtige Aussenansicht eines Experten.

«Ich kann erst abgeben, wenn ich das Vertrauen habe, dass sich jemand intensiv mit mir auseinandersetzt und auf meine Fragen nicht einfach den Chef raushängt, sondern wissenschaftlich fundierte Antworten liefern kann», beschreibt Jan van Berkel die damalige trainerlose Situation. Die missratene Saison 2016 und vor allem die intensive Überzeugungsarbeit seiner Schwester und ehemaligen Spitzenschwimmerin Martina van Berkel sowie seiner heutigen Ehefrau und ehemaligen Eiskunstlauf-Europameisterin Sarah Meier, bewogen ihn zum Umdenken. «Beides sind entscheidende Bezugspersonen, und beide sagten mir, Jan, du brauchst jetzt einen Trainer!»

Low carb, high fat
Der Auserwählte heisst Daniel Plews, kommt aus Neuseeland und ist selbst Ironman-Athlet. Plews hat in den letzten anderthalb Jahren aus dem vielseitigen Multisportler van Berkel einen fokussierten Ironman-Athleten geformt. Dafür hat der studierte Sportphysiologe Plews zwei grundlegende Weichen neu gestellt. «Mit Dan trainiere ich viel zielgerichteter auf die spezifischen Anforderungen hin, die ein Ironman erfordert», sagt Jan van Berkel. «Und zweitens hat er meine Ernährung komplett umgestellt.»

Low Carb, High Fat, lautet die Zauberformel, die in den letzten Jahren in Sportlerkreisen immer mehr Anhänger gefunden hat, aber bei extremer Ausprägungsweise von vielen Wissenschaftern sehr kritisch beurteilt wird. Die Idee hinter einer Low-Carb-Ernährungsform im Sport ist, dass der Körper durch den Verzicht auf Kohlenhydrate bzw. durch die hohe Fettzufuhr verstärkt lernt, seine Fettreserven zur Energieversorgung zu nutzen und die Kohlenhydrate dadurch schonen kann. Dies ist vor allem bei Ausdauersportarten von Vorteil, bei denen eine kontinuierlich lang andauernde, aber nicht absolut hochintensive Leistung erbracht werden muss – wie eben bei einem Ironman.

Anders als bei Diäten zur Gewichtsabnahme – wie der allgemeinen Low-Carb-Diät – hat «Low Carb, High Fat» im Sport nichts mit einer kalorienreduzierten Ernährung zu tun, sondern die Kalorien werden verstärkt mit qualitativ guten Fetten und weniger mit Kohlenhydraten zugeführt.

Bewusster essen
Auch Jan van Berkel hat auf «Low Carb, High Fat» umgestellt, allerdings «weder exzessiv noch wie ein Mönch», wie er sagt. Noch 15 Prozent seiner Energie nimmt er weiterhin mit Kohlenhydraten ein, dazu verwendet er Quellen wie Beeren, Gemüse, Randen, Pastinaken oder Süsskartoffeln. Teigwaren, Reis und Kartoffeln hingegen sind mittlerweile tabu. Als Fettquellen dienen Nüsse aller Art, zudem pflanzliche Fette, Avocado, Kokosnuss oder tierische Fette wie Rahm und Käse. Je nach Saisonplanung wird unter Daniel Plews auch die Ernährung periodisiert.

Wie sich die Umstellung angefühlt hat? «Bis jetzt ausschliesslich positiv», schwärmt Jan van Berkel. «Ich fühle mich bestens und leistungsfähig wie noch nie. Mein Motor läuft wie geschmiert und ich kann im Training Sachen machen, die vorher nicht gingen. In Situationen, wo ich früher ins Trikot greifen und Kohlenhydrate einwerfen musste, kann ich heute Leistung bringen.» Da nimmt er es mit einem Schmunzeln, wenn ihn die Trainingskollegen aufziehen und fragen, ob er statt eines Nussgipfels eine Avocado eingepackt habe.

Auch Angst vor einem langfristigen Defizit hat Jan van Berkel nicht. «Es ist ja nicht so, dass ich viel leiste und wenig Energie zuführe, wie viele meinen, denn schlussendlich heisst es «Low Carb, High Fat» und nicht «Low Carb». Neben dem neu gewonnenen Körpergefühl streicht van Berkel zudem positive Begleiterscheinungen heraus. «Ich esse heute viel bewusster als früher und schätze das Privileg, das wir in Sachen Nahrungsmittel in der Schweiz haben. Dazu habe ich in der Küche viel gelernt, wie man kreativ ein ausgewogenes und gutes Essen zusammenstellen kann.»

Top ten in Hawaii als Traum
Die optimierte Leistungsfähigkeit eröffnet Jan van Berkel sportlich neue Perspektiven. Das nächste grosse Saisonziel sind die Weltmeisterschaften auf Hawaii. Nach einem hochintensiven Trainingsblock Mitte August und einem kombinierten Höhentraining und Kraftausdauerblock im Engadin beginnt spätestens Mitte September die finale Vorbereitungsphase auf die Hitzebedingungen in Hawaii.

Dem Highlight der Ironman-Saison sieht er guten Mutes entgegen, aber gleichzeitig stapelt er tief: «Hawaii ist eine andere Hausnummer, da gewinnt man mit einem 2:45-Stunden-Marathon wie in Zürich noch keinen Blumentopf. Und die Zeit von nur zwei Monaten für Erholung und Aufbau ist kurz.»

Dennoch lebt der Traum einer TopTen-Platzierung. Der Motor läuft auf Hochtouren, die Angst vor einem Einbruch hat sich drastisch verringert und in neues Selbstvertrauen gewandelt.

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