Artikel - FIT for LIFE Magazin

Ironman Switzerland

Ende einer Ära

Ronnie Schildknecht und Ruedi Wild bestreiten beim Ironman Switzerland ihren wohl letzten grossen Wettkampf. Mit ihrem Rückzug beginnt der Abgang einer ganzen Generation.

Die Radstrecke beim Ironman in Thun wird zu einem Highlight: Kühe haben sich für das Spektakel schon mal aussichtsreiche Plätze gesichert. | Copyright: Keystone

Ronnie Schildknecht ist ein cooler Typ. Den bald 42-Jährigen bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Der 5. September dürfte aber auch bei ihm, dem gestählten Eisenmann, der schon seit der Jahrtausend-Wende Triathlon betreibt, besondere Emotionen wecken. Denn dann steht Schildknecht beim Ironman Switzerland in Thun zum wohl letzten Mal am Start eines grossen Wettkampfs. Er wird daran denken, dass der Ironman Switzerland eigentlich sein Rennen ist. Gleich neunmal hat er den Prestige-Wettkampf, damals noch vor seiner Haustüre in Zürich, für sich entschieden. Der letzte Triumph ist allerdings schon fünf Jahre her.

Und so gehört «i-Ron», wie er in der Tri-Szene genannt wird, bei der Ironman-Premiere in Thun zwar zu den namhaftesten Teilnehmern, aber nicht mehr zu den Favoriten. Bei der Hauptprobe, beim Ironman 70.3 in Rapperswil, musste er sich mit Rang 22 begnügen – eine ungewohnte Platzierung für einen Seriensieger. Schildknecht hat seinen Zenit als Spitzensportler überschritten. Bei seiner Abschiedsvorstellung in Thun aber will er sich noch einmal von seiner besten Seite zeigen und «nochmals alles geben» für einen WM-Slot auf Hawaii, wo er 2008 als Vierter das bis heute beste Ergebnis eines Schweizers erreichte.

Ruedi wild entschlossen
Wie Schildknecht steht auch Ruedi Wild vor dem Ende einer grossen Karriere. Das Palmarès des 39-Jährigen darf sich sehen lassen. Wild war schon U23-Europameister, zweimal Weltmeister mit dem Team, zweimal WM-Dritter über die halbe Ironman-Distanz und WM-Zweiter über die Langdistanz. Nur ein Triumph beim Ironman Switzerland fehlt dem Modellathleten noch. 2017 wurde er Zweiter, 2019 musste er nach einem Defekt auf der Radstrecke aufgeben.

Wild hat nicht mehr die Leistungs-Konstanz wie in seinen besten Zeiten, als er regelmässig das Podest stürmte. An einem guten Tag kann er aber auch mit 39 Jahren noch über sich hinauswachsen. Wie im Juni in St. Pölten (Ö), als er beim abschliessenden Halbmarathon in 1:08:30 eine persönliche Bestzeit realisierte. Oder wie jüngst bei seinem Heimrennen, dem Ironman 70.3 in Rapperswil, wo er wild entschlossen auf Rang 2 stürmte.

Und nun also sein wohl letztes grosses Rennen hierzulande, eine Abschiedsvorstellung nach 20 Jahren auf der breiten Triathlon-Bühne. «Ein Sieg wäre natürlich das Pünktchen auf dem i», sagt er. Der Mann aus Samstagern freut sich vor allem auf die sonntägliche Radstrecke, die durchs idyllische Gürbental und durch den Naturpark Gantrisch führt. «Die Strecke ist nicht nur landschaftlich, sondern auch topografisch sehr attraktiv», hat er bei Testfahrten festgestellt. Auf den 180 Kilometern sind rund 2200 Höhenmeter zu bewältigen, «mehr als früher in Zürich, dafür sind die Abschnitte weniger steil.»

 

 

 

 
Ronnie Schildknecht (41) | Nimmt nach 20-jähriger Laufbahn und neun Siegen beim Ironman Switzerland den Hut. | Copyright: Keystone
Philipp Koutny (38) | Als Quereinsteiger ein Senkrechtstarter. Zuletzt der stärkste Schweizer bei der WM auf Hawaii. | Copyright: Imago

Hattrick für van Berkel?
Ein Terrain, das auch Jan van Berkel behagt. Der Wahl-Aargauer ist der Titelverteidiger in Thun. Die letzten beiden Ironman Switzerland hat er, damals noch in Zürich, für sich entschieden. Und Van Berkel ist in Form. Beim Ironman in Tulsa (USA) qualifizierte er sich als Zweiter hinter Doppelweltmeister Patrick Lange nicht nur souverän für den Ironman Hawaii, mit seiner Zeit von 7:50:58 Stunden stellte «the Berkelizer», wie er in der Szene genannt wird, gleich noch einen Schweizer Rekord auf. Sein Ziel in Thun ist klar: der Hattrick, der dritte Sieg in Folge.

Im Gegensatz zu Schildknecht und Wild denkt der 35-jährige Van Berkel noch nicht an den Rücktritt. Vielmehr strebt er im Oktober bei der WM auf Hawaii seinen ersten Top-10-Platz an. Diesen hat Philipp Koutny bereits erreicht. 2019 wurde er WM-Achter auf Kona.

Koutny ist der einzige Schweizer Spitzentriathlet, der nicht aus einem Swiss Triathlon-Kader gewachsen ist. Der 38-jährige Basler hat den Wechsel von der Age Group zum Profisport erst 2016 vollzogen. Seither entwickelte er sich aber vom Quereinsteiger zum Senkrechtstarter. 2018 gewann er seinen ersten Ironman, 2019 sorgte er auf Hawaii für das beste WM-Resultat eines Schweizers seit zehn Jahren. Auch Koutny kann sich vorstellen, auf höchster Ebene «noch zwei, drei Saisons» anzuhängen. Schliesslich sei er im Vergleich zu Wild und Schildknecht «als Profi ja noch ziemlich jung», wie er schmunzelnd festhält. Spätestens mit den Rücktritten von Koutny und Van Berkel wird im Schweizer Triathlon im Verlauf der nächsten Jahre aber die gesamte Langdistanz-Elite dieses Jahrhunderts verschwinden, eine ganze Generation wegbrechen. Und dabei ist die vierfache Hawaii-Siegerin Daniela Ryf, ebenfalls schon 34 Jahre alt, noch nicht miteingerechnet.

Ungewisse Zukunft
Dass die Alten abtreten, liegt in der Natur der Sache. Das Problem liegt beim fehlenden Nachwuchs. Hinter den vier Spitzencracks breitet sich eine grosse Lücke aus. Der Einzige, der in den nächsten Jahren in die Fussstapfen von Wild und Co. treten könnte, ist Andrea Salvisberg (32). Der Berner, der beim Olympia-Rennen in Tokio beim letzten Wechsel noch an der Spitze lag, verfügt über das Rüstzeug für einen erfolgsversprechenden Umstieg auf die Langdistanz. Beim Ironman 70.3 in Dubai bestätigte er als Vierter jüngst sein Potenzial. Salvisberg steht aber selbst am Scheideweg: soll er sich nochmals auf die Sprint-Distanz und die Olympischen Spiele 2024 in Paris fokussieren? Oder eben als Einzelkämpfer auf die längeren Distanzen?

Beim Verband blickt man dem Rückzug der Routiniers gelassen entgegen. «Es gehört nicht zu unseren primären Aufgaben, den Nachwuchs auf der Langdistanz zu fördern, zumal die meisten Athleten erst in der zweiten Hälfte ihrer Karriere auf die Langdistanz wechseln», sagt Christoph Mauch, der Sport-Verantwortliche von Swiss Triathlon. Der Verband fördert den Nachwuchs auf der Kurzdistanz, die – im Gegensatz zur Mittel- und Langdistanz – im Olympia-Programm figuriert. Und dafür wird Swiss Triathlon von Swiss Olympic finanziell unterstützt. Auf der Kurzdistanz starten die Triathleten im Nationaldress, auf der Langdistanz sind sie vom Verband losgelöst und als selbständige Unternehmer mit ihren persönlichen Sponsoren unterwegs. Mauch weiss, wovon er spricht. Er selbst war zweimal Schweizer Meister auf der Kurzdistanz und zählte um die Jahrtausend-Wende zusammen mit Oliver Bernhard zur Weltelite auf der Langdistanz. 1998 und 1999 wurde er beim Ironman Hawaii jeweils Vierter.

Um die Zukunft der Schweizer auf der Langdistanz mache er sich keine Sorgen. «Nach Abgängen von bewährten Kräften, wie 2016 von Sven Riederer oder aktuell von Nicola Spirig, greifen die Medien stets zur Alarmglocke», so Mauch, «und ich muss die Frage, was danach kommt, alle paar Jahre sowohl für die Lang- als auch die Kurzdistanz beantworten. Wir Menschen tendieren eben dazu, Karrieren linear zu prognostizieren», so der Mathematik-Lehrer weiter, «aber keine Sport-Karriere verläuft linear».

Es tauche immer wieder jemand auf mit Talent, Wille und Durchsetzungsvermögen. Und es setze sich immer wieder jemand durch. Wie zuletzt Max Studer (25), der bei seiner Olympia-Premiere auf Rang 9 lief. Oder eben wie Spätzünder Philipp Koutny, der erst mit 33 Jahren Profi wurde.

Stars bleiben erhalten
Positiv überdies, dass die abtretenden Cracks mit dem Sport verbunden bleiben. Ronnie Schildknecht betreut als Manager schon jetzt Weltklasse-Triathleten wie den Hawaii-Sieger Sebastian Kienle und die vierfache Ironman-70.3-Gewinnerin Immogen Simmonds. Die Führung des «hep Sports»-Teams dürfte alsbald sein Hauptjob werden.

Und auch Ruedi Wild, mittlerweile zweifacher Familienvater, hat vorgesorgt. Beim Sportfood-Spezialist Sponser arbeitet er schon jetzt in einem «herausfordernden Teilzeit-Job», wie er sagt. Gut möglich, dass er da – nach seinem Rücktritt vom Spitzensport – seinen Einflussbereich vergrössern wird.

 

 

 

 

 

 

 

 
Ruedi Wild (39) | Vorfreude auf einen würdigen Abschied. Ein Triumph beim Ironman Switzerland fehlt ihm noch. | Copyright: Keystone
Jan van Berkel (35) | Titelverteidiger und neuer Schweizer Rekordhalter. Schafft er in Thun den Hattrick? | Copyright: Keystone

Ironlady wird Captain beim Collins Cup

Neue Aufgabe für Natascha Badmann

Copyright: ZVG

Die Professional Triathletes Organisation (PTO) hat die sechsfache Ironman-Weltmeisterin Natascha Badmann beim Collins Cup zum Captain des Teams Europe ernannt. Der Collins Cup, der am 28. August in der Nähe von Bratislava stattfindet, ist ein neues Rennformat nach dem Vorbild des Ryder Cup im Golf, bei dem Teams bestehend aus europäischen, internationalen und US-amerikanischen Athleten gegeneinander antreten. Jedes Team besteht aus 12 professionellen Triathleten, sechs Männern und sechs Frauen.

Natascha Badmann (54) wird Chrissie Wellington als Captain ersetzen, weil diese wegen gestörten Reiseplänen aufgrund von Covid-19 nicht an der Veranstaltung teilnehmen kann. Badmann ist immer noch untrennbar mit dem Triathlon verbunden, arbeitet als Businesscoach und Motivationsrednerin – Fähigkeiten, die sie mit den Erfahrungen aus ihrer Profikarriere kombinieren wird, um das Team Europe in den Kampf um den Collins Cup zu führen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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