Ironman-Sportler Elmar Sprink

Ausdauersport mit einem Spenderherz

Der 45-jährige Elmar Sprink erbringt mit einem Spenderherz erstaunliche Ausdauerleistungen.

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Allein die Vorstellung ist so unglaublich wie faszinierend: Da wird ein gesundes Herz aus einem – klinisch toten – Körper operativ entfernt und im Austausch gegen ein krankes, nicht mehr funktionsfähiges Herz in einen anderen Brustkorb verpflanzt. Um dort einem zuvor Todgeweihten ein neues Leben zu schenken. Ausgerechnet das Herz, die zentrale Pumpstation in unserem Körper, ist dank der modernen Medizin heute ein «Ersatzteil» wie andere Organe auch. Ausgerechnet das Herz, von dem schon Aristoteles behauptete, genau dort sitze die Seele des Menschen, schlägt und wirkt fortan nach dessen Transplantation in einem anderen Leben.
Und wie es dort schlagen kann! Elmar Sprink, 46 Jahre jung, Ausdauersportler und seit nunmehr fünf Jahren mit dem Herzen eines anderen Menschen im Brustkorb unterwegs, kann darüber berichten wie kein anderer.


Doppeltes Glück
12. Juli 2010, 17:50 Uhr. Ein Mann sitzt zuhause auf dem Sofa und schaut sich im Fernsehen eine Bergetappe der Tour de France an. Plötzlich kollabiert er, läuft blau an, wird ohnmächtig – Herzstillstand. Bis hierhin eine zwar dramatische, aber auch normale Angelegenheit, denn jeden Tag werden Dutzende Menschen auf ähnlich überraschende Weise aus dem Leben gerissen. Nur dass bei Elmar Sprink einige Faktoren hinzukamen, die seinen Zusammenbruch dann doch wieder aussergewöhnlich machten. Denn der Wahl-Kölner war damals erst 39 und seit Jahren ein ambitionierter Ausdauersportler.

Neun Tage zuvor hatte er noch beim Ironman Klagenfurt teilgenommen, sich dabei jedoch körperlich so schlecht gefühlt, dass er das Rennen abbrechen musste. Noch acht Wochen vorher hatte Elmar Sprink einen Kardiologen aufgesucht, der ihm ausserordentliche Fitness bei bester Gesundheit bestätigte.

Dieser fitte Mensch liegt nun also in seiner Wohnung, ringt um sein Leben und hat zum ersten Mal enormes Glück im Unglück. Denn zufällig kommt seine Frau in diesem Moment nach Hause, sie erkennt sofort, dass es um Leben und Tod geht und läuft zum Nachbarn. Der verkörpert das zweite Glück innerhalb von zwei Minuten, denn dieser Hausmitbewohner ist Arzt, der wegen einer Verletzung krankgeschrieben ist und nun Elmar fachmännisch wiederbelebt, bis die ebenfalls gerufenen Rettungssanitäter den Herzkranken in die nächste Klinik transportieren.

Als Elmar Sprink um 19:50 Uhr auf der Intensivstation aufwacht, rast sein Puls mit 240 Schlägen in der Minute. Erste Diagnose: Herzmuskelentzündung, höchst wahrscheinlich aufgrund einer Viruserkrankung. Zweite Diagnose, ein paar Wochen später, nachdem er schon längst wieder aus dem Krankenhaus entlassen ist und den wahren Zustand seines Herzens erfahren will: «Keine Ahnung!» Doch Elmar Sprinks Herz macht ganz offensichtlich seinen Job nicht mehr wie vorher.

Erfolglose Ursachensuche
Also machte sich Elmar Sprink an die Ursachenforschung, die sich allerdings als sehr schwierig erwies. Es konnten nur Vermutungen angestellt werden: Er sei eben beruflich überlastet, solle es doch mal «lockerer angehen lassen» und überhaupt mit dem Sport ein wenig kürzertreten. Das ging auch gar nicht anders, denn Elmar Sprink fühlte sich zunehmend schlechter. Irgendwann wurde er bei der Charité in Berlin vorstellig, wo ihm nach umfangreichen Untersuchungen ein Defibrillator implantiert wurde, um etwaige Herzrhythmusstörungen zu korrigieren.

Im Januar 2011 dann der erneute Zusammenbruch. Diesmal war der Puls auf 24 Schläge pro Minute abgesackt, und wieder konnte sich keiner erklären, warum das Sportlerherz nicht mehr richtig arbeiten wollte. Als sein Herz im Sommer 2011 nur noch 30 Prozent, im Winter dann sogar nur noch elf Prozent Pumpleistung schaffte, setzte man Elmar Sprink auf die Anwärterliste für eine Herztransplantation. Kurze Zeit später wurden ihm zwei Herzpumpen eingebaut, ohne deren Hilfe er die nächsten Stunden wohl nicht überlebt hätte. Drei Monate lag er daraufhin verkabelt im Krankenhausbett, bis es im Juni 2012 endlich hiess: «Wir haben ein passendes Herz gefunden!»

Abenteuer zweites Leben
«Als ich nach der härtesten Langdistanz meines Lebens im Krankenhausbett und zwei Wochen nach der Transplantation endlich die ersten drei Schritte gehen konnte, war das besser als jeder Zieleinlauf», beschreibt Elmar Sprink seine Glücksgefühle nach seiner halbjährigen Bett-Tortur und nun mit einem neuen Herzen in der Brust. Und was in den darauffolgenden Wochen und Monaten geschah, grenzte selbst für gestandene Kardiologen an ein Wunder. Denn der einst so Bewegungshungrige beschloss, mit seinem «neuen Antrieb» wieder seiner früheren Leidenschaft zu frönen.

Der heute in Köln lebende Elmar Sprink erzählt emotional und manchmal etwas hastig von sich und seinem «Abenteuer zweites Leben». Von den ersten Tagen, Wochen und Monaten, von den ersten paar Hundert gegangenen Metern im Schneckentempo, von der ersten «Langstrecke» über 400 Meter (in 31 Minuten!) bis zu seinem Aufstieg als Medienstar unter den Ausdauersportlern. Mehr als 60 Rennen stehen mittlerweile seit der Transplantation abgehakt auf Sprinks Liste. Darunter echte Ausdauer-Torturen wie der Ironman Hawaii, der Trans Alpine Run und zu Beginn dieses Jahres das legendäre Cape Epic auf dem Mountainbike.
Anlässe, die man nur mit gut trainiertem Motor schafft – ganz egal ob mit erstem oder zweitem Herzen in der Brust.

Medienliebling Deutschlands
«Ich hatte schnell Vertrauen zu meiner neuen Pumpe gefasst», erzählt Elmar Sprink. «Obwohl ich ja nicht wusste, was für ein Vorleben mein neues Herz hatte, fühlte ich mich auch in der Anstrengung wohl damit, konnte es mehr und mehr belasten.» Die betreuenden Ärzte standen dem «Phänomen Sprink» meist begeistert zur Seite. «Mit einem neuen Herzen im Körper ist man unter Dauerbeobachtung», sagt dieser. «Die meisten Kardiologen, die mich betreuten, haben nur wenig Ahnung von machbaren Ausdauerleistungen. Für sie zählte nur, dass mein Herz bei den Untersuchungen keine Auffälligkeiten zeigte.»

Dennoch ist Elmar Sprink derzeit der wohl am intensivsten und schärfsten beobachtete Herztransplantierte der Welt. Selbst die renommierte Arlington University in Texas/USA mit einer der weltweit führenden Forschungsabteilungen für Menschen mit Herzfehlern und für Herztransplantierte, lässt es sich nicht nehmen, den Kölner Ausdauersportler intensiv und regelmässig zu untersuchen. Der dort zuständige Professor Mark Haykowsky ist vor allem von Elmar Sprinks rascher Leistungssteigerung begeistert. «Da die gekappten Nerven rund um Elmars Herz zu einem grossen Teil wieder nachgewachsen sind, ist es ihm scheinbar möglich, seine Herzfrequenz verhältnismässig schnell zu steigern und über längere Zeiträume auf hoher Frequenz zu halten», wundert sich Spezialist Haykowsky. «Das ist extrem selten bei Menschen mit einem transplantierten Herzen.» Normalerweise müssen selbst zuvor gut trainierte Athleten mit einem neuen Herzen ihre Trainingsumfänge drastisch reduzieren. Haykowsky sagt daher: «Elmar Sprink ist die grosse Ausnahme und wohl der fitteste Herztransplantierte der Welt!»

Aussagen wie diese liessen selbstverständlich die Medienwelt aufhorchen. Nicht nur Fachmagazine aus den Bereichen Sport oder Medizin begannen sich für Elmar Sprinks Schicksal zu interessieren, sondern auch Massenmedien. Ein Herztransplantierter, der derartige Leistungen erbringt – das zieht! So wurde «der Extremsportler mit dem Spenderherz», der «Ironman mit dem Iron Heart», der «Mann, der sich nie hängen liess», wie die zahlreichen Schlagzeilen lauteten, zum Medienliebling. Bei Talkshows, in Sportsendungen, Reportagen und sogar abendfüllenden TV-Dokumentationen über ihn und sein neues Buch «Herzrasen 2.0» erzählt der ausdauernde und herztransplantierte Sportler seine Geschichte.

Meistens moderat unterwegs
Auch für Elmar Sprink waren und sind die Leistungen seines Körpers in seinem zweiten Leben erstaunlich. «Meine neue Pumpe ist nicht etwa besonders gross oder auffallend kräftig, sie ist einfach ‹nur› gesund», sagt er mit einem bewegten Unterton in der Stimme. Er weiss, dass die Leistungen, die er von seinem Körper abrufen kann, das Resultat von einem Zusammenspiel zahlreicher Faktoren sind. «Mein Körper war und ist ja gut trainiert. Das sehe ich an meiner Regenerationsfähigkeit», sagt Sprink. «Ausserdem absolviere ich den grössten Teil meiner Rennen im Grundlagenmodus und gehe nur selten über 80 Prozent meiner Möglichkeiten hinaus.»

Er will mit seinem neuen Herzen keine persönlichen Bestzeiten erreichen, sondern bevorzugt ein «Ankommen mit erhobenem Haupt». Zum Vergleich: Beim Ironman Frankfurt (mit seinem ersten Herz) war Elmar Sprink nur 80 Minuten schneller als beim ungleich schwereren Ironman Hawaii, den er mit dem Spenderherz schaffte (als Herztransplantierter erhielt er eine Wildcard). Nur beim diesjährigen Mountainbike-Etappenrennen Cape Epic in Südafrika geriet er an seine Grenzen. Das Rennen mit den gefürchteten steilen Rampen bereitete ihm Probleme, weil seine Herzfrequenz aufgrund der gekappten Nervenstränge zeitverzögert ansteigt. So schmerzen kleine Rampen mehr als lang anhaltende, lange Anstiege.

Kräftiger Muskel - mehr nicht!
Doch grundsätzlich hält sich der herztransplantierte Ausdauersportler – trotz aller Leistungsfähigkeit – bewusst zurück, um sein neues Herz nicht irgendwann zu überlasten. Schliesslich müsse er «an die Zukunft denken», sagt er schmunzelnd. Und die ist, zumindest rein statistisch nach dem heutigen Stand der Medizintechnik, für Herztransplantierte auf einen Zeitrahmen von 15–20 Jahren beschränkt. Was Elmar Sprink jedoch nicht als Damoklesschwert betrachtet und philosophiert: «Ich habe mit oder vielleicht sogar von meinem neuen Herzen gelernt: Lebe den Augenblick, lebe jetzt!»

Dass dabei nicht immer eitel Freude Sonnenschein vorherrschen kann, ist ebenfalls klar. Denn Elmar Sprink muss mit penibler Regelmässigkeit zweimal täglich Tabletten einnehmen, die seinen Körper daran hindern, das neue Herz «abzustossen». Weil durch die Tabletteneinnahme das Immunsystem extrem geschwächt wird, kann bereits eine simple Infektion fatale Folgen haben. Entsprechend sitzt Elmar Sprink nur mit Mundschutz im Flieger, meidet grosse Menschenansammlungen und desinfiziert sich nach jedem Kontakt mit fremden Menschen die Hände. Doch über solche Nebensächlichkeiten lächelt er nur milde: «Hey, ich lebe gerade mein zweites Leben. Was will ich mehr?»

Natürlich sei er «dankbar, dass mir dieses Herz geschenkt wurde, auch wenn ich nie wissen werde, welchen Menschen, welchen Körper es zuvor auf Touren gebracht hat». Er denke oft und viel an den Spender seines Herzens und wirbt seit seiner Herztransplantation unermüdlich für die Organspende.

Ob er sich emotional verändert habe? Schliesslich heisst es im Volksmund ja nicht umsonst, «das Herz ist der Sitz der Gefühle» oder «das kommt von Herzen». Hier unterbricht Elmar Sprink spontan und stellt klar: «Selbstverständlich hat sich mein Leben mit dem neuen Herzen stark verändert. Doch das hat mit meinen gelebten Erfahrungen zu tun, das ist die Konsequenz aus meinen Handlungen und Erlebnissen. So etwas formt, logisch. Doch dass ich plötzlich andere Gefühle und Emotionen entwickle oder spüre, seitdem ein anderes Herz in meiner Brust schlägt – nein, nein, dem ist nicht so. Mir wurde statt meines kranken Herzens ein anderer, sehr funktionsfähiger Muskel eingesetzt, der seitdem eine hervorragende Arbeit leistet. Nicht mehr – und nicht weniger!»

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