Hobbyläufer Walter Trachsel im Interview

Zum 50. Mal am Engadin Skimarathon

Walter Trachsler (77) hat jeden Engadiner absolviert, selbst den, der gar nicht stattgefunden hat.

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Walter Trachsler, Sie gehören zu den Langläufern, die noch keinen einzigen Engadin Skimarathon verpasst haben ...
... kaum zu glauben, nicht wahr? Ich staune manchmal selbst. 50 Jahre lang immer am gleichen Tag einen Marathon laufen zu können, ist wirklich nicht selbstverständlich.

Waren Sie am Starttag denn nie krank? Nie unpässlich?
Oh doch, natürlich. Im Winter läuft die Nase ja manchmal schneller als der Ski (er lacht). Aber je länger man dabei ist, desto mehr will man dabei bleiben. Es wird fast zur Pflicht. Wenn du die ersten sieben Marathons gemacht hast, willst du auch den zehnten laufen. Und wenn du 46 Mal gestartet bist, willst du auch zum fünfzigsten. Dann steckt man Erkältungen, Wehwehchen und andere Unpässlichkeiten weg. Dann will man dann einfach dabei sein – ghaue oder gstoche.

Steigt der Wert des Engadiners mit zunehmendem Alter?
Ja, die Verbundenheit nimmt mit jedem Jahr zu. Mit der Zeit wird der Anlass wie zu deinem Wohnzimmer. Du kennst jeden Winkel, jede Eigenheit, alles wirkt vertraut. Und als Giubiler wird man Teil einer Familie, deren Mitglieder am Ende alle das gleiche Ziel verfolgen: den 50. Engadiner.

Was bringt Ihnen diese 50. Teilnahme persönlich?
Wenn du ein halbes Jahrhundert lang jedes Jahr am gleichen Tag einen Marathon gelaufen bist, gibt dir das schon ein gutes Gefühl. Dann hast du in deinem Leben bestimmt nicht alles falsch gemacht.

Sind Sie auch schon über Ihre Grenzen gegangen?
Na ja, nicht jede Teilnahme war wirklich vernünftig. Einmal bin ich mit zwei gebrochenen Rippen gelaufen ...

... den ganzen Marathon?
Ja, aber das ist schon lange her. Vor vier Jahren habe ich mir im Januar bei einem Sturz das Handgelenk gebrochen. Da musste ich bis kurz vor dem Engadiner mit einer Schiene laufen. Vor drei Jahren hatte ich Anfang Februar eine Meniskus- Operation. Auch damals war nicht sicher, ob ich bis zum Engadiner wieder parat sein würde.

Was sagt Ihr Arzt, wenn Sie wegen eines Laufs Ihre Gesundheit aufs Spiel setzen?
Ich habe vom Doktor immer grünes Licht erhalten. Ein Gesundheitsrisiko bin ich nie eingegangen. Ich schaue schon, dass ich fit bin.

Und was tun Sie, damit Sie fit sind?
Ich bewege mich viel, bin oft an der frischen Luft und habe in Zuoz, unweit der Marathon-Strecke, ein Ferienhäuschen, das ich selbst umgebaut und eingerichtet habe. Den Winter verbringe ich mit meiner Frau grösstenteils im Engadin. Für mich als Hobby-Langläufer ein Traum. Ich bin durchschnittlich jeden zweiten Tag auf der Loipe und laufe dann ungefähr 20 bis 30 Kilometer.

Dann kommen Sie in einem Winter wie diesem locker auf 1000 Trainingskilometer?
Nein, so viele sind es nicht mehr. Nur noch etwa 600. Früher, in meinen besten Zeiten, da habe ich in einer Saison mal mehr als 1600 Kilometer gemacht. In jenem Jahr erreichte ich beim Engadiner dann auch einen Rang in den ersten 500 – unter den gut 10 000 Teilnehmern. Heute sind mir die Zahlen nicht mehr wichtig. Heute will ich einfach ins Ziel kommen.

Sie gehören zur Minderheit, die den Engadiner diagonal absolviert ...
Ja, seit meiner Meniskus-Operation laufe ich nur noch klassisch. Das ist zwar weniger schnell als beim Skating, dafür habe ich in der Loipe meinen Frieden. In der Skating-Spur musst du immer aufpassen, dass du niemandem zu nahe kommst und dir niemand auf die Stöcke tritt. In der klassischen Spur kann ich ungestört mein Tempo laufen. Blöd ist dann nur, wenn dir der Gegenwind um die Ohren bläst. Wie vor zwei Jahren. Dann bin ich auch allein (er lacht).

Mit 77 Jahren sind Sie immer noch schnell. Letztes Jahr haben Sie mehr als 3000 Läufer hinter sich gelassen, die meisten deutlich jünger als Sie ...
... wie gesagt. Ich schaue nicht mehr auf Ränge und Zeiten. Ich will den Lauf geniessen und nehme dafür immer auch einen Fotoapparat mit, um Bilder festzuhalten, die mir gerade gefallen. Und wenn ich am Streckenrand jemanden sehe, den ich kenne, nehme ich mir auch Zeit für einen kurzen Schwatz.

Als Giubiler könnten Sie auch den Halbmarathon laufen – und würden gleichwohl in der Wertung bleiben. Warum tun Sie es nicht?
Vielleicht tue ich es ja irgendwann mal, vielleicht muss ich bei halber Distanz in Pontresina einmal aussteigen – aus welchen Gründen auch immer. Aber solange ich Marathon laufen kann, laufe ich Marathon. Gar keine Frage. Halbe Sachen sind nicht mein Ding. Ich bin den Engadiner übrigens auch im Jahr 1991 gelaufen, als er wegen eines Wärmeeinbruchs zum einzigen Mal nicht stattfinden konnte.

Wie gelaufen?
Am Tag nach der Absage herrschten schon wieder beste Bedingungen. Also habe ich die Originalstrecke absolviert – für mich persönlich. Und so kann ich heute sagen, dass ich den Engadiner wirklich jedes Jahr gelaufen bin (er lächelt verschmitzt).

Hatten Sie bei all Ihren Rennen nie ein Material-Problem? Einen Stock- oder Skibruch?
Oh doch, natürlich. Der peinlichste Vorfall ereignete sich in den 80er-Jahren. Als Aussendienstmitarbeiter von Adidas war ich damals öfters mit Bindungs-Prototypen unterwegs. Einmal ist eine dieser brandneuen Bindungen gebrochen. Ich musste dann eine längere Strecke mit einem Ski zurücklegen. Seither hat Adidas übrigens keine Skibindungen mehr produziert.

Schwer gestürzt sind Sie nie?
Nein, als ehemaliger Skilehrer bin ich auch mit den schmalen Latten immer gut zurechtgekommen. Bei der Abfahrt im Stazerwald, die im Verlauf des Rennens ja immer tückischer wird, mache ich jeweils kurze Schwünge (er zückt sein Handy und zeigt ein Video, wie er auf den Langlaufski stilsicher den Hang hinunterschwingt). Die Leute, die dastehen, johlen jeweils, applaudieren.

Sie haben gewiss Freude am alten Mann mit der feinen Technik.
Es scheint so (er lächelt stolz).

Wie sind Sie eigentlich zum Langlauf gekommen?
Durch den Engadiner selbst. Ich arbeitete im Winter 68/69 für einige Wochen als Skilehrer in St. Moritz und erfuhr so von der geplanten Premiere. Ich dachte, das wäre doch was! Also kaufte ich ein Paar Langlauf Ski, trainierte zwei-, dreimal im Zürcher Oberland – und stand dann beim ersten Engadiner am Start.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Premiere?
Es war alles ganz anders als heute. Man musste ein Arztzeugnis mitbringen, um starten zu dürfen. Ich bin mit gewöhnlichen Hosen und einem Pullover gelaufen. Meine Ski waren 2,15 Meter lang und aus Buchenholz gefertigt – robust, aber nicht so schnell wie jene aus Birkenholz. Die Strecke führte dem Seeufer entlang, es gab nur zwei Spuren – heute unvorstellbar. Es waren 945 Läufer gemeldet, heute sind es 15 Mal mehr, das OK war damals aber trotzdem überfordert.

Überfordert?
Ja, die Organisatoren hatten bei der Premiere nicht mit derart vielen Teilnehmern gerechnet. Die Zeit wurde per Hand gestoppt, die Rangliste aufgrund von Zettelchen im Ziel erstellt, Handgelenk mal Pi. Die Rangliste wurde den Teilnehmern dann per Post zugestellt – in Couverts, die wir vor dem Start selbst anschreiben mussten. Tja, das waren noch Zeiten. Heute hat man Zeiten und Ränge ja schon kurz nach dem Lauf auf dem Handy.

Damals haben Sie sich wohl kaum vorstellen können, dass dieser Lauf in den nächsten 50 Jahren Ihre Winteragenda bestimmen würde ...
Nie und nimmer. Langlauf war damals noch kein Thema in der Schweiz. Wenn ich mit den Langlaufski im Zürcher Oberland unterwegs war, wurde ich ausgelacht. Die Leute sagten: «Was willst du denn mit diesen komischen Ski?» Erst 1972, 1973 wurde Langlauf hierzulande salonfähig.

Ihre Ski haben Sie immer selber gewachst?
Ja, das war – mit den klassischen Ski – wie ein Pokerspiel. Ich weiss noch, wie wir in der Nacht, oder manchmal auch erst am Morgen vor dem Start, noch schnell umwachsten, weil uns die Bedingungen plötzlich anders erschienen. Und im Lauf stellten wir dann fest, dass wir vielleicht doch aufs falsche Pferd gesetzt hatten (er lacht).

Und jetzt, wo Sie wieder klassisch laufen?
Es ist wie in den guten alten Zeiten. Ich verwende noch die angebrauchten Klistertuben, die ich schon vor 30 Jahren brauchte. Die trocknen nie aus. Blau als Grundlage mit Rot abdecken. Und los gehts.

Die ambitionierten Läufer haben früher, als es noch keinen Blockstart gab, ihre Ski in aller Herrgottsfrühe möglichst weit vorne, nahe der Startlinie deponiert. Sie auch?
Jaja, aber das ging nicht immer gut. Einmal, es war bitterkalt, legte ich die Ski frühmorgens hin, ging im Maloja Palace an die Wärme und kehrte erst kurz vor dem Start zurück. Da allerdings waren meine Ski schon weg. Man habe sie nach hinten gereicht, hiess es. Ich fand sie dann tatsächlich ganz am Ende des Feldes wieder, in den Schnee gesteckt, hinter 10 000 Läufern. So wurde ich zum Volksläufer (er lacht).

Wie war die Verpflegung früher?
Damals gab es einfach Tee. Viele haben sich auch irgendwo eine private Verpflegungsstation organisiert. Ich erinnere mich an eine Episode kurz vor dem Ziel. Ich war schon ziemlich «uf de Stümpe», als der damalige deutsche Nationaltrainer Toni Reiter auf mich zukam und mir einen Becher entgegenstreckte: «Trink das!» sagte er, «dann wirst du ins Ziel fliegen». Ich nahm einen kräftigen Schluck, spie das grässliche Getränk aber gleich wieder aus. Im Ziel fragte ich ihn: «Was für Teufelszeug hast du mir da verabreicht?» Er sagte: «Kaffee mit Cognac. Meine Athleten saufen das.» Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass in jener Zeit ein Deutscher den Engadiner gewonnen hätte.

Was war Ihr persönliches Dopingmittel?
Mein Dopingmittel? Also meine Motivation war immer der Engadiner. Er hat mich jeden Winter zum Training animiniert. Und er war jedes Jahr der Höhepunkt der Saison.

Was haben Sie sich für den 50. Engadiner vorgenommen?
Locker laufen – und mit einem Lächeln ins Ziel kommen (er lächelt)!

Und wenn Sie einen Wunsch frei hätten?
Klisterverhältnisse und Rückenwind (er lacht)!

Und danach? Werden Sie Ihre 50. Startnummer an den Nagel hängen und kürzertreten?
Warum sollte ich? Nächstes Jahr möchte ich auf jeden Fall nochmals dabei sein. Genau genommen findet der 50. Engadiner – weil er einmal abgesagt werden musste – ja erst 2019 statt.

Können Sie sich vorstellen, auch nach Ihrem 80. Geburtstag noch zu starten?
Wenn ich gesund bleibe und mich noch fit fühle – warum nicht?

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