Herausforderung Bahnfahren

Liebe auf den ersten Kick

Bahnfahren ist nicht nur etwas für Profis, sondern auch für Hobbyfahrer ein grandioses Erlebnis. Auf der alten Rennbahn in Oerlikon kann jeder ein kleiner Bruno Risi werden.

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Es ist ein Donnerstagabend im Mai, als wir zur ersten Lektion antreten. Es geht um Elementares. Ein Bahnvelo, so lernen wir, wird ausserhalb der Rennbahn, wo Scherben und Splitter Anschläge auf die delikaten Reifen planen könnten, immer getragen. Ein Bahnvelo, so merken wir, hat weder Schaltung noch Bremsen, dafür aber Starrlauf. Das macht schon das Aufsteigen nicht ganz einfach. Rechts bin ich von Anfang an ins Pedal geklinkt, mit dem linken Fuss muss ich fahrend einklinken. Und weil sich das Pedal immer bewegt, ist es so schwierig zu treffen wie die Tontaube beim Jagdschiessen. Unsere ersten Runden drehen wir im Innenraum. Lange brauchen die Beine nicht, um zu begreifen, dass sie nicht mehr selbst bestimmen können, wie sie drehen müssen. Ihr Versuch, sich zu verweigern, wird mit einem Zwick bestraft. Auch das Abbremsen lernen sie schnell. Sanften Gegendrucks lautet das Geheimnis. Gar nicht so schwierig, denken wir nach einer Viertelstunde und blicken trotzdem mit viel Respekt in die Steilwände, die uns mit ihren Gesetzen der Schwerkraft erwarten. Danach sind wir reif für die nächsten Elementarregeln. Sie betreffen die Bahn mit ihrem hellblauen «Teppich», der flachen Spur ganz innen, auch «Côte d’Azur» genannt, mit der schwarzen Linie, ganz unten auf der Neigung, die genau 333,333 Meter lang ist, mit der roten etwas weiter oben, die für die Sprinter wichtig ist, und den beiden blauen, die nur für die Steher von Bedeutung sind. Was wir uns eintrichtern müssen: Auf die Bahn fahren wir beim ersten Durchgang, wenn wir sie verlassen, benützen wir den zweiten. Bevor wir einbiegen, blicken wir nach rechts und bleiben unterhalb der roten Linie. «Ich will keinen Unfall», ist «Wisel» Itens oberstes Prinzip. Und so geht’s hinein ins eiskalte Wasser: Eine Runde auf dem «Teppich», dann zwei bei der schwarzen Linie, eine bei der roten. Wer dann noch Lust hat, dreht noch eine auf der durchgezogenen blauen, und wem sie auch dann noch nicht vergangen ist, knackt auch noch die gestrichelte. Das ist dann schon fast die Meisterprüfung. Neben etwas Mut braucht es dafür auch ein gewisses Tempo, das die Zentrifugalkraft spüren lässt. Wer zu langsam ist, riskiert, mit dem inneren Pedal anzuhängen. Was unweigerlich einen schmerzhaften Tapetenwechsel aussen rechts an Hüfte und Oberschenkel zur Folge hat. Wir schaffen es. Und spüren nach den ersten euphorischen Runden: Wir und die Bahn – das ist Liebe auf den ersten Kick. Wir sind mitten drin, nicht nur dabei. An den nächsten Donnerstagen dürfen die Buben spielen: Kilometer-Zeitfahren, 200-m mit fliegendem Start, Sprinterläufe, Mannschaftsverfolgung, Punktefahren, Ausscheidungsfahren – und ganz am Schluss immer wieder dieses meditative Kreisen, während dem sich ganz unbemerkt die Nacht über die schönste Rennbahn der Welt legt.

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