Gilbert Fisch und Summits4Hope

Laufend Gutes tun

Aufstieg, Burnout, Unabhängigkeit: Gilbert Fisch ist vom Agenturinhaber zum Stiftungsgründer mutiert, der laufend Geld für Entwicklungsprojekte sammelt.

Copyright: Andreas Gonseth
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Wer hierzulande als Hobbysportler in den sozialen Medien aktiv ist, trifft früher oder später auf Beiträge von Gilbert Fisch. Vielleicht eher früher. Denn der alternde Jungunternehmer, wie sich der 61­Jährige selber bezeichnet, wirbt auf Facebook teils mehrmals täglich für seine Charity­-Projekte. Seine Zielgruppe sind Breitensportler, die Gutes tun und zugleich Spass haben wollen.

Etwa mit der Aktion «Frauen rennen – Männer brennen». Unter diesem Motto begeisterte Fisch über fünfzig Läuferinnen dafür, beim Zürich Marathon Team Run 2017 mit einem sperrigen Wasserkanister am Rücken für ein Wasserprojekt in Sambia mitzumachen. Unterstützt wurden sie dabei von Männern als Kilometersponsoren. Am Schluss konnten als Sammelergebnis 54 282 Franken an die Luzerner Non­-Profit­-Organisation «Wasser für Wasser» überwiesen werden.

Das Verkaufen im Blut
Gilbert Fisch kommuniziert seine Projekte mit der Hartnäckigkeit des Weltverbesserers. Aussergewöhnlich sind seine Ideen und sein Ton; beides erinnert an einen Lebenskünstler. Diese Mischung aus Helfer und vermeintlichem Sonnyboy macht neugierig auf die Geschichte dahinter.

Aufgewachsen sei er in einer Familie, die sich dem Mittelmass verschrieben habe, erzählt der bekennende Kaffeeliebhaber beim ersten Treffen. Er hat sichtlich Spass am Austausch und beendet seine Sätze meist mit einem Lachen im Gesicht. Als junger Mann absolvierte Fisch mit wenig Begeisterung eine Lehre als Tiefbauzeichner sowie eine Zusatzausbildung als Strassenbauer. Seine berufliche Erfolgsgeschichte begann, als er nach der Umschulung an einer Handelsschule und einem England­Aufenthalt in eine Versicherungsgesellschaft eintrat. Dort beauftragte man ihn bald damit, eine Direktvertriebs­-Abteilung für Spitaltaggeld­-Versicherungen aufzubauen. Ein Volltreffer; das Verkaufen per Post lag dem ehrgeizigen Angestellten im Blut.

Später machte er sich selbstständig und baute zusammen mit einem Partner die führende Direkt Marketing Agentur der Schweiz mit 70 Mitarbeitenden auf. Gilbert Fisch: «Damals war ich ein Ich­bezogener Mensch, der immer allen beweisen wollte, wie gut er in dem war, was er machte.» Menschen in Not waren für ihn kein Thema. «Ich spendete nie, auch mit der Ausrede, dass das Geld sowieso nicht am richtigen Ort landen würde.» Auf dem Zenit des Erfolgs verkaufte Gilbert Fisch sein Unternehmen, 48­jährig war er damals. Seither muss er nicht mehr für Geld arbeiten.

Vom Burn-Out zum Hilfsprojekt
Zunächst legte er eine Auszeit ein. Dann wechselte der leidenschaftliche Triathlet mit 50 Jahren ins Lager der Leistungssportler. Er nahm weltweit an Ironman­-Wettkämpfen teil und qualifizierte sich zweimal für die Weltmeisterschaften auf Hawaii. Aus seinem Plan, mit 60 Jahren Altersklassen­-Weltmeister zu werden, wurde jedoch nichts. «2014 rächte sich mein Körper für den jahrelangen Raubbau und ich erlitt ein Burn­out.» Fisch verstand die Welt nicht mehr. Einen Plan B hatte es neben dem Sport nie gegeben.

Zum tiefen Fall kam eine veränderte Wahrnehmung der Welt. Auf einmal schienen den unerschütterlichen Optimisten nur noch Hiobsbotschaften über Umweltkatastrophen, Hungersnöte, Flüchtlingsdramen, die Ausbeutung von Mensch und Natur und profitgierige Konzerne zu erreichen. «Erst war ich dauernd wütend», resümiert er. «Dann fühlte ich eine unglaubliche Machtlosigkeit. Und zuletzt stand ich auf und sagte mir: Tu etwas!»

Zunächst scheiterte er an seinen eigenen Erwartungen, etwas Grosses auf die Beine zu stellen. «Bis mir klar wurde, dass ich ganz klein anfangen musste, quasi einem Menschen nach dem anderen zu helfen.» Heute unterstützt Gilbert Fisch mit seinen Charity­-Aktionen zwei Hilfswerke, die in Afrika tätig sind. «Natürlich gibt es auch bei uns viel Armut und Leid, aber die sind nicht vergleichbar mit der Situation in Entwicklungsländern», sagt Fisch zur Wahl seines Engagements.

Kampf um Aufmerksamkeit
Gutes tun mit Laufen liegt im Trend. Gerade Charity­-Aktionen beinhalten aber auch einen Kampf um Aufmerksamkeit. Die Konkurrenz wächst stetig; bei den Läufern, den Veranstaltern, den Hilfswerken und bei den privaten Initianten. Um sich aus der Masse abzuheben, sind Kreativität und ein starkes Ego gefragt. Eigenschaften, wie sie ein ehemaliger Werbeprofi und Ironman mitbringt. «Ich wollte einfach sportliche Menschen zusammenbringen, ihnen ein schönes Erlebnis bescheren und sie so dazu motivieren, mir etwas Geld für Bildungs­-, Wasser­- und Zufluchtsprojekte anzuvertrauen», erzählt Gilbert über den Anfang seiner Hilfstätigkeit vor rund drei Jahren.

Weil das Vorhaben eine positive Resonanz fand, wuchsen die Spendenerträge bald zu ansehnlichen Summen. Um Transparenz zu schaffen, gründete Fisch 2016 die Stiftung Summits4Hope. «Eine One-Man-­Show», wie der Initiant anfügt. «Mit vielen Freunden, die fleissig mithelfen.»

2872 Franken sammelte Livia Huber als Mitglied in einem Summits4Hope Team am Zürich Marathon 2018; beinahe das Doppelte ihres ursprünglichen Ziels. Die Erfahrungen der jungen Läuferin sind dennoch gemischt. «Einerseits bin ich verblüfft, wie schwer es sein kann, Leute davon zu überzeugen, für einen guten Zweck zu spenden, wenn es sich auch bloss um einen Beitrag von 30 Franken handelt», sagt sie. «Dafür haben mich im Gegenzug einige sehr überrascht, darunter besonders diejenigen, welche selber mit knappem Budget leben und die dann umso grosszügiger waren.»

Über hundert Sportler am Zürich Marathon
Lovey Wymann kennt Gilbert Fisch bereits aus ihrer Zeit als Mitarbeiterin in seiner Firma. «Gilbert kann sehr überzeugend wirken», begründet die temperamentvolle Texterin lachend, warum sie beim diesjährigen Zürich Marathon einmal mehr als Sponsorenläuferin unterwegs war. «Zudem engagiere ich mich auch sonst für Kinder und die Stimmung an den Läufen gefällt mir.» Ein persönliches Spendenziel verfolgt sie jeweils nicht. Und Vorgaben bestehen keine. Aus dem Bekanntenkreis bekommt sie aber immer viele positive Reaktionen. «Durch die Folgen eines Unfalls bin ich leicht gehbehindert und bis vor sechs Jahren war ich massiv übergewichtig», erzählt Lovey Wymann. «Da freuen sich viele mit mir, weil jetzt solche Aktivitäten wieder möglich sind.»

119 Läuferinnen und Läufer machten beim Zürich Marathon 2018 für die Stiftung Summits4Hope mit. Drei liefen den ganzen Marathon alleine, 116 waren in Teams unterwegs. Darunter auch Peter Camenzind, die 67­jährige Ultralauflegende. «Es war das erste Mal, dass ich so was machte», sagt Camenzind, der im selben Sportclub Mitglied ist wie Gilbert Fisch. «Ich bin ein grosser Fan von Afrika und wenn ich durch das Laufen helfen kann, die Situation dort ein wenig zu verbessern, ist das toll.»

Die meisten waren erneut mit aufgeschnallten, knallgelben Wasserkanistern unterwegs, einige liefen mit einer grossen WC­-Brille auf dem Rücken, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Mehr als 100 000 Franken konnte die Stiftung nach dem Zürich Marathon 2018 für den Bau einer Toilettenanlage in einer Schule in Mosambik überweisen. Die nächste Aktion plant Fisch für den Herbst mit seinem selbstorganisierten Multisportevent «nEVEREST». Das dritte Standbein seiner Ideen sind sogenannte Soul Food Fridays. Dabei lädt er acht Personen zum Essen zu sich nach Hause ein. Bezahlt wird mittels frei bestimmter Spende in eine Box. Auf diese Weise kamen in einem Jahr bei acht Dinners 10 000 Franken für ein Waisenhaus in Kenia zustande.

Direkter Geldfluss
Private Charity­-Initianten wie Gilbert Fisch lancieren in der Regel keine eigenen Hilfswerke, sondern unterstützen mit ihren Aktionen bestehende Organisationen. Weil die Privaten meist ehrenamtlich arbeiten und die gespendeten Gelder 1:1 weitergeben, sind sie besonders attraktive Partner. Fisch hat bei der Wahl der Hilfswerke darauf geachtet, dass seine Sammelergebnisse vollumfänglich in die Projekte fliessen. Er habe überdies aber nie reine Spender gesucht, sondern wolle einen Gegenwert bieten, betont der ehemalige Leistungssportler. So verbindet er die Charity­-Teilnehmer etwa zu einer Community, die er mit Geld aus dem eigenen Sack zu einer Pastaparty einlädt. Auch die Stiftungskosten finanziert er aus seinem eigenen Vermögen.

Nicht alle Läufer verfügen wie Gilbert Fisch über das Netzwerk oder Talent als Fundraiser. Und an der Idee, einen Marathon mit einer WC­-Brille am Rücken als Blickfang für eine wohltätige Idee zu laufen, können sich die Geister scheiden. Gutes tun mit Laufen geschieht indes ebenso häufig im Stillen. Grössere Events bieten bei der Anmeldung eine eigentliche Auswahl von Spendenmöglichkeiten. Sieben Hilfswerke sind es zum Beispiel beim Frauenlauf, darunter etablierte Organisationen wie das Schweizerische Rote Kreuz, die Helvetas oder World Vision.

Auch kleine und mittlere Veranstalter wie etwa der TSV Rohrdorf mit seinem Quer durch Rohrdorf und dem Rohrdorfer Frühlingslauf überweisen seit Jahren ohne Tamtam einen Teil ihres Gewinns an wohltätige Institutionen. Eindrücklich wirkt auch das Engagement des Wallisellerlaufs, wo man seit der Gründung im Jahr 1993 den jährlichen Überschuss an den Fonds «Kind, Krebs & Familie» der Krebsliga des Kantons Zürich überweist, mit dem Ferienwochen für krebskranke Kinder und Jugendliche finanziert werden. Rund 660 000 Franken kamen bis heute als Spenden zusammen – ohne dass dies die Läufer beim Startgeld oder den Leistungen merken. Im Gegenteil. 32 Franken für einen 9,3­-km Lauf inklusive Wettkampf­Infrastruktur und Finisherbag scheinen eigentlich günstig.

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