Gewissensfrage Merino-Wolle

Viel Leid bei der Schafzüchtung

Funktionell, flauschig, geruchsarm – Merinowolle ist bei Sportlern hoch im Kurs. Was dabei vergessen geht: Merinowolle wird unter Bedingungen produziert, die alles andere als tiergerecht sind und auch für den Konsumenten Gefahren bieten.

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Merinowolle ist nicht nur kuschelweich, sondern auch von guter Qualität. Die feine Wolle der Merino-Schafe gleicht Temperatur und Feuchtigkeit aus, isoliert und ist geruchsneutral. Aufgrund dieser Eigenschaften wird Merinowolle zunehmend für Funktions-Unterwäsche und Outdoorbekleidung eingesetzt. Beliebt ist Merinowolle vor allem in Sportarten wie Wandern, Trekking, Trailrunning, Langlauf, Skitouren, Radfahren – Tendenz steigend.

Bekleidung aus Merinowolle gibt es im Sportbereich in unterschiedlichsten Ausführungen: Von 100 Prozent Merino bis hin zu Mischgeweben in Kombination mit Elasthan oder Polyamid, wo die Vorteile der Merinowolle mit denen der Synthetikfasern vereint werden. Ob Socken, Unterwäsche, Shirts oder Hoodies – Merinowolle bietet langlebige Kleidung von höchstem Tragekomfort.

Die Vorteile haben sich in der Sportwelt schnell herumgesprochen. Gerade im Bereich Outdoor stellen viele Lieferanten eine steigende Beliebtheit fest und bauen das Sortiment entsprechend aus. In der Schweiz bietet längst nicht mehr nur der Sportfachhandel Merino-Produkte an, sondern auch Grossverteiler sind ins Geschäft eingestiegen.

 


Welche Materialien eignen sich im Sport?
Tierfreundliche Alternativen zu Merinowolle

Kunstfasern
Polyester, Polyamid, Polypropylen: Überzeugen durch ihre Vielfältigkeit, sind extrem dehn- und belastbar, trocknen schnell und können dem Körper je nach Oberflächenbeschaffenheit helfen, sich zu wärmen oder abzukühlen. Polyacryl: Kommt bezüglich Optik und Haptik der Wolle am nächsten und bietet sich daher als Ersatz an.

Pflanzliche Produkte
Die meisten pflanzlichen Materialien erfüllen bislang die gewünschten Anforderungen, die Sportler heutzutage an Textilien stellen, nicht im selben Masse, wie es synthetische Textilien tun. Interessant ist Tencel, eine atmungsaktive Zellulosefaser, die viel Feuchtigkeit aufnimmt und auf Pflanzen basiert. Tencel gilt aktuell als eine der nachhaltigsten Materialien auf dem Textilmarkt.

Alternativen
Viele möglichen Alternativen zu Wolle befinden sich noch in der Entwicklung, wie beispielsweise Woocoa: Das ist eine Wolle aus einer Kombination von Hanf, Kokosfasern und Pilzenzymen. Woocoa bindet Wasser, sorgt für einen hervorragenden Wärmeausgleich und wirkt antimikrobiell. Hanf macht die Faser langlebig, leicht zu färben und umweltfreundlich. Hoher Tragekomfort.



Überzüchtung mit Folgen
Doch der Boom hat Konsequenzen: Die meisten Merino-Schafe leben leider nicht mehr auf idyllischen Weiden, gehütet von einem wettergegerbten Hirten, der jedes einzelne Tier hegt und pflegt. Die ursprünglich aus Nordafrika stammende Rasse wird heute weitgehend auf Produktion gezüchtet: Ein einzelnes Schaf kann bis zu zehn Kilogramm Wolle pro Jahr liefern. Von den weltweit rund einer Milliarde Schafen, die für ihr Fleisch und ihre Wolle gezüchtet und menschlichen Zwecken angepasst werden, lebt ein Grossteil der Tiere in Asien. Mit 73 Millionen geschorener Schafe pro Jahr ist Australien das grösste Exportland für Wolle und produziert rund 25 Prozent des gesamten Wollaufkommens, gefolgt von China und Neuseeland. Etwa die Hälfte dieser Schafe sind Merino-Schafe.

Unzählige, vorwiegend australische Merino-Schafe erdulden für die feine Merinowolle in den Ladenregalen entsetzliche Qualen. Um zu mehr Wollertrag zu kommen, wurden den Merino-Schafen extra viele Hautfalten angezüchtet. Doch das ist für die Tiere, die ursprünglich aus Nordafrika stammen, besonders im feuchtschwülen Klima Australiens fatal: Zu Tausenden leben die Schafe dort auf grossen Farmen. Durch die Massenhaltung werden ebensolche Massen von Schmeissfliegen angezogen, die sich in die feuchten und von Urin und Kot verschmutzten Hautfalten am Hinterteil der Schafe absetzen und dort ihre Eier ablegen. Wenn die Fliegenmaden schlüpfen, fressen sie sich tief ins Fleisch hinein, wo sie schlimme Infektionen verursachen, die bis zum Tod der Tiere führen können. Bei vorzeitigen Hitzeperioden können die Schafe durch ihr unnatürlich starkes Haarwachstum an Hitzschlag sterben. Und schert man zu früh, besteht die Gefahr, dass die Schafe bei unerwarteten Kälteeinbrüchen erfrieren.

Fatales «Mulesing»
Den Befall mit Schmeissfliegen versuchen die Farmer durch «Mulesing» oder «Mulesierung» zu verhindern. Was relativ harmlos als «chirurgische Entfernung der Haut im Afterbereich» bezeichnet wird, ist Tierquälerei: Faktisch werden den jungen Lämmern, oft ohne spätere Wundversorgung, bis zu tellergrosse Hautstücke aus dem Afterbereich geschnitten, und meist wird gleichzeitig auch noch der Schwanz kupiert.

Gemäss dem Australischen Wollvertriebsverband AWEX erhalten zwei Drittel der Schafe inzwischen zwar Schmerzmittel (oft Tri-Solfen), doch meist geschieht das erst nach der Operation, und noch immer geht die Zahl der unbetäubten Tiere in die Millionen. Zwar wird – sofern die Wunde verheilt – eine spätere Eiablage der Fliegen so verhindert, doch oft entstehen nach dem traumatischen Eingriff Entzündungen oder gar Krebs. Damit in die offenen Wunden nicht wieder Eier abgelegt werden, behandelt man die Tiere mit Insektizid- und Fungizidlösungen – dies nicht nur in Australien, sondern auch in anderen Staaten, die Merinowolle produzieren. Gift, das nicht nur die Gesundheit der Tiere beeinträchtigt, sondern auch in der Wolle haftet, welche die Konsumenten später auf ihrer Haut tragen.

Jeder Einkauf ist ein Statement
Durch die Zucht von klimatisch angepassten Tieren sowie regelmässiger Kontrolle der einzelnen Tiere und Scheren an gefährdeten Stellen bräuchte es kein «Mulesing». Doch wer bezahlt diese Zeit und den Zusatzaufwand? Mehrkosten dieser Art lässt eine Massenproduktion nicht zu. In der vom Preiszerfall gebeutelten Industrie lautet die Devise: Qualität zu billigen Preisen. Auch Alternativen wie Fliegenfallen oder das Züchten von Rassen, die an den betroffenen Körperregionen weniger Falten haben und so ans heiss-feuchte Klima besser angepasst sind, stossen bei den Wollproduzenten auf taube Ohren.

Schlussendlich kann nur der Druck der Konsumenten etwas bewegen: Jeder Einkauf ist ein Statement. Doch leider sind die Verkaufskanäle bis hin zum Farmer sehr schwierig zu durchleuchten. Viele Detailhändler mit Hunderten von Lieferanten und Marken haben nur begrenzt Einblick in die Produktion. Eine Gewähr für tierschutzgerechte Merinowolle gibt es nicht. Und selbst ohne jegliches Mulesing kann eine Massentierhaltung nicht tiergerecht sein. Daran können auch Ökolabel, die sich ernsthaft bemühen, nur wenig ändern (vgl. Kasten «Welche Alternativen hat der Konsument?»).

«Zertifikate wie der ‹Responsible Wool Standard› sind in erster Linie ‹Green Washing› und dienen dazu, das Gewissen der Kunden zu beruhigen», sagt Johanna Fuoss, Fachreferentin Bekleidung und Textil der deutschen Tierrechtsorganisation PETA. Laut Fuoss würden Kontrollen zu selten und oftmals mit einer Ankündigung durchgeführt, wodurch der Missbrauch von Tieren nicht ausgeschlossen werden könne. Fuoss ist daher überzeugt: «Egal, woher Wolle stammt, wie ‹ethisch› sie angeblich gewonnen wurde oder aus welch zertifizierter Quelle sie kommt: Wolle bedeutet für Millionen von Schafen und Lämmern Leid und Tod.»

Erlaubt seien laut Fuoss nach wie vor schmerzhafte Standardpraktiken wie z.B. das Kastrieren via Gummiring. Und das Schlachtverfahren, dem mit knapp vier Jahren kaum ein Schaf entgeht, weil dann seine Produktionsfähigkeit nachlässt, ist ebenfalls tierverachtend. Zusammengepfercht als Lebendware in Frachtschiffen in den Nahen Osten – wo das Schlachten häufig nicht kontrolliert wird – erdulden die Tiere oft unter Todesangst ihre letzten Qualen.
 


Nachhaltigkeit bei Sportbekleidung
Der Konsument bestimmt mit

Was man im Fachgeschäft fragen sollte: Der erste Schritt zu mehr Nachhaltigkeit in der Sportbekleidung ist simpel: Tragen Sie Ihre Sportbekleidung so lange wie möglich, bevor Sie neue kaufen. Sonst gilt: Wer Sportbekleidung kaufen möchte, sollte sich im Fachgeschäft explizit nach der Herstellung erkundigen. Bei MerinoProdukten sollte man konsequent auf Marken verzichten, die keine Richtlinien gegen Mulesing haben, sich nicht gegen Mulesing äussern und keine entsprechenden Schritte unternehmen, um Wolle aus Mulesing-Quellen auszuschliessen. Die grossen Mode-Labels wie Lacoste, Mango, Diesel, Max Mara u. a. haben keine entsprechenden Massnahmen.

Gütesiegel zur Qualitätssicherung
Folgende Gütesiegel versuchen Standards zur Einhaltung des Tierwohls zu garantieren:
• SmartWool: www.smartwool.com 
• Responsible Wool-Standard: www.responsiblewool.org 
• New Merino Standard (NMS); www.newmerino.com.au 
Tierschutzvereine wie PETA monieren allerdings, dass bei den Gütesiegeln nur Mindeststandards formuliert sind, die sehr viel Freiraum zur Interpretation lassen, nicht immer zwingend eingehalten werden müssen und oft nur unregelmässig kontrolliert werden.

Tierschutz
Alle Tierschutzverbände empfehlen, generell auf Merino-Produkte zu verzichten. PETA (www.peta.de) und seine Partnerorganisationen haben bislang elf Enthüllungsberichte bei über 99 Schafbetrieben auf vier Kontinenten (Europa, Australien, Nordamerika, Südamerika) veröffentlicht. Eine Broschüre mit Infos zu Daunen, Wolle, Leder und Pelz hat zudem der Schweizer Tierschutz veröffentlicht. Sie kann online bestellt werden unter: www.tierschutz.com/publikationen/ konsum > Flyer Daunen, Wolle, Leder, Pelz

Weiterführende Infos
Der Higg-Index vergleicht Textilien und Materialien in der Bekleidungsindustrie unter ökologischen Aspekten miteinander. Interessant dabei: Oft schneiden synthetische Materialien besser ab als Wolle, was sich vor allem auf den enormen Flächenverbrauch, den Einsatz von Chemiebädern, Pestiziden und die hohen Methan- und Nitratausscheidungen in der Schafzucht zurückführen lässt.
www.apparelcoalition.org/the-higg-index/ 



Für Mensch, Tier und Natur
Weil es für Merinowolle aus tierschützerisch unbedenklicher Haltung kaum verlässliche Garantien gibt, empfehlen sämtliche Tierschutzverbände auf den Kauf von Merino-Produkten zu verzichten. «Wer auf der Suche nach funktionaler Sportkleidung ist, muss dafür keinem Schaf das Fell rauben», sagt Johanna Fuoss. «Der Handel bietet eine Fülle hochwertiger, tierleidfreier Alternativen zu Merinowolle an.»

Wer nicht auf feine Merinowolle verzichten will, kann sich immerhin an gewisse Labels und Gütesiegel halten, die sich um mulesingfreie Produkte und tiergerechte Haltung bemühen. Gemäss Barbara Engel, Leiterin für Nachhaltigkeit und Kommunikation bei der Triaz GmbH (Vivanda, Waschbär), ist das allerdings nicht einfach: «Bei uns müssen die Lieferanten zwar unterzeichnen, dass ihre Wolle mulesingfrei ist, doch den Zugang bis zu den Wollfarmern haben wir nicht, es ist unmöglich, bei jedem Artikel die genaue Herkunft transparent zu überprüfen.»

Selbst bei kontrolliert biologischer Wolle sei Mulesing nicht auszuschliessen, denn auch Bioproduzenten hätten die Möglichkeit, dafür eine Bewilligung zu beantragen, falls die Tiere befallen seien – allerdings nur unter Narkose und Schmerzmittelverabreichung. Aus diesen Gründen ist für Nina Jamal, internationale Kampagnenleiterin für Nutztiere bei «Vier Pfoten», die Konsequenz klar: «Von Seite der Produzenten ist ein Umdenken dringend notwendig. Die Wollproduktion muss sich hin zu Schafrassen/Genetiken bewegen, die faltenfrei sind und durch klügere Bewirtschaftung das Risiko für Fliegenmadenbefall minimieren. Die Farmer sollten dabei durch Industrieverbände unterstützt werden.»
 


Wer bietet «Mulesingfreie» Merino-Produkte an?
So gut sind Schweizer Anbieter

Hess Natur: Stellt sehr hohe Anforderungen an die Faserauswahl, biologische Anbau – und Tierhaltungsmethoden werden vorausgesetzt. Hess Natur betreibt eine eigene Fachabteilung zur Prüfung sämtlicher Produkte und gewährt absolut mulesingfreie und möglichst biologisch produzierte Wolle, die ausschliesslich aus Südamerika stamme, wo Mulesing kaum vorkomme. Die Folge der seriösen Überprüfung sind Produktionsmehrkosten von 25 Prozent und dadurch natürlich auch höhere Verkaufspreise. www.hessnatur.com  

Triaz GmbH: Triaz GmbH weicht aus auf Neuseeland, Südamerika und die Mongolei und sagt: «Diese Länder haben das Problem mit dem Fliegenbefall aus klimatischen Gründen nicht und betreiben kaum Mulesing.» www.vivanda-versand.ch, www.waschbaer.ch 

Icebreaker Merino: Das neuseeländische Label ist das älteste Label (1997), das Merino-Wolle für seine Sportkleidung nutzt. Icebreaker gilt als Marke mit hochstehenden Produkten und verarbeitet seit 2008 als eine der ersten mulesingfreie und nur hochwertigste Merinowolle. Laut der Schweizer Pressestelle werde es aber immer schwieriger, die genaue Herkunft der Wolle nachzuverfolgen, da ein Kleidungsstück teils aus Wolle von mehreren Produzenten hergestellt werde. www.icebreaker.com/de/transparency.html

Ortovox: Bei Ortovox stammt Merinowolle gemäss eigenen Angaben von ursprünglichen (nicht überzüchteten) tasmanischen Schaffarmen mit traditioneller Schafhaltung. www.ortovox.com/de/shop/swisswool/

Odlo: Lehnt Mulesing strikte ab und bezieht gemäss eigenen Angaben Wolle ausschliesslich von kontrollierten Farmen, was die Lieferanten mit einem «Non-Mulesing-Zertifikat» bestätigen.

Löffler: Verarbeitet zertifiziert mulesingfreie Wolle (Australien, Europa, Südamerika). Hoher gesamtökologischer Standard (Produktion ausschliesslich in Europa, v. a. Österreich, schadstofffreie Materialien, umweltfreundliche Produktions­prozesse, gute Arbeitsbedingungen).

Mammut: Schickt klare Signale an die Lieferketten. Die Firma hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2023 sämtliche Wolle mit Responsible-Wool-Standard-Gütesiegel zu beziehen. Als Zwischenlösung verlangt Mammut Bestätigungen von den Lieferanten, um mulesingfreie Produkte anzubieten.

The North Face: Ist zu 90 Prozent ZQ-Merino-zertifiziert, Wolle stammt grösstenteils aus Neuseeland.

Migros: Anerkennt nur spezifische Standards und Programme, die eine mulesingfreie Produktion garantieren: Verzichtserklärung des Siegels ZQ, Bezugsnachweis des Lieferanten «Südwolle» mit Responsible Wool Standard oder gleichwertige Programme (nach detaillierter Überprüfung durch die Migros).

Coop: Keine Eigenmarken aus Merinowolle. Im Bereich Markenprodukte müssen jeweils die Markenhersteller garantieren, dass sie ausschliesslich mulesingfreie Wolle verwenden.



Der Konsument redet mit
Tatsächlich fordern viele Firmen von ihren Lieferanten inzwischen ausdrücklich mulesingfreie Produkte, was sehr lobenswert ist. Doch nach wie vor ist es schwierig, die Einhaltung dieser Forderungen adäquat zu überprüfen: So sind etwa 15 Prozent der überprüften Mulesing-Deklarationen gemäss der Verantwortlichen der AWEG-Wollbörse nicht konform oder falsch.

Sicher ist: Solange gedankenloser Massenkonsum die Mühle der Produktionsindustrie antreibt, werden ökologische, medizinische und tierrechtliche Probleme in der Tierhaltung unlösbar bleiben. Der Sportbranche muss man immerhin zugutehalten, dass sich zahlreiche Hersteller bemühen, die Lieferwege transparent zu machen (vgl. Box «So gut sind Schweizer Anbieter»). Eine wichtige Rolle im Thema spielt der Konsument: Denn mit seinem Kaufverhalten – und allfälligem Verzicht – kann er ethische und nachhaltige Wertmassstäbe setzen, die das Leiden von Tieren ausschliessen und einen sorgsamen Umgang mit Mensch, Natur und Umwelt einfordern. Gerade Outdoorsportler aller Art sollten daraufhin sensibilisiert sein, unter welchen ökologischen, ethischen und tierrechtlichen Aspekten ihre Ausrüstung produziert wird.

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