Geschichte des Laufsports

Der älteste Lauf-Wettkampf ist über 800-jährig

Welches sind die ältesten Lauf-Veranstaltungen der Welt? Welches die ältesten in der Schweiz? Ein Blick in die Geschichtsbücher.

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Die Geschichte des Laufsports ist erstaunlich gut dokumentiert. Die ersten Wettkampfformen fanden sich bereits nach der Entstehung der ersten Kulturen, zuerst bei den Ägyptern und dann bei den Griechen. Am Anfang des Laufsports im heutigen Sinn steht aber England. Der Adel erfreute sich schon im 18. und 19. Jahrhundert neben Pferderennen an den Wettläufen der sogenannten Footmen, meist Bedienstete, die gegeneinander antraten. Beträchtliche Wetten wurden auf den Ausgang der Rennen abgeschlossen. Entsprechend soll es oft auch zu Absprachen und Manipulationen gekommen sein. Die Suche nach den ersten Volksläufen ist schon etwas schwieriger. Die Vereinigung der Strassenlauf-Statistiker (ARRS) nennt den Palio del Drappo Verde in Verona als ältesten Strassenlauf der Welt. Der Lauf wurde von 1208 bis 1797 ausgetragen und ist seit 2008 wieder im Kalender. Mit dem Lauf wurde der Sieg der Stadtrepublik Verona über die Grafen von San Bonifazio und die Montecchi-Familie gefeiert. Der Name kommt vom Preis, den der Sieger erhielt: ein Stück grüner Stoff, vermutlich aus der damals sehr kostbaren Seide. Und auch der Letzte ging nicht leer aus – er erhielt einen Hahn. 1271 wurde die Veranstaltung im «Statuto Albertino» verankert. Festgeschrieben wurde auch der Termin: der erste Sonntag der Fastenzeit, die vom Aschermittwoch bis Ostern dauert. Und 1393, lange, bevor andernorts Frauen zugelassen wurden – beim Murtenlauf zum Beispiel war das erst 1977 – gab es auch ein Rennen für das «schwache Geschlecht». Dabei sollte es sich um «redliche, verheiratete oder zumindest verlobte Frauen» handeln. Nur im Falle, dass sich keine solche Frauen melden würden, könnten auch «Mägde und andere Frauenzimmer» teilnehmen. Die männlichen Teilnehmer rannten nackt. Ob in Anlehnung an die griechische Antike oder damit der Gegner nicht an den Kleidern zurückgehalten werden konnte, ist nicht überliefert. Der britische Sporthistoriker Andy Milroy hält den zweiten Grund als wahrscheinlicher, «weil in den damaligen Rennen oft auch die Hände zuhilfe genommen wurden.» Ob auch die Frauen ihre Rennen nackt austrugen, hat der Chronist nicht herausgefunden.

In Carnwath gibts Kniestrümpfe
Das Guiness-Buch der Rekorde führt das «Red Hose 5 Mile Race» in der britischen Ortschaft Carnwath (South Lanarkshire) als ältestes Rennen. Zu Unrecht, wie wir finden. Was für die Schotten spricht: Seit 1508 fand der Lauf mit Ausnahme der beiden Weltkriege und der Jahre 1926 (Generalstreik) sowie 1952 und 2001 (Maul- und Klauenseuche) immer statt. Es begann damit, dass König James IV von Schottland das Land um Carnwath herum einem Lord Sommerville abtrat – mit einer ganz speziellen Bedingung: immer im Juni sollte Carnwaths schnellster Läufer erkoren werden. Allerdings nicht aus sportlichen Gründen. Der König dachte an etwas anderes: So konnten Neuigkeiten eines feindlichen Einfalls oder einer anderen Gefahr schnell überbracht werden. Der Grund für die roten Socken, die es auch heute noch als Preis gibt: damit der Läufer von Weitem erkannt wird. 1640 wurde Carnwath von der Lockhart-Familie erworben, doch auch die Nachkommen müssen das «Red Hose 5 Mile Race» weiterführen. Nur Königin Elizabeths Kammerherr könnte eine Aufhebung beschliessen. Den dritten Historien-Podiumsplatz nimmt das «Christmas Day Handicap Race for the Challenge Trophy» in Rotherham (South Yorkshire, England) ein. Der Lauf steht, wie immer seit der Premiere 1888, nur Mitgliedern der Rotherham Harriers offen. Wie der Name sagt, handelt es sich um ein Handicap-Rennen. Die Handicaps werden von den Klubfunktionären ausgerechnet. Die 5 Meilen (8 km) werden auf einer 2,66 km langen Runde zurückgelegt, zuerst links rum, dann rechts rum und dann wieder links rum. Eine weitere Besonderheit: Die Teilnehmer sind angehalten, kleine Geschenke mitzubringen, die bei der Preisverteilung ausgetauscht werden.

118 Mal Boston-Marathon
Unter den Top Ten figuriert auch ein Marathon. Die Premiere des Boston-Marathons war 1897, ein Jahr nach den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit. Tatsächlich war der Olympia-Marathon der Auslöser. Eine Delegation der Boston Athletics Association war von den Darbietungen in Athen so begeistert, dass am Patriot’s Day des folgenden Jahres der erste Marathon organisiert wurde. 15 Läufer waren am Start, zehn schafften es ins Ziel, am schnellsten John J. McDermott aus New York in 2:55:10 Stunden. Die Strecke war in den ersten Jahren allerdings bloss 39,2 Kilometer lang. Seit damals fand der Boston-Marathon immer am dritten April-Montag statt, mit einer kleinen Einschränkung: 1918, als der Erste Weltkrieg in vollem Gange war, wurde anstelle eines Marathons ein Staffellauf für Soldaten durchgeführt: je 10 Mann liefen – in Uniform – je zweieinhalb Meilen. Der älteste Marathon in Europa ist der von Kosice, der zweitgrössten Stadt der Slowakei. Er nennt sich «Friedensmarathon» und hat seinen Platz im internationalen Laufkalender am zweiten Sonntag im Oktober. Ausser in den Kriegsjahren wurde der Marathon jedes Jahr durchgeführt, von 1924–1937, 1939 und seit 1941 ohne Unterbruch. Trotz seiner Tradition ist der Kosice-Marathon in Westeuropa höchstens ein Geheimtipp und bringt es auf der Originaldistanz nur auf knapp über tausend Teilnehmer. Dabei spielte er vor allem während des Kalten Krieges eine wichtige Rolle. Hier trafen sich Marathonläufer aus Ost und West und unterwanderten so die restriktiven DDR-Bestimmungen. Viele bekannte Läufer wie Abebe Bikila, Ron Hill oder Tegla Toroupe waren in Kosice am Start und natürlich die gesamte DDR-Prominenz, angeführt von Doppel-Olympiasieger Waldemar Cierpinski. 1987 gewann Jörg Peter, ein Jahr später Michael Heilmann. Als Sieger erhielt Heilmann einen Personenwagen der Marke Skoda. Dieser, ein Luxusobjekt im Trabbi-Land, wurde ihm aber von den Grenzbehörden abgenommen. Etwas mehr als ein Jahr später, nach dem Fall der Berliner Mauer, wäre das nicht mehr passiert.

Murtenlauf, Brienzerseelauf und Bieler Hunderter
Die Schweizer Liste wird vom Murtenlauf angeführt, der letztes Jahr zum 80. Mal stattfand, mit Ausnahme des Jahres 1939 immer seit 1933. Auf dem zweiten Platz findet sich der Brienzerseelauf. Bis 1956 führte der Turnverein Bönigen einen Orientierungslauf durch. Da die Teilnehmerzahlen zuletzt aber rückläufig waren, entschlossen sich die Böniger, einen Strassenlauf anzubieten. Klar war, dass eine kürzere Strecke mehr Läufer bringen würde, doch man entschied sich für einen «richtigen Langstreckenlauf» rund um den Brienzersee, zuerst über 34,6 und seit 1986 über 35 Kilometer. Ebenfalls viel Tradition bringt der 100-Kilometer-Lauf von Biel mit, der seit 1959 jedes Jahr stattfand. Im ersten Jahr mit 35 Unentwegten über die Originaldistanz, inzwischen – in Bieler Lauftage umbenannt und mit Unterdistanzen – mit insgesamt rund 4000 Teilnehmern.

Jürg Wirz war von 1985 bis 1996 Chefredaktor der Zeitschrift «Der Läufer» und bis 1998 von FIT for LIFE. Er ist ein ausgewiesener Lauf- und Leichtathletikfachmann und lebt seit 1999 als Journalist, Buchautor und Übersetzer in Kenia.

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