Geschichte des Barfusslaufens im Laufsport

Barfuss zum Olympiasieg

Barfusslaufen hat im Sport eine besondere Bedeutung. Wie kam es zur Renaissance der «nackten Füsse»?

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Es ist paradox. Da befördern uns die Füsse seit den ersten Schritten der Menschheit in (fast) aufrechter Gangart kontinuierlich hinein in die vermeintliche Zivilisation. Es kann sogar behauptet werden, dass uns unsere Füsse durch den bisher wichtigsten Teil der menschlichen Evolution getragen haben. Und was macht die Menschheit, seit sie mit rudimentären Werkzeugen umgehen und zukunftsorientiert denken kann? Sie versteckt und umhüllt ihre untere Extremität! Man schütze sich so vor Verletzungen, wärme und schmücke diese Gliedmassen für den Fall einer plötzlich notwendigen Flucht, für lange Wanderschaften, die Jagd, den Zweikampf oder die Balz, lauten die Argumente dafür, die bis heute ihre vermeintliche Gültigkeit behalten haben. Doch ausgerechnet nun, in einer zivilisatorischen Blütephase der Menschheit, zu Beginn des 21. Jahrhunderts entledigen sich mehr und mehr Menschen ihres (mitunter) schönen Schuhwerks, um eine längst vergessen geglaubte Freiheit barfuss zu erleben. Sei es beim Gang durch die Behausung, beim Spazieren durch Wiesen, beim Wandern über extra gebaute Barfusswege oder eben beim Training und Vergleich in schneller Gangart, gemeinhin «Lauf» genannt.

Schuhe tragen als Privileg
Dabei kommt modernen Sportlern eine besondere Rolle zu, weil sie über die letzten Jahrzehnte nichts anderes gemacht haben, als ihr Schuhwerk zu verändern, den Füssen anzupassen und es zu optimieren, damit ihnen die Schuhe zu höheren Geschwindigkeiten und längeren Strecken verhelfen. Ausgerechnet die neu gewonnene Freiheit für die baren Füsse soll nun eine Verbesserung der läuferischen Fähigkeiten nach sich ziehen - mit anderen Worten: Alle Bemühungen der jüngeren und älteren Vergangenheit in Bezug auf den Schutz, die Führung und die Effizienz der laufenden Füsse soll nun buchstäblich mit Füssen getreten werden. Und gleich noch ein Paradoxon: Die nackte und blosse Freiheit der Füsse bedeutete über die jüngere Menschheitsgeschichte hinweg selten die Freiheit derer, die sie durchs Leben trugen. Denn schon in den frühen Zivilisationen galt das Schuhetragen als Privileg der Höhergestellten. Arme, Sklaven, Gefangene, Verbrecher und Todgeweihte mussten meist barfuss ihr armseliges Dasein fristen. Eine «Tradition», die sich über die Jahrhunderte hinweg bis heute hartnäckig hält. Selbst in vermeintlich modernen Gefängnissen werden manche Gefangene durch Schuhentzug für Vergehen bestraft und müssen dafür barfüssig büssen. Nackte Füsse sind also nicht per se auch freie Füsse. Apropos «büssen»: In vielen Religionen ist es bis heute selbstverständlich, dass Tempel oder sonstige heilige Stätten nur barfuss betreten werden dürfen. Und spirituelle «Büsser» zeigen sich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden gerne barfuss - mehr als nur ein Symbol, sondern eben auch ein Zeichen der Demut.

Barfuss im Sport
Doch konzentrieren wir uns aus naheliegenden Gründen in den folgenden Zeilen auf den Laufsport. Denn gerade dort haben nackte Füsse jüngst eine Renaissance erlebt. Ja, es war durchaus eine Art «Wiedergeburt», denn seit jeher, lange bevor ein amerikanischer Buchautor einem mittelamerikanischen Indianerstamm ein Laufsportdenkmal setzte, war das Barfusslaufen durchaus ein Thema. Die moderne Archäologie ist sich aufgrund einiger zeitgenössischer Darstellungen sicher, dass die Olympischen Laufstrecken in der Antike auf präpariertem Terrain grundsätzlich barfuss absolviert wurden. Dass Pheidippides bei seinem Lauf von Athen nach Sparta (wenn er denn stattgefunden hat) ebenfalls barfuss lief, gilt aber als unwahrscheinlich. Denn der Krieger lief wohl in den damals fürs Kampfgetümmel üblichen Ledersandalen mit dünner, harter Sohle. Die wiederum modernen Theorien zufolge durchaus so etwas wie ein «Barfussgefühl» vermittelt haben dürften, aber davon später mehr. Bei den beliebten «Schauläufen» in und vor den europäischen Metropolen während des 18. und 19. Jahrhunderts gab es einige «Laufartisten», die ihre Darbietungen barfuss feilboten. Doch die wirklich hohen Aufmerksamkeitswerte erreichten Barfussläufer erst in Zeiten, als globale Massenmedien für die weltweite Verbreitung grosser Sportanlässe sorgten. Und die barfüssige Fortbewegung etwa so unpopulär war - weil vermeintlich «unzivilisiert» - wie Nacktlaufen.

Barfuss zum Olympiasieg
Der wohl bekannteste Barfusslauf in der modernen Sportgeschichte fand 1960 statt, als der Äthiopier Abebe Bikila den olympischen Marathon in Rom ohne Schuhe gewann. Dabei wollte der sogleich zum «Barfussläufer par excellence » hochstilisierte Bikila gar nicht ohne Schuhwerk an den Start gehen. Der damals noch gesamtolympische Ausrüster Adidas hatte ihm jedoch zuvor zu schmale und kleine Schuhe zukommen lassen und konnte keine passenden Grössen für den Mann mit den breit gelaufenen Füssen nachliefern. So entschied sich der Äthiopier vernünftigerweise für die «kleinere Pein» und rannte, wie es die meisten Läufer in Äthiopien machten - barfuss. Vier Jahre später verteidigte Bikila in Tokio seine Olympische Goldmedaille und schaffte einen neuen Weltrekord. Diesmal allerdings in Laufschuhen. Schon 1951 gewann der Japaner Shigeki Tanaka den Boston Marathon in hauchdünnen «Schuhen» aus Segeltuch, bei denen in japanischer Tradition der grosse Zeh separat umhüllt war. In den westlichen Ländern nannte man das damals einen «Fast-wie-Barfuss»-Schuh.
Der Engländer Bruce Tulloh beeindruckte die Sportszene ebenfalls mit hervorragenden Laufleistungen ohne Schuhe. Der überzeugte Barfussläufer wurde 1962 Europameister über 5000 Meter, und seine beiden (Zwillings)Töchter kamen als Läuferinnen ebenfalls in die Schlagzeilen der damaligen Medien - nicht zuletzt, weil sie neben rekordverdächtigen Geschwindigkeiten wie ihr Vater barfuss liefen. Der Inder Shivnath Singh lief in den 70er-Jahren grundsätzlich barfuss. Er gilt als einer der wenigen grossen, international erfolgreichen Läufer des indischen Subkontinents. Der Mann lief lediglich mit Tapes um die Zehen, um Hitzeblasen durch den oft kochend heissen Boden in seiner Heimat zu vermeiden. Singh schaffte 1978 einen indischen Marathonrekord (2:12 h), der bis heute Bestand hat. In den 1980er-Jahren stand die südafrikanische Läuferin Zola Budd häufig im Mittelpunkt der Leichtathletikszene. Nicht nur, weil sie richtig schnell unterwegs war (u.a. zweimal Weltmeisterin im Crosslauf), sondern auch, weil sie ihre Rekordläufe und Siege auf der Bahn und beim Crosslauf barfuss absolvierte. Auch die Kenianerin Tegla Loroupe gewann mehrere Crossmeisterschaften barfuss, zog jedoch bei ihren spektakulären und einer grösseren Öffentlichkeit bekannten Siegen wie etwa beim New York Marathon meistens Schuhe an. Mit den technischen Fortschritten und verbesserten Materialien bei der Laufschuhproduktion und dem damit verbundenen weltweiten Milliardengeschäft gab es in den darauf folgenden Jahrzehnten kaum noch überzeugte Barfuss-Laufsportler, die international sportliche Aufmerksamkeit erregten. Sportartikel-Giganten wie Adidas, Nike und Asics waren mittlerweile fest im professionellen Laufsport integriert, prägten ihn massgeblich und bestanden - irgendwie ja verständlich - natürlich darauf, dass ihre Sportler gefälligst in Laufschuhen unterwegs sein sollten. Und dies auch dann, wenn bei Talentsichtungen wie etwa in Afrika junge Läufer offensichtlich noch nie in ihrem Leben Laufschuhe besessen hatten und grundsätzlich barfuss durch die Steppen gerannt waren.

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