Artikel - FIT for LIFE Magazin

Engadin Ultra Trail

Erfolgreiche Premiere

Im unteren Teil des Oberengadins hat ein engagierter Verein den Engadin Ultra Trail geschaffen. Ein Event mit Potenzial – und garantiertem Muskelkater.

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Mit seinen Bergen, seinem riesigen Wandernetz und seinen Naturschönheiten ist das Engadin ein Eldorado für Trailrunner. Umso erstaunlicher, dass in diesem wunderbaren Hochtal nicht mehr Trailrunning-Events inszeniert werden. Zumal sich die örtlichen Touristiker gerne ihrer Pionierrolle rühmen und mit Stolz darauf hinweisen, dass das erste elektrische Licht der Schweiz in St. Moritz geleuchtet habe – an Weihnachten im Jahr 1878.

Das Licht fürs Trailrunning wirkte im Engadin aber lange gedämpft. Erst in den letzten Jahren ist das Angebot gewachsen. Aus dem Engadiner Sommerlauf ist das St. Moritz Running-Festival gewachsen, heuer erstmals mit einem dreitägigen Etappenlauf. Die Ultraks-Serie, die auch Bergläufe in Zermatt, Villars und in Mayrhofen im Zillertal anbietet, startet mittlerweile regelmässig in Pontresina. Und im unteren Teil des Oberengadins ist nun erstmals der Engadin Ultra Trail inszeniert worden, eine Veranstaltung abseits der Fremdenverkehrsströme um St. Moritz.

Komplett neu ist der Engadin Ultra Trail allerdings nicht. Auf einigen Streckenabschnitten ist einst der Irontrail, als Prolog des traditionsreichen Swissalpine Davos, inszeniert worden. Als der Swissalpine 2020 neue Wege ging, beschloss das Team um den heutigen OK-Präsidenten Reto Franziscus, das den Irontrail massgebend mitorganisierte, die Geschichte des Trailrunning im Engadin fortzusetzen. Dafür haben Franziscus und Co. einen Verein gegründet, der sich mitunter auch verpflichtet, die Trails in Fronarbeit zu unterhalten. Was wiederum die Gemeinden freut und die Zusammenarbeit fördert.

Rätoromanisch unterwandert
Vorteilhaft auch, dass die Wege auf den vier verschiedenen Strecken (16  km, 23  km, 53  km und 102  km) gut markiert sind. Denn in der touristisch weniger genutzten Region um Zuoz und Samedan könnte man sich als Unterländer allein sprachlich verirren. Wer vermag Dorfnamen wie La Punt-Chamues-ch, S-chanf oder Cinuos-chel schon so auszusprechen, dass Einheimische ein mitleidiges Lächeln verhindern können? Tschamuestsch, Stschanf und Tschinuostschel – in dieser rätoromanisch unterwanderten und mit viel Wald gesäumten Tal haben nun also engagierte Leute den Engadin Ultra Trail geschnitzt.

Dabei profitierten die Organisatoren nicht zuletzt vom Konkurrenzkampf zwischen den beiden grossen Detailhändlern Migros und Coop. Weil die Migros am 1. Juli in Samedan ihre erste Filiale im Engadin eröffneten, war es für das OK ein Leichtes, Platzhirsch Coop als Verpflegungssponsor zu gewinnen. Für mich und dich! Und so wirkte bei der Premiere bereits vieles professionell. Der Web-Auftritt, die Infrastruktur, die Gastfreundlichkeit. Clever zudem, dass die Strecken alle in die nächstkürzere münden, was organisatorisch vieles erleichtert. Der Königskurs führt über atemberaubende 102 Kilometer und 5677 Höhenmeter, ein herausforderndes Auf und Ab entlang beider Seiten des Inns. Die abwechslungsreichen Trails führen durch fünf charakteristische Dorfkerne und hinauf in die umliegenden Berge mit spektakulären Aussichtspunkten und berühmten Namen wie Corviglia, Muottas Muragl, Munt Seja und Chamanna d’Es-cha. Der Schnellste, der junge Multisportler und Lokalmatador Gian Marchet Schicktanz, tanzte in bloss 10:37 Stunden über die Strecke. Andere hingegen benötigten trotz angenehmen Bedingungen mehr als 24 Stunden. Von den 128 Gestarteten mussten 30 aufgeben.

So vielfältig der Kurs, so vielfältig die Teilnehmer. Über 23 km liefen beispielsweise Multisportler wie der einstige Gigathlon-Sieger Ramon Krebs oder OL-Spitzenläuferin Paula Gross mit. Aber auch Evergreens wie der 86-jährige Roland Thommen oder die beiden früheren Skiweltcup-Abfahrer René Berthod und Andreas Sprecher schwitzten beim steilen Aufstieg zur Alp Muntatsch, genossen den Padella-Trail mit dem wunderbaren Panorama – und litten auf dem Weg von der Skistation Marguns hinunter in die Promulins-Arena.

Zukunft gesichert
Im Ziel in Samedan wirkten sie alle erstaunlich jugendlich. Als sie sich aber ächzend von den Festbänken erhoben und wieder ein paar Schritte unternahmen, vermochten sie ihr Alter kaum noch zu kaschieren. Der Muskelkater hatte sich in manchen Beinen schmerzlich festgebissen.

Insgesamt nahmen 540 Unentwegte an der Premiere teil. «Wir hatten bei der Erstaustragung mit etwa 300 gerechnet», freute sich OK-Chef Franziscus. Fasziniert zeigte er sich vor allem vom Finale in der Nacht auf Sonntag, als er bei den 102-km-Läufern auf den letzten 20 Kilometern persönlich den Besenwagen mimte. «Wie sich die Letztplatzierten da durchkämpfen, mit der Stirnlampe durch die Dunkelheit, hat mich schwer beeindruckt.»

In den nächsten Jahren soll der Engadin Ultra Trail auf jeden Fall wieder stattfinden, vorerst auf den gleichen Strecken, voraussichtlich aber mit mehr Teilnehmern. Die Kapazität dafür ist im unteren Teil des Oberengadins gewiss vorhanden.

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