Artikel - FIT for LIFE Magazin

Einfach-Antrieb im Aufwind

Nur noch ein Kettenblatt vorne

An teuren Mountain- und Gravel-Bikes setzt sich zunehmend ein einzelnes Kettenblatt vorne durch. Was sind die Vor- und Nachteile?

Copyright: Andreas Gonseth

Wir Schweizer haben es schwer. Auf einem Muskelvelo benötigen wir viele Gänge, um die zahllosen Geländeunterschiede ausgleichen zu können. Deshalb galt in den Anfangsjahren der Mountainbikes die Devise: Wer hoch hinaus über die Berge will, muss sich mit möglichst vielen Gängen bestücken, um alle Aufstiege erklimmen zu können. Was gleichbedeutend war mit drei Kettenblättern vorne und einer zu Beginn 7-fach-, später 8- und dann 9-10-fach-Übersetzung hinten und ergo insgesamt theoretisch 21–30 Schaltmöglichkeiten. Das Rennvelo zog um die Jahrtausendwende nach und wurde ebenfalls häufig mit 3 Kettenblättern vorne bestückt.

Jüngst hat sich die Kurbelwelt aber markant verändert, zuerst vorne von 3 auf 2, nun gar auf nur noch ein Kettenblatt. Vor allem teure Mountainbike- und Gravel-Modelle setzen zunehmend auf die Einfach-Kurbel vorne, kombiniert mit einer grossen Kassette hinten mit 11, 12 oder neu gar 13 Ritzeln, was maximal 13 Schaltmöglichkeiten entspricht. Was sind die Überlegungen hinter dieser technischen Entwicklung, was die Vor- und Nachteile?

Kein vorderer Umwerfer mehr
Der wichtigste Vorteil: Der vordere Umwerfer fällt weg und damit ein bewegliches Teil, das im Alltag für Probleme sorgen kann und Wartungsarbeiten benötigt. Gleichzeitig fällt am Lenker auch der linke Schalthebel inklusive Kabelführung weg. Und damit der häufige Blick nach unten, in welchem Ritzel man sich nun gerade befindet. Eine Einfachschaltung macht Spass , das Schalten ist simpler, logischer und intuitiver. Durch den Wegfall des Umwerfers ergeben sich zudem konstruktive Möglichkeiten, um am Rahmen neue Hinterbausysteme oder steifere Tretlagerbereiche zu realisieren.

Der «Tod» des vorderen Umwerfers ist ein schleichender, aber noch lange nicht vollzogen. Und er kommt nicht so abrupt, wie es scheint. Bereits 2012 brachte der US-Komponentenhersteller Sram die erste Gruppe mit nur einem Kettenblatt und ohne Umwerfer auf den Markt. Damit sich die Einfachschaltung im Alltag bewährt, mussten die Konstrukteure eine Lösung finden, die eine ähnliche Bandbreite an Gängen erlaubt wie zwei Kettenblätter vorne. Denn kleine und grosse Gänge sind auch heute gefragt wie eh und je, die Schweizer Landestopografie hat sich ja nicht verändert, und auch die Kondition der Velofahrer ist in den letzten 20 Jahren kaum besser geworden.

Mit der Einführung des zwölften Ritzels hinten ist der Spagat gelungen und der Nachteil in der geringeren Gang-Bandbreite konnte massiv verkleinert werden. Mit 1×12 (oder neu gar 13) und geschickt gewählter Ritzelkombination muss man heute keine Angst mehr haben, keinen ganz kleinen oder genügend grossen Gang zu finden.

Grössere Gang-Sprünge
Allerdings sind die Sprünge zwischen den einzelnen Gängen bei einer 1×12-Gruppe logischerweise grösser als bei einer 2×11-Gruppe. Der Tret-Rhythmus ist dadurch unruhiger, was sich im Gelände nicht gross auswirkt, da findet man auch mit 1×12 leicht den passenden Gang. Die grösseren Abstufungen sind aber der Hauptgrund, weshalb sich die Einfachübersetzung bislang nicht am Rennvelo durchsetzen konnte. Auf der Strasse (flache Strecken) oder in der Gruppe wird das flüssige Pedalieren durch geringe Gangabstufungen gefördert, da vermisst man sonst schnell einmal einen Gang zwischen den vorhandenen Möglichkeiten. Umgekehrt verändern grössere Gangabstufungen die Gewohnheiten durchaus auch positiv. Man wird gezwungen, nicht immer in der Wohlfühl-Frequenz zu pedalieren, sondern entweder das Tempo oder die Frequenz zu erhöhen, was vielen, die alleine und immer gleich unterwegs sind, durchaus guttut.

Einfach-Antrieb ist teurer
Bleibt als grösster Nachteil der Kostenfaktor. Die bisherigen Lösungen der führenden Hersteller wie Sram, Shimano und Campagnolo, bei denen die Gang-Bandbreite ähnlich gut ist wie bei einer 2-fach-Übersetzung, sind bislang als Gesamtsystem deutlich teurer als 2-fachLösungen. Kommt dazu, dass spezielle Kombinationen (wenn bei einem Gravel-Bike hinten eine Mountainbike-Kassette montiert wird) eine elektronische Ansteuerung bedingen, wodurch der Preis zusätzlich in die Höhe schnellt. Einfach-Übersetzung werden daher bislang vorwiegend an teuren Velos montiert.

Dennoch: Die Schweiz ist ein prädestiniertes «Einfach»-Land. Der Kostenfaktor ist nicht das entscheidende Kaufkriterium und viele wollen schlicht das Beste. Und da zunehmend auch günstigere Einfach-Lösungen (und elektronische Schaltungen) auf den Markt kommen, werden Einfach-Antriebe hierzulande wohl bald nicht mehr nur im Mountainbike- und Gravel-Segment, sondern irgendwann auch an Rennvelos zu sehen sein.

Für alle, die mit einem Einfach-Antrieb liebäugeln: Unbedingt vor der Wahl die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten samt «Rettungsring» (kleinster Gang) beim Fachhändler gut erklären lassen und auf die eigenen Bedürfnisse abstimmen.

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