Doppelstock-Regelwerk

Neue FIS-Regel

Die Doppelstock-Technik verändert den modernen Langlaufsport. Nun versucht der Internationale Skiverband FIS die Entwicklung in den Griff zu bekommen.

Copyright: La Diagonela

Ob La Diagonela im Engadin (65 km), der Wasalauf in Schweden (90 km) oder gar der Nordenskioldsloppet in Lappland über 200 Kilometer: Die grossen Volkslanglaufrennen im Klassisch-Stil werden an der Spitze mittlerweile ausschliesslich mit Gleitwachs und in der Doppelstock-Technik gewonnen. Auch in den Weltcup-Rennen der Weltbesten gibt es immer mehr Events, wo auf Haftwachs und Diagonal-Technik verzichtet wird und selbst steile Anstiege durchgestossen werden. Auf diese Entwicklung hat der Internationale Skiverband FIS nun reagiert. Neu sind an FIS-Wettkämpfen nur noch Klassisch-Stöcke erlaubt, die weniger als 83 Prozent der Körpergrösse lang sind. Damit versucht die FIS, dem sich immer mehr verbreitenden «Durchstossen» den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Viel Kraft im Oberkörper
Damit sich ein Klassisch-Rennen ohne Haftwachs bewältigen lässt, braucht es viel Kraft im Oberkörper. Die Doppelstock- Technik hat sich dahingehend verändert, dass der Oberkörper gezielt als Hebel eingesetzt wird und so viel Schubkraft auf die Stöcke überträgt. Das funktioniert natürlich nur mit einer geballten Ladung Rumpfkraft - den Körperschwerpunkt dauernd nach unten und wieder hoch zu bewegen, kostet viel Energie. Längere Stöcke sorgen für eine aufrechtere Körperhaltung, dadurch bleibt der Schwerpunkt höher und stabiler. Der frühere Nordisch- Kombinierer Christian Kryenbühl, von seiner sportlichen Vergangenheit her ein Skatingspezialist, hat als Bewegungs- und Sportwissenschafter die Klassisch- Entwicklung interessiert beobachtet. «Mit kürzeren Stöcken ist der Oberkörper weiter nach vorne geneigt, und die Lendenwirbelsäule hat mehr Beugung. Rein ergonomisch betrachtet sind längere Stöcke zur Kraftübertragung in Aufstiegen idealer », analysiert der Biomechaniker. Dabei stellt Kryenbühl fest: «Ob die FIS-Regel für die Gesundheit der Athleten nun ein Problem ist oder nicht, muss ich offen lassen, denn Langzeiterfahrungen oder wissenschaftliche Grundlagen dazu gibt es nicht. Sicher ist, dass eine gute Rumpfstabilisation noch wichtiger wird, als sie es ohnehin schon war.»

Überlastungsgefahr beim Hobbyläufer
Leicht irritiert ist Kryenbühl vom Zeitpunkt der beschlossenen Regeländerung. «Ende September 2016 ist reichlich spät.» Dabei sorgt sich Kryenbühl weniger um die top trainierten Spitzenläufer, sondern um die ambitionierten Hobbyläufer, denen unter diesen Umständen die sommerliche Basis für die neuen Bewegungsabläufe fehlt. «Einfach einen Volkslauf durchstossen, nur weil das die Volkslauf-Elite inzwischen so macht, finde ich eine heikle Sache. Ohne spezifische Vorbereitung im Sommer wird das zur Gratwanderung. Das kann gut gehen, im dümmsten Fall aber in einer Diskushernie enden.» Auch Hippolyt Kempf, Disziplinenchef Langlauf bei Swiss- Ski, ist über das Timing nicht sehr glücklich, ansonsten begrüsst er aber die Regulierung: «Weil sie für die allermeisten Weltcup-Athleten eigentlich nichts ändert und allfällige Übertreibungen vorsorglich kanalisiert.» In den Swiss-Ski-Kadern war nach der Bekanntgabe kurzfristig eine erhöhte Nervosität auszumachen, doch die legte sich nach dem genauen Ausmessen schnell wieder, wie Kempf bestätigt: «Für 95 Prozent aller Kadermitglieder ist mit der neuen Regel alles wie gehabt, oder sie wissen nun, dass sie sogar leicht längere Stöcke laufen könnten. Kürzungsbedarf orteten wir nur bei Stöcken von sehr kleinen Athletinnen und Athleten, aber da reden wir von vielleicht einem oder knapp zwei Zentimetern.»

Kontrollierbarkeit als Knackpunkt
Viel einschneidender ist die veränderte Ausgangslage für die Teilnehmer an Volksläufen, wo die Evolution bereits weiter fortgeschritten ist als im Weltcup. Im vordersten Sechstel der grossen Volksläufe standen im letzten Winter viele Athleten mit signifikant längeren Stöcken am Start als in den Vorwintern. Am Wasalauf und auch beim Birkebeiner in Norwegen hat sich zudem bei vielen - von ihrem Team betreuten - Topläufern etabliert, unterwegs mehrfach die Stöcke zu wechseln, damit sie für den jeweiligen Abschnitt und die jeweilige Topografie stets die Ideallänge zur Verfügung haben. Wie eine Jury auf 90 Kilometern Loipe durch tiefen schwedischen Wald die Länge von unterwegs gewechselten Stöcken kontrollieren will, bleibt eines der grossen Rätsel der neuen FIS-Regel. Dieselbe Problematik stellt sich auch bei Laufstilfragen: An der Spitze, die von TV-Kameras begleitet wird, skatet bei einem grossen Klassisch-Volkslauf niemand - dahinter aber ist die Gefahr gross, dass der eine oder andere Hobbyläufer mit seinen Gleitwachs-Ski kurzfristig in den Skating-Stil wechselt. Allfällige Übeltäter wissen, dass sie in der Masse untergehen und kaum mit Sanktionen rechnen müssen.

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