Das Plica-Syndrom

Was ist das, woher kommt es – und was kann man dagegen tun?

Bei diffusen, immer wiederkehrenden Schmerzen im Knie ohne ersichtlichen Grund lautet der Befund nicht selten: Plicasyndrom.

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Leider kennen ihn viele Ausdauersportler – den mal stechenden, mal dumpfen Schmerz vorne im Knie, und dies ohne Unfall oder massive Trainingsbelastungen. Zuwarten und beobachten ist die erste Massnahme, doch häufig hilft das nicht. Vielleicht lässt der Schmerz ein paar Tage nach und man schöpft Hoffnung, doch plötzlich geht es wieder los. Und routinierte Athleten ahnen schon, welche Diagnose der Spezialist nach genauer Betrachtung stellen wird: Plicasyndrom.

Eingeklemmte Plica
Plica ist lateinisch und bedeutet «Falte». Als Syndrom gilt in der Medizin die Kombination von verschiedenen Krankheitszeichen, die typischerweise gleichzeitig und gemeinsam auftreten. Das Plicasyndrom beschreibt den Schmerzkomplex, der durch eine Schleimhautfalte im Kniegelenk verursacht wird. Die Schleimhautfalte kann immer wieder einklemmen – zum Beispiel zwischen Oberschenkelknochen und Kniescheibe. Und dieses Einklemmen verursacht einen stechenden Schmerz. In der Folge schwillt die Schleimhaut an und schmerzt, auch in Ruhe. Vergleichbar ist das mit einem herzhaften Biss auf die Innenseite der Backe beim Essen: zuerst ein stechender Schmerz und dann für einige Zeit eine verdickte und gereizte Schleimhaut. Und leider droht die Gefahr, dass man ein zweites Mal darauf beisst, bzw. die Plica im Knie erneut einklemmt.

Doch wie bildet sich eine Schleimhautfalte im Inneren des Knies? Oft sind es kleine Einrisse durch Überlastungen, Fehltritte oder auch Stürze, die zu einer geschwollenen Schleimhaut führen. Je dicker die Schwellung, desto grösser das Risiko einer Einklemmung. Es gibt aber auch Schleimhautfalten, die als Überbleibsel aus der Embryonalzeit stammen und bestehen bleiben, also ganz früh in der Entwicklung auftreten und auch ohne Unfall oder Sport Probleme verursachen können. Die typischen Symptome eines Plicasyndroms sind folgende Beschwerdebilder:

• Belastungsschmerzen, meistens an der Innen- oder Rückseite der Kniescheibe (Patella)
• Kniesteife morgens oder nach langem Sitzen
• Hörbares «Knacken» im Kniegelenk in einer bestimmten Position während der Kniebeugung
• Einklemmungen im Knie
• Spürbare Überwärmung des Kniegelenks
• Verstärkung der Schmerzen bei Belastungen durch Sport oder Treppensteigen
• Ruheschmerz im fortgeschrittenen Stadium 

Da alle diese Beschwerden auch andere Ursachen haben könnten, ist die Diagnose eines Plicasyndroms nicht immer einfach. Wichtig ist deshalb eine detaillierte Beschreibung der Symptome. Dennoch kann der Arzt durch die manuelle Untersuchung meist keine sichere Diagnose stellen. Eine bildgebende Untersuchung mittels MRI ist daher sinnvoll, selbst wenn man die Plica manchmal nicht direkt sieht. Aber so können zumindest allfällige andere Schäden an Meniskus, Kreuzbändern oder Knorpel ausgeschlossen werden.

Bei Diagnose Massnahmen nötig
Wenn die Diagnose Plicasyndrom gesichert ist, sind Massnahmen nötig. Unbehandelt erholt sich das Plicasyndrom äusserst selten und führt im ungünstigen Fall zu Knorpelschäden an den Gelenkflächen des Oberschenkels oder der Kniescheibe.

Deshalb sollten Betroffene mit diagnostiziertem Plicasyndrom nicht einfach weiter laufen, Rad fahren, Ski fahren oder anderen belastenden sportlichen Aktivitäten nachgehen. Nebenstehende Massnahmen sind bei einer Diagnose einzeln oder in Kombination angezeigt.

Schonung und Ruhe: Ja, das bedeutet eine Trainingspause – zumindest für das betroffene Knie. Die fortgesetzte Reizung der Schleimhautfalte muss unbedingt gestoppt werden!

Regelmässige Kühlung: Bei Reizungen, Schwellungen oder Entzündungen wird eine Kühlung von vielen zumindest als angenehm empfunden. Andere hingegen beschreiben die Anwendung von Coolpacks, Gels oder Quarkumschlägen als wirkungslos. Ausprobieren!

Medikamente: Entzündungshemmende Tabletten mit beispielsweise den Wirkstoffen Ibuprofen oder Diclofenac. Die Tabletten sollten regelmässig über einen Zeitraum von rund 14 bis 21 Tagen genommen werden, auch nach Abklingen der Beschwerden.

Physiotherapie: Mit geeigneten Manipulationen und Techniken kann versucht werden, die Kniescheibe beweglicher zu machen (Patella-Mobilisation) sowie die vordere als auch hintere Beinmuskulatur zu dehnen, damit der Druck auf die Kniescheibe nachlässt. Oftmals ist eine muskuläre Dysbalance zwischen der vorderen und hinteren Beinmuskulatur für einen zu starken Druck auf die Kniescheibe verantwortlich.

Spritzen direkt ins Kniegelenk: Kortison, Hyaluronsäure und andere Medikamente führen meist zu einer schnellen Abschwellung der Schleimhaut. Diese Injektionen sind aber nicht ganz ohne Risiko. Obwohl die Gefahr sehr gering ist, kann es nach einer Injektion vereinzelt zu Gelenkentzündungen kommen. Und Kortison kann sich – vor allem wenn es zu häufig eingesetzt wird – negativ auf Knochen und Knorpel auswirken.

Operation: In seltenen und hartnäckigen Fällen kann es notwendig werden, die Plica mit einer Arthroskopie (Kniespiegelung) zu entfernen. Dies ist kein grosser oder komplizierter Eingriff – aber trotzdem eine Operation mit Risiken, die gut überlegt werden will. Ist daher erst bei Dauerschmerz und möglichen Folgeschäden der Plica eine Option.

Prävention: Ist die Plica erfolgreich (weg-)behandelt, steht einem schmerzfreien Training nichts mehr im Weg. Doch Vorsicht, denn die Ursache des Plicasyndroms ist oft nicht bekannt. Daher sollten alle Möglichkeiten der Vorbeugung wie beispielsweise ein zu tiefer Sattel, falsche Laufschuhe, Beckenfehlstellungen, unsauberer Laufstil usw. nicht nur in Betracht gezogen, sondern auch verändert bzw. umgesetzt werden in Absprache mit Trainer, Physiotherapeut und/oder Sportmediziner.

Ebenso wichtig ist ein vorsichtiger Trainingsaufbau. Und dieser wiederum bedeutet viel Geduld, eine Eigenschaft, mit der die wenigsten Sportlerinnen und Sportler gesegnet sind. Daher ist es sehr zu empfehlen, vor dem ersten Ausflug in den Wald oder auf die Bahn mit Dehnen, Muskelaufbau, kurzen Steigerungsläufen und Rumpfstabilisation den Bewegungsapparat vorsichtig wieder ans Training heranzuführen. Mit zu schnellen und zu hohen Belastungen steigt das Risiko eines Rückfalls dramatisch an! Also, liebe Ausdauersportlerinnen und -sportler: Schaut zu eurer Plica, damit es kein Syndrom gibt!

Dr. med. Carmen Grosse ist Fachärztin für Sportmedizin und orthopädische Chirurgie mit eigener Praxis (Orthopädie Oerlikon). Orthopädie Oerlikon ist Partner der alphaclinic Zurich. Die 57-Jährige ist begeisterte Triathletin – vorwiegend über die Halfironman- und Ironman-Distanz –, und konnte schon verschiedene Altersgruppensiege feiern (z. B. 1. Rang 2017 Ironman-WM in Hawaii). Dazu ist Carmen Grosse ehrenamtlich als sportmedizinische Beraterin für das Schwimmteam der Limmat Sharks Zürich tätig.

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