Artikel - FIT for LIFE Magazin

Coronajahr im Breitensport

Zwischen Bangen und Hoffen

Den organisierten Breitensport hat Corona an zahlreichen Fronten hart getroffen. Ein Rückblick.

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Erinnern Sie sich noch? Ende Februar gings los: Die Gesundheitsbehörden des Kantons Graubünden verboten Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen, worauf als Erstes der Engadin Skimarathon abgesagt werden musste.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Der Bundesrat folgte einen Tag später mit derselben Weisung der beschränkten Personenzahl schweizweit bis Mitte März, worauf der Survival Run in Thun, der Bremgarter Reusslauf im Kanton Aargau und auch der Laufsporttag Winterthur ins Wasser fielen. Beim Survival Run waren alle Hindernisse schon angekarrt worden, beim Reusslauf stand der Zielbogen bereit.

Der Lockdown Mitte März schuf zumindest Klarheit: keine Sportevents mehr, alle Fitnesscenter geschlossen, Trainingsbetriebe eingestellt, alle Ferienreisen storniert. Sechs Wochen lang kein organisierter Sport. Stillstand. Zumindest durfte die Schweizer Bevölkerung im Gegensatz zu anderen Ländern das wunderbare Frühlingswetter in der freien Natur geniessen, für viele ein grosses Stück Lebensqualität.

Hoffnung im April 
Die ersten Lockerungen Ende April brachten neben der Hoffnung schrittweise auch erste Sportaktivitäten zurück, bald war zumindest ein Trainingsbetrieb wieder möglich, die Fitnesscentren öffneten im Mai und auch kleinere Veranstaltungen bis 300 Personen konnten durchgeführt werden.

Ab Juni wurde die Teilnehmerzahl von maximal 1000 Sportlerinnen und Sportlern erlaubt und Anlässe mit über 1000 Personen für August in Aussicht gestellt, die Herbst events schöpften Hoffnung. Einige kleinere Läufe, vor allem Trailruns, konnten im Sommer mit einem Schutzkonzept durchgeführt werden. Mitte Juni wurde der zu erwartende Starttermin für Anlässe mit über 1000 Personen aber bereits wieder nach hinten geschoben, nun auf Ende September. Das Alpenbrevet wurde abgesagt.

Auch der Swiss City Marathon traute der Ungewissheit nicht über den Weg (zu Recht, wie sich später im Oktober herausstellte) und kapitulierte ebenfalls. Beim Swissalpine Ende Juli hingegen starteten über alle Eventtage gerechnet insgesamt 3000 Läuferinnen und Läufer – erstmals mit einer Maske.

Zwischenhoch im Spätsommer 
Im August wurde auch der vom Frühling auf den September verschobene Zürich Marathon definitiv abgesagt. Anders die beiden Veranstalter Viktor Röthlin und Markus Ryffel, sie reagierten auf die spezielle Situation nicht mit einem Rückzug, sondern mit speziellen Austragungsmodi.

Röthlin führte seinen Switzerland Marathon light im September an zwei aufeinanderfolgenden Tagen durch, Ryffel kurze Zeit später den Greifenseelauf gar über eine ganze Woche mit flexiblen Startzeiten, um die Kapazitätsgrenzen optimal ausschöpfen zu können. Röthlin mobilisierte rund 2000 Teilnehmer, in Uster liessen sich 4500 Sportlerinnen und Sportler motivieren. Auch die beiden Breitensport Bike-Events O-Tour Bike Marathon und der Mountainbike Nationalpark Marathon im Engadin sowie Austragungen des PROFFIX Swiss Bike Cups konnten stattfinden. Der Breitensport im Septemberhoch.

Und es kam kurzfristig noch besser: Der Hallwilerseelauf profitierte von der Aufhebung der 1000er-Grenze im Oktober. Es nahmen zwar weniger Sportler als gewohnt teil, aber in zeitverschobenen Blöcken joggten 2600 Läufer um den See. Die Erleichterung über die Lockerungen waren allerdings nur von kurzer Dauer, Grossanlässe wurden wenig später erneut komplett verboten. Der Lausanne Marathon Ende Oktober (am gleichen Datum wie der Swiss City Marathon) musste nur zwei Tage vor dem Startschuss kapitulieren.

Hell- bis dunkelblaue Augen 
So unangenehm, nervenaufreibend und frustrierend die steten Anpassungen und Absagen für Veranstalter und Sportler waren, finanziell scheint die Breitensport-Eventszene 2020 mehrheitlich mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Diejenigen Events, die kurzfristig abgesagt werden mussten, konnten auf eine grosse Solidarität der Sportler zählen. Die meisten nahmen die nur teilweise erfolgten Rückzahlungen klaglos hin oder spendeten ihre Startgelder gar. Auch die meisten Sponsoren zeigten sich kulant. Ebenfalls finanzielle Linderung brachten die Stabilisierungspakete des Bundes für die einzelnen Verbände (Swiss Athletics erhielt 7,4 Millionen Franken, wovon insgesamt rund 3,1 Millionen an Laufveranstalter fliessen).

100 000 Franken für Shirts 
Viele Events konnten den Schaden in Grenzen halten, weil sie auf die unsichere Situation frühzeitig reagierten und ihre Events lieber absagten, bevor die grossen Ausgaben erfolgten. Finisher-Shirts oder Medaillen beispielsweise bedeuten bei grossen Events in der Summe beträchtliche Beträge. Bei einem geschätzten Einkaufspreis von 10 Franken pro Shirt schlagen sie bei einem 10000-Sportler-Event mit 100000 Franken zu Buche. Wer auf Risiko spielte und zu spät absagte, blieb auf den Shirts (und den Kosten) sitzen.

Einer, der das Coronajahr trotz relativ kurzfristiger Absage gut überstand, ist der GP Bern, der sogar eine schwarze Null schrieb, «dank kulanter Sponsoren und Rückstellungen, aber auch dank der Läuferinnen und Läufer», wie Präsident Matthias Aebischer zufrieden feststellte.

Einigen verpasste das Coronajahr dennoch mindestens ein dunkelblaues Auge. Grob gesagt gibt es in den Schweizer Ausdauersportarten zwei Typen von Event-Veranstaltern: Einzelevents, die meist als Vereine mit relativ kleinen Fixkosten und vielen ehrenamtlichen Helfern organisiert sind, sowie Unternehmen wie «Markus Ryffel’s» oder «Human Sports», die mehrere Events oder ganze Serien in ihrem Portfolio haben.

Ausgaben ja, Einnahmen nein
Professionelle Veranstalter versuchten naturgemäss, alle Möglichkeiten auszuschöpfen von Verschiebungen bis Neukonzeptionen, um nicht gänzlich auf Einnahmen verzichten zu müssen. Events sind ihr Geschäftsmodell, sie agieren als KMU mit relativ hohen Fixkosten (Löhne), die bei einer Absage nicht einfach beliebig heruntergefahren werden können. Falls die Kriegskasse in guten Jahren nicht genügend aufgefüllt wurde, droht rasch ein Liquiditätsengpass, wenn die Einnahmen wegbrechen, nicht aber die Ausgaben. Human Sports beispielsweise musste im Sommer zwei Mitarbeiter entlassen. Laut Kommunikationschef Simon von Allmen wurde «das Unternehmen in seiner Entwicklung um mindestens zwei Jahre zurückgeworfen».

Mindestens so schlimm – obwohl kaum je im Fokus der Öffentlichkeit – betraf es alle direkt Abhängigen von Sportevents. Wie die Zeitmesser. Oder die Fotodienste. Auch bei ihnen gilt: Das Geschäftsmodell kommt nur bei einem durchgeführten Event zum Tragen, ohne Events droht der Kollaps. Zeitmess-Branchenleader Datasport traf es dabei doppelt hart. Erst im Oktober 2019 wurde Datasport mit einem Management-Buy-out (von Swisscom) wieder zu einer eigenständigen Firma, dann kam Corona. Die Folgen sind finanzielle Einbussen in (geschätzter) Millionenhöhe.

Beinahe einen «Komplettausfall der Jahreseinnahmen» verzeichnet die Reisebranche – und dadurch natürlich auch die Sportreisebranche. Egal, ob Bike Adventure Tours, mtbeer, Mountainbikereisen oder Trainingslager- und Fernfahrtenspezialist Eitzinger Holidays: Bei allen konnte nur ein Bruchteil der Reisen 2020 stattfinden, die Aufwendungen mit Rückführungen während des Lockdowns waren enorm. Ein weiteres Jahr in diesem Stil würden wohl einige Player kaum überleben, zumindest nicht ohne Entlassungen.

Last but not least ist auch ein Breitensport-Magazin wie FIT for LIFE von Corona betroffen. Mit dem Lockdown sanken die Werbeeinnahmen in den Keller, Inserate wurden storniert, verschoben – und erneut storniert. Obwohl FIT for LIFE ein klassisches Abo-Heft ist und die Einnahmen mehrheitlich von den Lesern stammen (an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön!), sind Inserate-Einnahmen ebenfalls zwingend, um langfristig existieren zu können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt 
Ob hellblau, dunkelblau – oder bereits tiefrot: Aktuell sind alle Augen auf die nächsten Wochen und Monate gerichtet. Die (Ausdauersport) Schweiz schwebt zwischen Lichtschimmer und einschneidenden Massnahmen. Der Engadin Skimarathon will bis spätestens 6. Januar 2021 entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen das Monument des Schweizer Wintersports stattfinden soll bzw. stattfinden kann. Auch der Zürich Marathon hat auf die erneute Unsicherheit reagiert und will mit einem Halbmarathon anstelle des Team-Runs «Luft schaffen». Der Swiss Snow Walk & Run hat auf den 6. März verschoben und auch andere Events prüfen neue Rennformate und Verschiebungsdaten.

Wo alle von Krise sprechen, ist auch das Wort «Chance» nicht fern. Doch wo genau liegen die Chancen im Breitensport und bei den Events? Was sicher ist: Die Coronakrise rüttelt am Selbstverständnis aller Beteiligten. Ist das gängige Muster mit Massenstart, Festwirtschaft und Publikum auch in Zukunft das Mass aller Dinge? Das physische «Nichtstattfinden» der Events hat zu neuen, virtuellen Formaten geführt, die zwar etwas weniger stimmungsvoll und kaum massentauglich sind, aber den aktuellen Gepflogenheiten von Abstand und Individualität perfekt entsprechen. Auch kleinere Trailruns haben verstärkt Zulauf erhalten, sie lassen sich trotz Schutzmassnahmen relativ einfach durchführen.

Die Reaktionen vieler Teilnehmer zur Greifenseelauf-Woche deuten in dieselbe Richtung und haben Veranstalter Markus Ryfel überrascht: «Wir haben noch nie so viel Lob erhalten. Viele schätzten es ungemein, in aller Ruhe und dennoch im Wettkampfmodus um den See laufen zu können. Da müssen wir schon über die Bücher.»

Schneller, weiter, grösser: Wie überall galt auch im Breitensport Wachstum als oberste Maxime. Vielleicht löst Corona einen Gegentrend aus zu mehr Individualität, Ruhe, Naturerlebnis. So wie die meisten Nicht-Wettkampfsportler ohnehin unterwegs sind – und das speziell in diesem Jahr ungemein zu schätzen wissen.

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