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Die Sportärztin und zweifache Mutter Sibylle Matter Brügger hat in ihrer Praxis in Bern viele Sportlerinnen, bei denen die Periode ausbleibt. Sie erklärt, welche Gründe dafür verantwortlich sein können und welche Rolle dabei die Pille hat.

Sibylle Matter, wie verbreitet ist eine fehlende Menstruation im Zusammenhang mit Sport?

Sicher häufiger als bei Frauen, die keinen Sport machen. Dennoch kann man als Schlussfolgerung nicht einfach sagen, der Sport sei «schuld», denn oft sind mehrere Faktoren ausschlaggebend. Doch weil Sport einen erhöhten Energieumsatz bewirkt und gleichzeitig häufig eine mangelhafte Gesamtenergieaufnahme für das Ausbleiben der Periode mitverantwortlich ist, wirkt Sport eben als Treiber und Verstärker der Problematik. Eine ausbleibende Periode ist dabei meist nur eine Reaktion. Das so genannte «relative Energiedefizit im Sport RED-S» löst eine ganze Kaskade an physiologischen Reaktionen aus.

Welche Trainingskonstellationen können sich speziell negativ auswirken?

Zum Beispiel ein sehr häufiges Training ohne die nötige Regenerationszeit. Oder eine massive Umfangsteigerung auf ein spezielles Ziel hin. Daher sind ambitionierte Hobbysportlerinnen mindestens so gefährdet wie Leistungssportlerinnen, denen die Bedeutung der Erholung bewusst ist. Aber auch aktuelle Trends wie häufige Nüchterntrainings oder Intervallfasten können sich negativ auswirken und dafür sorgen, dass der Energiehaushalt und dadurch auch der Zyklus beeinträchtigt wird. Oder dass der Hormonhaushalt ganz allgemein gestört wird, das kann übrigens durchaus auch Männer treffen.

Wann sollte sich eine Frau Gedanken über ihren Zyklus machen?

Wenn er – über mehrere Zyklen betrachtet – jeweils länger als 35 Tage dauert und das Intervall bis zum nächsten Zyklus kontinuierlich immer länger wird. Und natürlich, wenn der Zyklus ganz ausbleibt, ohne dass eine Schwangerschaft vorliegt.

Wie erkennt eine Frau trotz Pilleneinnahme, ob ihr Zyklus ok ist?

Das ist tatsächlich schwierig, denn die Pille verschleiert das Problem und es kommt dadurch häufig erst durch negative Folgeerscheinungen zu spät ans Licht. Ein Ermüdungsbruch in jungen Jahren beispielsweise ist nicht selten ein Indiz, dass mit dem Hormonhaushalt etwas nicht stimmt.

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Welcher Typus Sportlerin ist gefährdet?

Sofern keine organischen Probleme vorliegen, ist es meist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Bei Sportlerinnen wie erwähnt hartes Training ohne die nötigen Ruhephasen und mit einer zu geringen Energiezufuhr oder einseitigen Ernährungsweise. Und oft sind Betroffene auch beruflich und privat eingespannt.

Sind untergewichtige Frauen häufiger betroffen?

Die Knochendichte ist entscheidender als das Gewicht. Bei untergewichtigen Frauen ist das Risiko grösser, aber auch Normalgewichtige können einen gestörten Zyklus aufweisen. Um die Dringlichkeit der Therapie und die genaue Ursache herauszufinden, ist zu Beginn eine gute Diagnostik entscheidend. Dazu gehört z.B. eine Blutentnahme mit Bestimmung von Hormonen, eine Knochendichtemessung und die Einschätzung der Situation anhand von gezielten Fragen. Je nach Knochendichte beziehungsweise der Dringlichkeit der Probleme hat man mehr Zeit zur Verfügung, die passenden Massnahmen zu ergreifen. Wichtig abzuklären ist, ob eine Essstörung vorliegt oder nicht. Wenn nicht, kann das Problem meist durch eine gute Sporternährungsberatung entschärft werden, bei einer Essstörung hingegen ist oft der Miteinbezug eines Psychologen oder einer Psychologin sinnvoll. Das benötigt dann meist Zeit und Geduld.

Hat sich der Umgang mit künstlichen Hormonen in Sportlerinnenkreisen verändert in den letzten Jahren?

Es gibt eine gewisse Tendenz zurück zu mehr Natürlichkeit, aber gleichzeitig ist es auch sehr individuell, ob sich Frauen mit oder ohne Hormone wohler fühlen. In jungen Jahren erscheint die Pille für viele in der Praxis einfacher und angenehmer als ein natürlicher Zyklus, im Alter hinterfragen viele Frauen den Entscheid und möchten lieber den eigenen Zyklus spüren können. Grundsätzlich ist es schon mal gut und wichtig, dass das Thema in der Öffentlichkeit zunehmend wahrgenommen wird und kein Tabu mehr ist. Es ist noch nicht allzu lange her, dass bei Frauen das Ausbleiben der Periode als Gütezeichen für einen harten und guten Trainingsalltag interpretiert wurde. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Ausbleiben des Zyklus ist nicht gut und muss genauer angeschaut werden. Ein dauerhaft fehlender Zyklus kann viele schwerwiegende Probleme zur Folge haben.

Die ehemalige Triathletin Sibylle Matter ist leitende Ärztin Sportmedizin beim Medbase Sports Medical Center in Bern und engagiert sich stark im Projekt «Frau und Spitzensport» von Swiss Olympic, welches 2019 ins Leben gerufen wurde und explizit frauenspezifische Fragen im Zusammenhang mit Sport aufnimmt. Zum Thema Zyklus und Sport hat Swiss Olympic neben Merkblättern und Infografiken drei hörenswerte Podcasts realisiert. www.swissolympic.ch/athleten-trainer > Frau und Spitzensport > Podcast

Für FIT for LIFE hat Melanie Weilenmann zum Thema einen lesenswerten Erlebnisbericht geschrieben. Im Artikel beschreibt die beruflich auf Frauengesundheit spezialisierte begeisterte Hobbyläuferin ihre persönlichen Erfahrungen bezüglich ausbleibender Menstruation.

 

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