Christian Grabers «as high as possible-Tour»

Von -7 m auf 5642 m ü. M. mit reiner Muskelkraft

Extremsportler Christian Graber hat sich im Sommer 2016 von Nieuwerkerk aan den IJssel auf den Mount Elbrus gekämpft. Zu Fuss, im Kajak, per Velo. Sein Bericht.

Copyright: Christian Graber
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«Aim High» war der Leitsatz, der mich den ganzen Sommer lang begleitete. Ich wollte hoch hinaus! So hoch wie nie zuvor und so hoch wie möglich. Aus diesen Grundgedanken entstand meine Idee zur «As high as possible-Tour». Ziel war der Gipfel des Mount Elbrus im russischen Teil des Kaukasusgebirges, mit 5642 Metern der höchste Punkt Europas.

Den ersten Schritt dazu machte ich in der Niederländischen Gemeinde Nieuwerkerk aan den IJssel. Warum gerade dort? Weil dieses Dörfchen mit seinen minus 6,76 Metern unter dem Meeresspiegel den niedrigsten Punkt dieses Kontinents bildet. Es gibt innerhalb Europas also keine Chance höher hinaus zu kommen. Knapp 3000 km Luftlinie trennen diese beiden Punkte voneinander, und ich machte es mir zur Aufgabe, mit 100% Muskelkraft von A nach B zu gelangen.

Da ich während meines Diätologie-Studiums in Bad Gleichenberg, Österreich, schon den Asphalt von 40 europäischen Ländern mit meinem Rennvelo begutachtet hatte, sollte etwas Abwechslung her. Eine 3500 Kilometer lange Wasserstraße, der Rhein-Main-Donau-Kanal, bot sich hierfür perfekt an, da der Rhein in den Niederlanden in den Atlantik fließt. Ich entschied mich, ein Kajak zu kaufen, doch da ich meinen Ausdauersport am liebsten mit den Füßen betreibe, musste ein spezielles Kajak her. Der «Hobie Mirage Drive» mit Flossenantrieb war genau das Richtige für mich. Mit diesem diesem fünf Meter langen Wassergefährt pedalierte ich also von Nieuwerkerk aan den IJssel den Rhein hinauf. Von nun an war ich ein Captain, der alleine – aber nicht einsam – seinem Ziel entgegensportelte. Dies war der Startschuss für die drei schwierigsten Monate meines Lebens. Es sollte mich ein Hindernis nach dem anderen davon abhalten, mein Ziel zu erreichen. Doch Aufgeben zählt nicht zu meinen Hobbies!

Ich war also mit dem Kajak gegen die Strömung des Rheins unterwegs. Mein Sturkopf sah dies zunächst als Herausforderung, doch schon nach vier anstrengenden Tagen stromaufwärts musste ich mir eingestehen, dass dies eine schlechte Idee war. Irgendwann ist nämlich der Punkt erreicht, an dem man von Spaziergängern am Rheinufer überholt wird, währenddessen man gegen die immer stärker werdende Strömung ankämpft. Kurzerhand entschied ich mich, mein Triathlonvelo samt Radicaldesign-Fahrradanhänger aus Österreich zu holen und vom exakt selben Ort meine Reise auf dem Asphalt fortzusetzen.

So radelte ich von den Niederlanden einmal quer durch Deutschland, bis ich schließlich in Regensburg – bei der Schleuse Geisling – am Donauufer ankam. Währenddessen wurde mein Kajak von einem großen Schiff dorthin transportiert, damit ich im Anschluss damit stromabwärts mein Abenteuer auf der Donau weiterführen konnte. Am Donaukilometer 2354 setzte ich mich also erneut in mein Kajak und pedalierte diesen Fluss entlang. Es dauerte nicht lange, da gelangte ich über Passau wieder in meine ursprüngliche Heimat Österreich. Quer durch den Norden Österreichs, durch Wien, Bratislava und Budapest ging es in Richtung Südosteuropa. Was wirklich wild war, war der Anblick der wunderschönen Natur, der sich fast täglich änderte. In Rumänien bildeten die Ausläufer der Südkarpaten am Donauufer ein absolutes Highlight für Naturbegeisterte. Schroffe Klippen, Höhlen und antike Bauwerke schmückten meinen Horizont.

Als mein Kajak eines Tages ein Loch aufwies, entschloss ich mich, nach 1388 km auf der Donau wieder auf den Sattel meines Triathlonvelos zu steigen. Von Dubova, Rumänien, ging es nun weiter in Richtung Osten. Von Rumänien über Bulgarien, die Türkei und Georgien nach Russland. Im Eiltempo quer durch die sanften Hügel Bulgariens – welche sich bei 173 Kilometer, 2950 Höhenmeter und mehr als 30 kg Gepäck im Anhänger nicht mehr ganz so sanft anfühlten.

Das Stadtgebiet von Istanbul war ein Kampf. Unfassbar viele Autos stauten sich auf den sonst schnell befahrbaren Straßen, die Sommersonne brannte mit all ihrer Kraft durch die von Abgasen dominierte Stadtluft. Auf einer Autobahn radelte ich über den Bosporus von einem Kontinent zum anderen. Nach unfassbaren 130 Kilometern auf Stadtgebiet war Istanbul überwunden und meine Reise führte über das Festland und mehrere Pässe durch die Städte Bolu, Ilgaz und Merzifon. Kurz bevor ich das Schwarze Meer bei der türkischen Stadt Samsun erreichen sollte, merkte ich, wie sich einer meiner Rückenwirbel selbstständig machte und in Kooperation mit der Anstrengung und der Sommerhitze meinen ganzen Körper lahmlegte. Mit Fieber und dem Durchfall des Jahrtausends musste ich also so schnell wie möglich jemanden finden, der die Ursache der Probleme – meinen Rückenwirbel – behandeln konnte. Gesagt – getan!

Mit dem Grenzübertritt nach Georgien änderte sich der Verkehr schlagartig. Geltende Gesetze schien es keine mehr zu geben. Eine gefährliche aber dennoch funktionierende Anarchie auf Georgiens Straßen. Da sich der Mount Elbrus im auf der russischen Seite befindet und nur von Russland aus befahrbar ist, fuhr ich sozusagen mit der Kirche ums Kreuz. Ich musste zunächst den Kaukasus von Süden nach Norden durchqueren, um dann erneut in die Mitte des Gebirges zu gelangen.

Als ich schließlich in Russland ankam, begleiteten mich bereits Milliarden von Bakterien, die in meinen Nebenhöhlen eine kleine Party feierten und mich erneut zur Pause zwangen. Durch die trockene Höhenluft und dem Fehler, nicht genügend getrunken zu haben, «fieberte» ich buchstäblich dem Ende entgegen. Ausgerechnet wenige Tage vor dem Expeditions-Start auf den Mont Elbrus, war ich erneut gezwungen, zu pausieren. Aber ich war auch gegen den gelben Husten samt erhöhter Körpertemperatur gewappnet, und so konnte ich mich nach drei Tagen ruhigen Gewissens wieder auf die letzte Rad-Etappe zum Fuße des Elbrus freuen.

Die acht Teilnehmer der Expeditionsgruppe und ich starteten zunächst mit wenig anstrengenden Wanderungen in der wunderschönen Umgebung am Elbrus-Gletscher. Nach diesen Tagen der Akklimatisation gab es zuerst einen Tag Pause, gefolgt vom Gipfeltag. Da wir mit der Seilbahn vom Tal auf 2400 m zum Berghotel auf 3800 m gefahren sind, nutzte ich die Pause, um diese Seilbahnstrecke mit 100% Muskelkraft zu bestreiten, bevor ich dann um Mitternacht alleine am Elbrus-Gletscher vorbei an Gletscherspalten mein Ziel der letzten drei Monate anvisierte. Alleine war ich trotz Gruppenexpetition deshalb, weil anscheinend im Jahre 2016 noch kein Teilnehmer der Expeditionen dieser Agentur den Mount Elbrus ohne das Pistenbully-Taxi bestritt und ich keinen Extra-Guide bezahlen wollte. Ein Risiko, das ich bereit war, einzugehen, denn kurz vor dem Ziel wollte ich von meinem Grundsatz mit den 100% Muskelkraft nicht ablassen. Mit sieben Minuten Verspätung kam ich am vereinbarten Gruppen-Treffpunkt an, was bedeutete, dass ich auch alleine weitergehen musste, weil wie vereinbart nicht auf mich gewartet werden sollte. Die insgesamt vier Pistenbullies chauffierten jedoch eine Gruppe nach der anderen zum Sattel des Elbrus-Gletschers, wo ich gerade unterwegs war, was auf dem schmalen Trampelpfad einen enormen Stau verursachte.

Durch das langsamere Tempo, den beißenden Wind und die sinkende Temperatur in 5200 Meter kühlte ich rasch aus, war aber immer noch zu blöd, kurz stehen zu bleiben und die Daunenjacke anzuziehen. Erst nachdem der ganze Konvoi zwischen Ost- und Westgipfel pausierte, wollte ich dies tun – doch es war schon zu spät. Ich war ausgekühlt, apathisch und appetitlos! Ich fand im Anschluss meine Gruppe und ging, nur mehr vom Sportsgeist getrieben, still und verfroren in Richtung Gipfel hinauf, bis mich die Strahlen der gerade aufgehenden Sonne allmählich wieder auftauten und meine Stimmung wieder hoben. Tausende positive und negative Gedanken von Ereignissen der gesamten Reise begleiteten mich auf den letzten Metern hin zum 5642m hohen Gipfel, wo ich dann exakt 99 Tage nach meinem Start in den Niederlanden ankam und meine Reise als erfolgreich beendet ansehen konnte.

Ich habe zwölf Länder und einen ganzen Kontinent mit meinem Velo und dem Kajak durchquert. Ich habe sämtliche Situationen, die mir diesen Weg von ganz unten nach ganz oben erschwerten, ganz alleine gemeistert und bin an jeder Herausforderung ein kleines Stück gewachsen. Ein Hochgefühl sondergleichen. As high as possible eben!