Canicross-Rennen

Vielseitiger Zughundesport

Beim Canicross rennen Hund und Herrchen als Zweierteam um die Wette. Die Reportage vom grössten Rennen in Europa.

Copyright: André Kummer
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Es gilt als das härteste Canicross-Rennen Europas: Die Trophée des Montagnes in den französischen Alpen in der Nähe von Huez. Hier werden als Mensch-Hund-Team in 10 Etappen knapp 60 Kilometer und fast 3000 Höhenmeter zurückgelegt. Rund 270 Sportlerinnen und Sportler aus 22 Nationen starten mit ihren Tieren an diesem aussergewöhnlichen Team-Wettbewerb.

Laufen mit Hund ist speziell. Zieht der Vierbeiner den Berg hoch, hat das durchaus seine Vorteile. Geht es den Berg hinab, ist die Belastung für die Gelenke von Läufer und Hund hoch und das gute Zusammenspiel entscheidend. Und bei einem Sturz muss sich der Sportler darauf verlassen können, dass sein Hund nicht weiterzieht.

Adrenalin liegt in der Luft
Die Teilnehmer platzieren im kleinen Örtchen Oz ihre Wohnwagen und Zelte, richten die Camps ein und stellen die Hundezäune auf. Einige kennen sich bereits aus den vergangenen Jahren. Es folgen Tierarztkontrollen und das Musher Meeting, bei dem die wichtigsten Informationen mitgeteilt werden.

Bereits zwei Stunden vor dem Start sehen wir einige Läufer, die sich warmmachen. Die erste Etappe beginnt mit einem Massenstart à 40 Teams. Lautes Gebell von hunderten Hunden, Raufereien und nervöse Läufer. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Die Hunde sind aufgeregt, die Läufer in den orangen Shirts reihen sich in ihre Startfelder ein. Einige drängen zuvorderst an die Startlinie – sie wollen als erste raus. Andere stellen sich gerne hinten an, weil sie keinen Zwischenfall mit ihrem Hund riskieren wollen.

Die meisten Hunde kläffen in den Armen der Besitzer oder zerren wie wild an der Leine und hüpfen. Man spürt das Adrenalin in der Luft. Die letzten Sekunden werden heruntergezählt – und dann geht es schnell. Die ersten 40 Läufer rennen mit ihren Vierbeinern los. Es folgt ein Ruck durch das gesamte Starterfeld – und alle Gruppen rutschen eine Abschrankung nach vorne. 30 Sekunden später starten die nächsten 40, bis schliesslich alle weg sind. Je mehr unterwegs sind, desto stiller wird es. Ab und zu ist noch ein Läufer zu hören, der seinen Hund antreibt. Zurück bleiben die Helfer und Begleitpersonen – und es wird ganz ruhig in der Talstation von Oz.

Kein Rennen für Jedermann
Jeder Läufer darf sich mit zwei Hunden einschreiben, gelaufen wird aber nur mit einem Hund. Ich habe Isi und Zuma dabei. Das zweieinhalbjährige sibirische Husky-Weibchen Isi ist die Trophée bereits letztes Jahr gelaufen. Sie ist souverän, lässt sich unterwegs nicht von anderen Hunden ablenken und ich liebe es, mit ihr bergab zu laufen.

Die 16 Monate alte Alaskan-Husky-Hündin Zuma ist zum ersten Mal mit mir am Start. Sie ist kraftvoll und zieht in den Steigungen, allerdings ist sie noch nicht für längere Strecken und das Hinunterrennen trainiert. Aufgrund der Hektik der ersten Etappe, dem sogenannten Platzierungslauf, entscheide ich mich für Isi. Eine gute Wahl. Ihre Erfahrung und Sicherheit bewähren sich, denn bereits nach diesen ersten nur knapp vier Kilometern begegnen wir hinkenden Teilnehmern oder solchen, die blutende Wunden verarzten lassen müssen. Solche Bilder werden wir nach jeder Etappe sehen und es wird uns allen klar: Die Trophée des Montagnes ist nicht für alle geeignet. Am zweiten Tag ist die Startliste bereits um sechs Personen kürzer.

Verschiedene Charaktere
Beim Laufen mit Hund ist ein möglichst harmonisches Zusammenspiel zwischen Zwei- und Vierbeiner gefragt. Besonders anspruchsvoll für ein funktionierendes Teamwork sind Massenstarts. Denn in der Gruppe reagieren nicht alle Hunde gleich. Die einen sind freudig aufgeregt und möchten im Startbereich alle anderen Hunde begrüssen, andere zittern vor Nervosität und stehen da mit eingeklemmtem Schwanz. Einmal unterwegs wird im Wettkampf auch mal nach rechts oder links gebissen.

Das Bergablaufen stellt für das Mensch-Hund-Gespann eine spezielle Herausforderung dar. Es stellt sich die Frage, ob der Hund besser vor oder hinter dem Läufer unterwegs ist. Das handhaben nicht alle gleich. Sehr schnelle Läufer schaffen es, dass sie mit dem Hund auf Zug hinunterrennen können oder sie kriegen es hin, dass der Hund vorne läuft bei durchhängender Leine. Ich will, dass der Hund auf das Wort «hingere» nach hinten kommt und auf «füre» wieder nach vorne geht. So steuere ich direkt in der Situation, was natürlich regelmässig im Training geübt werden muss. Dazu ziehe ich ihn mit der Leine nach hinten und sage ganz häufig den entsprechenden Befehl. Und lobe ihn, wenn er es richtig macht oder korrigiere ihn, wenn er wieder nach vorne kommen will. Ich bin sicher allein im Training bei dieser Übung schon 20 Mal überrannt worden oder hingefallen. Das perfekte Rezept für ein erfolgreiches Gespann gibt es nicht, denn auch für Hunde gilt wie beim Menschen: Es sind nicht alle gleich!

Oben kommt das Glücksgefühl
Die zweite Etappe führt über fünf Kilometer mit einem Anstieg von 680 Metern von der Talstation Oz zur Bergstation – meine Lieblingsetappe. Wie es die Spitzenläufer schaffen, alles durchzurennen, fasziniert mich immer wieder und ist auch in den Diskussionen im Camp ein grosses Thema.

Mein Ziel ist es, mit meiner jungen Hündin Zuma die Kräfte gut einzuteilen, da die Steigung stetig zunimmt.

Gestartet wird nun meist in Zweier- oder Dreiergruppen. Wir kommen gut weg. Nach und nach überholen wir einzelne Gespanne. Trotzdem halten wir bei jeder Wasserstelle kurz an, damit sich Zuma die Pfoten abkühlen kann und wir beide trinken vom Wasser, das ich am Bauchgurt mittrage. Während wir in grossen Schritten und gleichmässigem Tempo den Berg hochlaufen, fällt mir Giulia Schneider auf, eine deutsche Läuferin, die etwa gleich schnell unterwegs ist. Wir unterhalten uns und merken, dass sich unsere beiden Hunde sehr ähneln.

Das Etappenziel rückt näher. «Encore 200 mètres» von unterstützenden Zuschauern und Helfern zu hören, ist wunderschön. Das Ende ist in Sicht und das bemerkt auch Zuma, die wieder rennen will. Ich möchte kein Bremsklotz sein, und so legen wir einen schönen Schlussspurt hin und erleben auf 2060 Metern ein unglaubliches Glücksgefühl. Nach dem Stopp an der Verpflegungsstelle kommt jetzt die «Zuma-Zeit».

Sie liebt Wasser und so ist es für mich klar, dass sie sich im See abkühlen und noch etwas planschen darf.

Mitten durchs Dorf
Bei der Bergetappe bin ich überraschende 14. von 81 Läuferinnen in meiner Kategorie. Dass ich dort nicht bleiben werde, ist mir klar, denn meine Schwäche sind die Abstiege. Und auch die technisch anspruchsvolle dritte Etappe gehört nicht zu meinen Lieblingsstrecken. Um den Start zu erreichen, müssen Hunde und Herrchen mit Gondeln zur Bergstation fahren. In der Reihe anstellen ist für die Tiere eine Geduldsprobe, nicht wenige haben zur Sicherheit einen Maulkorb verpasst bekommen. «L’Alpette» ist ein gut sechs Kilometer langer Singletrail um verschiedene Seen mit nur etwa 100 Höhenmetern.

Nach dieser Etappe packen wir unsere Sachen und fahren nach Allemond, wo wir für die nächsten Tage unser Camp aufschlagen. Der vierte Lauf in Villard-Reculas zeigt eine weitere Besonderheit der Trophée des Montagnes: Die Rennstrecke führt mitten durchs Dorf, wo uns am Rand und auf den Balkonen die Leute zujubeln. Normalerweise hat es bei Canicross-Rennen selten Zuschauer, dies ist hier anders: Immer wieder begegnen uns ganze Gruppen, die uns anfeuern – das tut gut und motiviert auch die Hunde.

Plötzlich allein im Wald
Auf die fünfte Etappe freue ich mich ganz besonders, denn letztes Jahr war dies DER Lauf für mich. Die Strecke entspricht mir und Zuma, es geht auf drei Kilometern verteilt gut 170 Höhenmeter den Berg hoch und erst dann kommt ein steiler Abstieg. Zuma und ich legen einen tollen Start hin und ich freue mich auf den Finish. Wenn sie etwas müde ist, wird sie schön hinter mir bleiben, denke ich erwartungsvoll. Mein Partner wartet am Ende des Abstiegs auf uns und will dort fotografieren. Doch ihm begegnen wir nicht: Wenn täglich orange Shirts vor mir laufen, schaltet mein Gehirn aus und ich renne ihnen planlos nach. Plötzlich merken wir, eine Fünfergruppe, dass wir vom Weg abgekommen sind.

Es hat keine Signalisierungsbänder mehr und wir befinden uns auch nicht mehr auf einem richtigen Weg. Auf unser Rufen antwortet niemand. Wir sind frustriert. Mitten im Wald in einem Geröllhaufen diskutieren wir auf Französisch, wohin wir laufen sollen. Die Strecke würde gemäss Plan linkerhand nach unten führen. Doch dort kommen wir nicht durch – und wieder hochklettern macht ebenfalls keinen Sinn. Also steigen wir über Geröll und Äste nach unten und brauchen für diesen Kilometer satte 23 Minuten.

Sobald wir die Strasse sehen, weicht der Frust der Freude und verschwindet ganz beim Anblick des Ortsschilds «Allemond». Die letzten gut 500 Meter rennen wir Vollgas ins Ziel. In diesen Momenten bewundere ich Hunde: Sie leben nur im Moment. Zuma hat das Verirren nichts ausgemacht, im Ziel freut sie sich, als wäre nichts geschehen. Unterwegs ins Camp erfahre ich, dass es zwei anderen Schweizern gleich ergangen ist. Sie haben sich auch verlaufen, wohl an derselben Stelle.

In Allemond treffe ich auch wieder auf die deutsche Läuferin Giulia Schneider. Durch Nachforschungen haben wir unterdessen herausgefunden, dass meine Hündin Zuma die Tante von ihrem Yup ist. Kein Wunder, verstehen sich die beiden so gut. Da ich durch das Verlaufen in der Rangliste nach hinten katapultiert werde, treffen wir Giulia auf der Strecke aber nicht mehr an.

Vier Läufe in 36 Stunden
Obwohl die Trophée des Montagnes bereits das 12. Mal durchgeführt wird und gut organisiert ist, entstehen ab und zu chaotische Zustände. In Villar d’Arène will ein Grundbesitzer zuerst nicht, dass wir dort laufen. Nachdem die Gendarmerie gerufen wird, kommt die Entwarnung und das Rennen findet statt. Allerdings nicht nach Rangliste, sondern aufgrund der Verschiebung des Zeitplans immer zwei Läufer zusammen. Dies nervt besonders diejenigen, die vorne platziert sind.

Die schöne, steinige Strecke führt um einen Bergsee. Da Regen einsetzt, wird es matschig und die tolle Aussicht ist von Wolken getrübt. Den Rest des Tages verbringen die meisten Teilnehmer ruhig in ihren Wohnwagen, Bussen und Zelten, da es ohne Unterbruch regnet. Der letzten Renntage haben es in sich. Innerhalb 36 Stunden sind in Auris vier Etappen zurückzulegen. Eine besondere Herausforderung ist der Nachtlauf, den wir mit Stirnlampe zurücklegen. Hier starten die schnellsten Läufer am Schluss. Der deutsche Marko Schlittchen läuft diese 3,8 Kilometer und 170 Höhenmeter in sagenhaften 13:25 Minuten.

Laut und wild wird es wieder beim nächsten Massenstart, obwohl diesmal nur 20 Teilnehmer in einem Block sind. Es ist der erste Massenstart für meine junge Hündin Zuma, deshalb bin ich wohl aufgeregter als sie. Nachdem die ersten Wellen losgelaufen sind, können wir endlich los. Der Trieb der Hunde ist so gewaltig, dass links von uns zwei Hunde aufeinander losgehen. «Zuma voran», befehle ich, und schon knallt es plötzlich von rechts. Wir kommen gerade noch ungeschoren vorbei – beim Blick zurück sehe ich, dass Leinen, Läufer und Hunde von bestimmt sieben Startenden heillos ineinander verkeilt sind.

Wir sind Finisher
Während den vier Schlussetappen spüren alle Teilnehmer die Belastungen der letzten Tage. Und wer nur einen Hund einsetzen konnte, merkt es auch dem Hund an. Immer wieder läuft ein Teilnehmer mit eingebundenem Arm vorbei oder jemand, der leicht hinkt. Auch eine der Schweizer Läuferinnen verabschiedet sich – sie kann die Trophée nicht zu Ende laufen.

Die verbliebenen Schweizer erwarten fast sehnsüchtig die letzte Etappe von acht Kilometern. Und hier zeigt sich noch einmal das grosse Zusammengehörigkeitsgefühl unserer Landesequipe: Nebst dem grosszügigen Austauschen von Tipps während der ganzen zehn Tage warten nun im Ziel die ersten auf die letzten Läufer, um sich gegenseitig zum Finish zu beglückwünschen. Zusätzlich zu feiern gibt es mit Sonja Gubler (mit den Hunden Nureija und Lou) sowie Daniel Koch (mit Akira und Biba Bella) zwei Kategoriensiege bei den Veteranen. Und auch ich bin mit meinem 31. Rang zufrieden.

«Wir sind Finisher» gilt nicht nur für die Sportler, sondern fürs ganze Hund-Mensch-Team, denn ohne die Vierbeiner geht es nicht. Sie werden im Ziel dieses letzten Laufs besonders ausgiebig gestreichelt und getätschelt. Und obwohl wir unendlich müde sind und erleichtert, dass die zehn Tage vorbei sind, wir manche Anstiege gehasst haben und die Abstiege uns Angst einflössten, planen wir insgeheim schon die nächste Teilnahme am härtesten Canicross-Rennen Europas.

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