Bike-Abenteuer im Norden Äthiopiens

Mountainbike-Reise

Das bis zu 4500 Meter hohe Sämen-Gebirge im Norden Äthiopiens ist ein noch unentdeckter Spielplatz für Mountainbike-Piloten mit einem Faible für fremde Kulturen.

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In den Lokalnachrichten würden sie es vielleicht so vermelden: «Ausserirdische, weiss wie Ziegenkäse, sind in unserem Dorf gelandet. Sie tragen seltsame, bunte Klamotten und führen Pflüge mit sich, die sie Mountainbike nennen. Gefahr scheint von ihnen nicht auszugehen: Sie sehen ziemlich müde aus.»

Abgekämpft und verdreckt sind wir in der Tat, als wir unseren heutigen Lagerplatz erreichen und in der tief stehenden Sonne in einem Meer aus Kuh- und Schafdung die Zelte aufstellen. Und ja, wir fühlen uns auch ein bisschen wie Ausserirdische. Denn als die Dorfjugend von der Ankunft der «Aliens» Wind bekommt, umringen uns im Nu Dutzende von Kindern. Sie sind zum Glück noch verdreckter als wir, an ihren Nasen hängen lange Rotzfahnen, ihre Kleidung besteht oft nur aus einem Rupfensack oder einem löchrigen T-Shirt.

Nach einer Phase des Staunens und gegenseitigen Anstarrens tauen sie auf, testen schüchtern ihre wenigen Englisch-Vokabeln: «What you name, Mister?» Viel Konversation ist nicht möglich, aber ein Lächeln hilft immer – es ist die Lingua franca, weltweit, überall. Es dauert Stunden, bis sie sich satt gesehen haben an uns. Erst im Dunkeln schleichen sie zurück ins Dorf. Sie werden sich in ihren einfachen Hütten auf eine Bastmatte am Boden legen und sich mit einer dünnen Decke oder einem Ziegenfell gegen die Kälte der Nacht schützen. Einen kuscheligen Daunenschlafsack, in den wir gleich kriechen werden, haben sie noch nie gesehen.

Neuland für Ausserirdische
«Sie haben auch noch nie ein Fahrrad, geschweige denn ein Mountainbike gesehen», ergänzt unser einheimischer Guide Getachew. «Es gibt hier, auf der unerschlossenen Rückseite des Gebirges, ja nur Maultierpfade, keine Strassen, keine Autos, nicht einmal Schotterpisten.» Natürlich auch kein fliessendes Wasser und keinen Strom, folglich kein elektrisches Licht, kein Radio, kein Fernsehen, keine Lokalnachrichten, in denen vor uns Ausserirdischen gewarnt wird. So müssen die Trekkingrouten in den Bergen Nepals in den frühen 1970er-Jahren ausgesehen haben, als die ersten Touristen ins Land kamen. Terra incognita, echtes Neuland, eine Bühne der Vergangenheit.

Genauso wollten wir es, genauso hatten wir es bestellt. Ohne jedoch im Detail zu wissen, worauf wir uns da einlassen. Der Plan lautete: Das Sämen-Gebirge intensiv erkunden, möglichst auf schmalen Wanderwegen und Singletrails, dazu ein Abstecher auf den Ras Daschän, den mit 4533 Metern höchsten Punkt Äthiopiens.

Für die erste Nacht checken wir in der Limalimo-Lodge nahe der Kleinstadt Debark ein. Die erst zwei Jahre alte Lodge punktet mit reduziert-modernem Luxus und einem Eine-Million-Dollar-Blick von der weitläufigen Terrasse auf die Gipfel und Schluchten der Sämen-Berge. Uns ist klar: Wir bekommen noch eine Gnadenfrist für eine einzige Nacht, ehe es «Into the Wild» geht. Zu Abend essen wir mit einer Luxus-Reisegruppe des Fotografen Michael Poliza. Morgen wollen sie mit Hubschraubern in die Berge fliegen. Heimlich rümpfen wir die Nase – noch.

Wo ist der Sauerstoff?
Der nächste Morgen, der erste Anstieg. Dazu die Frage: Wo ist der Sauerstoff? Debark liegt bereits auf 2800 Metern, viel Zeit zum Akklimatisieren bleibt nicht. Wir kurbeln im Pole-Pole-Modus (Swahili für «langsam») an Feldern vorbei, die Bauern mit ihren Ochsen pflügen. Kinder spielen vor strohgedeckten Lehmhäusern. Noch erinnert die Szenerie an andere Länder Afrikas.

Dann passieren wir den Eingang zum Nationalpark, der seit 1978 auch UNESCO-Weltkulturerbe ist. Für unsere westlichen Ohren klingt das gut, für die im Park lebenden Menschen ist es eine Drohung: Die Regierung will sie umsiedeln, lockt mit Entschädigungen sowie Zugang zu Schulen und Krankenstationen, bricht aber mit schöner Regelmässigkeit ihre Versprechen. Es ist ein heikles Thema. Wohin auch mit den Menschen? Schon jetzt gibt es mehr als hundert Millionen Äthiopier, die alle ernährt werden wollen. Das Trauma der Hungerkrisen der 80er-Jahre sitzt tief. Und die Bevölkerung wächst weiter rasant. Vier Fünftel von ihnen sind Bauern, ihre Felder und Viehweiden breiten sich wie ein Geschwür im Park aus.

Plötzlich biegt Getachew auf einen schmalen Pfad ab, der im kniehohen Gras kaum zu erkennen ist. Ein märchenhafter Urwald mit knorrigen Erika-Bäumen übernimmt das Kommando. In gemässigten Breiten ein kleiner Strauch, schiesst Erika hier viele Meter in die Höhe. An den Zweigen der Bäume wehen federleichte Moosfetzen wie freundliche Gespenster im Wind. «Usnea ist eine Moosart aus der Eiszeit», erklärt Getachew: «Wo diese Flechten wachsen, ist die Luft besonders sauber und frei von bösen Geistern.»

Dann erreichen wir zum ersten Mal die Abbruchkante des Hochplateaus. Wir blicken tausend Meter auf Dörfer hinab, die sich wie Adlerhorste an die steilen Flanken schmiegen. Dazwischen erkennen wir terrassierte Felder, auf denen in frischem Hellgrün Teff leuchtet, eine Hirsesorte. Das Nationalgetreide Äthiopiens wird zu Injera, säuerlich schmeckenden Fladenbroten, verarbeitet und steht täglich auf dem Speiseplan. «Dort unten werden wir vorbeikommen», sagt Getachew, den seine Freunde nur Gech nennen. Wir schauen angestrengt in die Tiefe, doch entdecken beim besten Willen keinen Pfad, der das Prädikat «fahrbar» verdienen würde.

Mit dicken Reifen in dünner Luft
Noch aber gibt es einen ganzen Strauss an feinen Trails zu entdecken, die sich mit breiteren Pisten abwechseln. Wir biken an grossen Trupps von Blutbrustpavianen vorbei, die nur in den Sämen-Bergen vorkommen. Fast handzahm sind sie, lassen uns bis auf einen Meter an sie heranfahren. Allerdings behält uns der Chef der Gruppe stets im Auge. Mit seiner zotteligen Mähne und den imposanten Zahnreihen thront er auf einem Felsen und passt auf seine vielen Frauen und deren Junge auf. Die Weibchen rupfen frische Gräser aus dem feuchten Boden, die Kleinen spielen Fangen, fiepen und quietschen.

Allmählich gewöhnen wir uns an die Höhe und den Rhythmus. Bei Cheneck, wo es nachts bitterkalt wird, campieren wir zwischen riesenhaften Lobelien und Senezien, wie es sie nur in den Hochgebirgen Afrikas gibt. Bei der Auffahrt zum 4300 Meter hohen Bahit-Pass staunen wir über Walia Ibex, den äthiopischen Steinbock, und über uns kreisende Lämmergeier. Bei der Abfahrt reiben wir uns den klebrigen Saft aus den Blättern gelb-orange blühender Aloe Vera auf die aufgesprungenen Lippen.

Und dann ist auch schon Gipfeltag. Im Schein der Stirnlampen starten wir von Ambiko aus zum Ras Daschän. 1400 Höhenmeter, das klingt überschaubar. Ist es aber nicht, wenn man den Ehrgeiz hat, die steilen Rampen in der dünnen Luft zu fahren. Bald schieben wir, schliesslich brauchen wir noch Körner für den steilen Gipfelaufbau, leichte Kletterei im ersten bis zweiten Schwierigkeitsgrad. Ein Bike muss trotzdem mit, Ehrensache. Wir staunen, wie traumwandlerisch sicher Gech das Rad nach oben balanciert. Nur ganz selten muss ihm Nassin helfen, unser bewaffneter Park-Ranger und nächtlicher Bike-Bewacher mit den viel zu grossen Armeestiefeln. Noch ein letzter Felsblock, dann sind wir ganz oben, dort, wo Afrika den Himmel berührt.

Ganz Äthiopien liegt uns zu Füssen, wir erkennen jetzt erst die gigantischen Dimensionen dieses Bergstocks. Und das Beste: Im Gegensatz zum Kilimandscharo oder Mount Kenia sind wir hier ganz allein, müssen uns den Gipfel mit keiner Trekkinggruppe teilen. Aber ist da nicht einer zu viel? Uns fällt plötzlich auf, dass uns ein Hirtenjunge den ganzen Weg gefolgt ist. Er hat eine Tasche mit Softdrinks dabei, die er gegen einen Aufpreis verkaufen will, um so ein bisschen Geld zu verdienen. Natürlich sollte der Kerl lieber die Schulbank drücken, aber es beschämt uns, dass er für einige Birr, so der Name der lokalen Währung, so weit marschiert ist. Markus erbarmt sich und kauft ihm zwei Flaschen ab. Seine Augen leuchten. Sein Profit: umgerechnet 50 Euro-Cent.

Auf unberührten Pfaden
Bei der Rückkehr nach Ambiko überrascht uns das Küchenteam mit einem frisch gebackenen Kuchen, zum Dinner gibt es Wein und Anisschnaps. Die Stimmung ist ausgelassen. Was soll jetzt, nachdem wir das Dach Äthiopiens erobert haben, noch schief gehen? Zwei Tage später wissen wir: falsch gedacht, zu früh gefreut! Nach dem Berg ist vor dem Berg. Denn jetzt lotst uns Gech in jenen Teil des Massivs, den wir am Anfang von oben gesehen haben, den auch er nicht kennt. Zumindest nicht mit dem Bike. Wir folgen einer brandneuen Trekking-Route, die die Parkverwaltung eben erst eröffnet hat. Und das heisst: schieben, tragen, keuchen, schimpfen, verschnaufen, steilste Stufen überklettern, stundenlang. Und: Wir haben noch vier volle Tage vor uns! Dabei ist es unwirklich schön. Mit dichtem Regenwald überzogene Türme und Zinnen aus dunklem Basalt ragen wie die Buge von Schiffen in die Landschaft. Vor unseren Nasen flattern bunte Vögel und Schmetterlinge. Wir durchqueren tief eingeschnittene Schluchten, campieren an spektakulären Logenplätzen, wo uns neugierige Augen anstarren, die noch nie zuvor Weisse gesehen haben. Manchmal haben wir mehr Publikum als eine Laienbühne. «Unsere Sendung wurde noch nicht abgesetzt», scherzen wir dann. «Die Quote stimmt im Dschungelcamp.»

Im All waren bislang etwa 500 Menschen – wir sind die Ersten, die mit einem Bike hier durchkommen. Weil uns Gech wenig Hoffnung auf fahrbare Trails macht, mieten wir Träger für unsere Räder. Ein schlechtes Gewissen haben wir dabei nicht, denn die Männer haben sonst selten die Chance, etwas Geld zu verdienen.

Offene Rechnungen
Allerdings müssen unsere Helfer dabei Dörfer passieren, in denen so mancher noch eine Rechnung offen hat. Tesfaye, mit 62 der älteste Träger, wird von einem Steinewerfer böse am Fuss getroffen und blutet stark. Wir verarzten ihn, so gut es geht. Dann geht es weiter, über matschige und mit Dornen zugewachsene Pfade, steil hinauf und noch steiler hinab, auf wackeligen Felsen über Flüsse balancierend. Das Küchenteam und die Muli-Treiber mit unserem Gepäck folgen derselben Route. Wie sie es schaffen, dass sie barfuss oder in Flipflops schneller als wir sind und ihre Packtiere nicht abstürzen, wird uns auf ewig ein Rätsel bleiben.

Dass wir schon länger nicht mehr in die Pedale getreten sind, stört uns kaum noch. Wir saugen die Eindrücke gierig auf – so wie das Fladenbrot Injera die scharfen Saucen aufsaugt, die darauf verteilt werden. Wir grüssen die stolzen, weissbärtigen Männer, die mit ihrem Gehstock auf dem Dorfplatz stehen und uns hinterherschauen. Hören der Lehrerin zu, deren Schüler in einem Holzschuppen lernen, in dem hierzulande nicht einmal Vieh untergebracht würde. Lachen mit den Teenagern, die sich einmal auf ein Bike setzen wollen und nicht wissen, dass es umfällt, wenn man nicht in die Pedale tritt.

Als wir nach zehn Tagen in Dib Bahir, dem Heimatdorf von Gech, ankommen, sind wir ausgelaugt und dreckverkrustet, aber auch dankbar und zufrieden. Nicht alles klappte so, wie wir es geplant hatten. Aber wir sind alle am Leben, unverletzt sogar. Na ja, das stimmt so nicht ganz: Gech hat sich bei einem seiner Abgänge über den Lenker ordentlich die Leiste gezerrt, er hinkt stark. «Du musst unbedingt in die Alpen kommen», drängen wir ihn beim Abschied: «Wir melden dich schon mal zu einem Fahrtechnikkurs an!»

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