Artikel - FIT for LIFE Magazin

Beliebte Gravelbikes

Zunehmende Konkurrenz für Rennvelos

Ein Gravelbike ist das perfekte Sportvelo im Schweizer Mittelland.

Copyright: Scott-Daniel Geiger

Ein grosser Gewinner der gegenwärtigen Velo-Euphorie ist das Grave-Bike, welches ein rasantes Wachstum verzeichnet. Noch vor zwei-, drei Jahren hiessen sie Geländerenner, Quervelos, Cyclo-Crosser oder Endurance Bikes, doch nun hat sich der amerikanische Begriff Gravel-Bikes an breiter Front durchgesetzt. Das Gravel-Bike ist neben dem E-Bike der aktuelle Trendsetter auf dem Velomarkt. Es ist so vielseitig im Einsatzgebiet wie kein anderes Velo und gleichzeitig sportlich und agil. Nimmt man das Gravel-Bike genauer unter die Lupe, schliesst sich eine 40-jährige Entwicklungsgeschichte.

Vom Mountainbike zum Gravel
Anfangs der Achtzigerjahre wars, als – natürlich aus Amerika – die ersten Mountainbikes in Europa auftauchten. Deren Markenzeichen: Kleine 26-Zoll-Räder, gerader Lenker, breite Stollenpneus, viele Gänge, gestreckte Sitzposition. Mit den neuen Sportgeräten konnte man erstmals nach Belieben offroad herumflitzen und immer höhere Berge erklimmen. Um die Sache komfortabler zu machen, kamen nach und nach dämpfende Elemente dazu, zuerst eine Federgabel vorne, bald auch Dämpfungselemente hinten.

Der Rest ist bekannt: Die Federwege wurden immer länger, die Reifen wieder grösser, die Bikes immer schwerer und vorwiegend für rasante Downhills ausgelegt. Überdimensionierte Offroad-Boliden wurden fleissig auch dann gekauft, wenn sie bloss auf Feldwegen im Mittelland oder leichten Wanderwegen zum Einsatz kamen.

Der Kreis schliesst sich
Grund genug für die Industrie, sich wieder an alte Zeiten zu erinnern bzw. einen alten Trend – aber in ganz neuen Schläuchen – aufleben zu lassen und das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Zuerst mit klassischen Quervelos (die dann aber mit ihren schmalen Pneus und Cantileverbremsen fahrtechnisch doch zu anspruchsvoll für die breite Masse konzipiert sind), bald aber mit modernen Gravel-Bikes. Diese kommen wie die ersten Mountainbikes mit breiten Pneus ausgestattet, ungefedert und mit sportlicher Sitzposition daher.

Zurück in die Zukunft, könnte man also überspitzt formulieren, denn erneut kann man puristisch mit direkter Kraftübertragung und dennoch erstaunlich komfortabel über Feld, Wald und Wiesen flitzen. Mit einem Gravel lassen sich im Wiegetritt alle Federvelos spielend überholen, es sei denn, sie sind mit Strom aufgepeppt.

Doch Scherz beiseite: Moderne Gravel-Bikes machen enorm Spass, es sind reinrassige Sportgeräte und keine SUV-Bikes, die sich anfühlen, als würde man mit einem Caterpillar über einen Kiesweg rollen. Die markanten Unterschiede zu den Ur-Bikes: grössere Räder, Scheibenbremsen, Rennvelolenker – wobei die heutigen GravelLenker eine ähnliche Handhaltung erfordern wie die berühmt berüchtigten «Hörnchen» an den Lenkerenden der ersten Stollenbikes…

Gravel-Bikes kommen ohne Schnickschnack und Federelemente aus, sind daher leicht wie Rennvelos und ebenso direkt in der Kraftübertragung. Und allfällig überschüssigen Speed machen zupackende Scheibenbremsen mit einem simplen Fingerdruck dosiert zunichte. Mit dem Gravel kann man überall rausgehen und ohne Plan losfahren, irgendwo kommt man immer durch. Durch die puristische Ausstattung ist – im Gegensatz zu Mountainund E-Bikes – auch die Wartung minimiert. Wenn Allround-Händler wie Bike World, Ochsner Sport und Decathlon auf den Gravel-Boom setzen, ist er definitiv da.

Sportgerät oder Touren-Gravel?
Und er steht wohl erst am Anfang, denn in der Nische Gravel kristallisieren sich bereits mehrere Untersegmente mit potenziellen Käufergruppen heraus. Das reinrassige Karbon-Gravel als Sportrakete zwischen Teer und Singletrail, das Gravel als Rennveloersatz für die unkomplizierte Ausfahrt ohne Asphalt-Abhängigkeit sowie das spezielle Touren-Gravel mit vielen Befestigungsmöglichkeiten für mehrtägige Packfahrten im In- und Ausland.

Sehr beliebt sind Gravel-Bikes auch bei sportlichen Paaren oder Gruppen, da man unabhängig vom Autoverkehr ohne Hupkonzert nebeneinander fahren und miteinander kommunizieren kann.

Übrigens: Bereits scheint die Industrie wieder Angst zu haben, dass es den GravelFahrern nicht komfortabel genug sein könnte, denn schon werden erste Federelemente in Form von Gabel-, Lenker- und Hinterbaudämpfung an Gravel-Bikes verbaut. Bleibt zu hoffen, dass sich die Komfort-Spirale nicht erneut «hochfedert».


Merkmale Gravel-Bikes
• Gravel-Bikes werden möglichst ohne bewegliche oder federnde Teile konstruiert. Daher kommen immer häufiger Einfachübersetzungen zum Zug mit nur einem Scheibenblatt vorne und voluminöser 12–13-fach-Übersetzung hinten.
• Für guten Grip sorgen bis zu 45 mm breite Reifen, wofür sowohl Gabel wie Hinterbau entsprechend konzipiert sein müssen.
• Speziell breite und leicht gegen innen abgekippte Rennradlenker sorgen in Kombination mit Scheibenbremsen für sportliche Position und sicheres Handling.
• Elektronische Schaltungen lassen sich auch im Gelände überraschend präzis und simpel bedienen. Sie werden daher zunehmend verbaut, erhöhen aber den Kaufpreis deutlich.
• Die Radgrösse beträgt 28 Zoll, teilweise bereits auch schon wieder kleiner, weil die Pneus dann dicker sein können.
• Im Angebot sind verschiedene Geometrien von sportlich direkt bis zu Touren-Bikes mit komfortabler Sitzposition und vielen Anlötstellen zur Befestigung von Gepäckträgern.
• Kostenpunkt: Gravel-Bikes sind tendenziell günstiger als Rennvelos. Alumodelle ab 1500 Franken, Karbonmodelle ab 2500 Franken aufwärts.

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