Auf der Überholspur

Rollstuhlsportlerin Manuela Schär

Mit dem Sieg beim Tokio Marathon errang die erfolgreiche Rollstuhlsportlerin den Gesamtsieg der World Marathon Majors. Porträt einer zielstrebigen und tiefgründigen Frau.

Copyright: Andreas Gonseth

Bei Manuela Schär hat sich in den letzten Jahren eine Tradition entwickelt. In den letzten Tagen des alten Jahres und den ersten des neuen gönnt sie sich jeweils Ferien. So auch nach ihrer erfolgreichsten Saison, dem Jahr 2017, «das ich wehmütig verabschiedete und von dem ich mir gewünscht hätte, es würde nie enden», wie sie rückblickend sagt. Die Spitzensportlerin packte ihre Koffer und verreiste nach Südafrika. Zweieinhalb Wochen mit Safari im Krüger-Nationalpark, Johannesburg, Garden Route, Tafelberg, Kapstadt und Robben Island, der Insel mit dem Gefängnis, in dem Nelson Mandela 18 Jahre inhaftiert war.

Individuell und alleine war die junge Krienserin mit dem Mietauto unterwegs. Der Rollstuhl hinderte sie dabei nicht in ihrer Abenteuerlust, im Gegenteil, manchmal wirkte er gar als Beschleuniger. Schmunzelnd erzählt sie: «Weil ich meist ums Schlangenstehen herumkam, besuchte und besichtigte ich die Sehenswürdigkeiten im Schnellzugstempo.» Als «grossartig» und «enorm eindrücklich» erlebte sie das ihr bis anhin unbekannte Afrika.

Der Sport fehlt rasch
Es waren unbeschwerte Tage ohne Training und ohne Sport: «Wäre ich eine Läuferin, hätte mich ab und an eine Runde Jogging gelockt, mit meinen Möglichkeiten ist das leider nicht möglich.» Den Rennrollstuhl hatte Manuela Schär zu Hause zurückgelassen. Und Krafttraining bildete keine Alternative: «Ich brauche Hilfsmittel und Hilfestellungen, etwa meinen Trainer, der mir die Gewichte reicht und richtet.»

Das abrupte Zurückschalten in der Fremde verkraftete Manuela Schär gut, zumal sie dies einmal im Jahr bewusst sucht. Anders wäre es zu Hause gewesen. Sie sagt: «Tage ohne Sport: der wahre Horror.» Dieses Gefühl holte sie auch gegen den Schluss der Reise ein. Drei Tag vor Ferienende begannen Körper und Kopf den Sportleralltag zu vermissen. Sie sehnte sich nach der Rückkehr.

Das Wiedereintauchen ins Training war allerdings kein einfaches Unterfangen. Zwei Wochen habe sie einstecken müssen, sei sie am Leiden gewesen, sagt sie. Die Handgelenke schmerzten, an den Händen bildeten sich Blasen, die kniende und eingezwängte Position im Rennstuhl war anstrengend, der Druck auf die Rippen zeigte sich in brutaler Stärke. Die Trainingseinheiten kosteten viel Überwindung. So belastend wie in früheren Jahren empfand sie die Rückanpassung aber nicht. «Ich schaffe es mittlerweile, ruhig zu bleiben. Und ich weiss aus Erfahrung, dass das Unangenehme, Schmerzhafte schnell vorüber geht.» Nach drei Wochen des Wiedereinstiegs und des Hochfahrens des Trainingsumfangs – vorwiegend auf der Rolle, mit der Handkurbel und im Kraftraum –, ging es für die ersten zwei Februarwochen erneut nach Südafrika: diesmal nach Potchefstroom ins Trainingslager.

Den Sieg vor Augen
Die nahe Zukunft trieb Manuela Schär an und motivierte. Die 33-Jährige gewann drei der vier ersten Rennen der siebenteiligen World Major Marathon-Serie 2017/18: In London, Berlin und New York stand sie zuoberst auf dem Podest. Die Ausgangslage für die restlichen drei Rennen 2018 in Tokio, Boston und London präsentierte sich verlockend, noch ein einziger Sieg fehlte. «Ich habe drei Matchbälle und es wäre natürlich genial, wenn ich den Sack bereits in Tokio zumachen könnte», sagte sie kurz vor der Abreise ins Trainingslager. Und fügte entschlossen an: «Diese Chance will und werde ich packen.»

Tatsächlich verwertete sie in Tokio bereits ihren ersten Matchball und realisierte den alles entscheidenden vierten Erfolg. Nur wenige Stunden nach dem Zieleinlauf war sie immer noch aufgeregt: «Ich bin ganz aus dem Häuschen, unglaublich! Es war ein sehr hartes Rennen, aber es hat sich am Schluss ausbezahlt.» Manuela Schärs Genugtuung ist riesig. «Der Gesamtsieg bei den Marathon Majors bedeutet mir enorm viel, denn er bewertet mich über einen Zeitraum von zwei Jahren als stärkste Marathonsportlerin!» Mit ihrem grössten Karriere-Erfolg verbunden ist eine Siegprämie von 50 000 Dollar.

Aus den aktuellen Grosserfolgen kaum herauslesen lassen sich die Veränderungen an Manuela Schärs Arbeitsgerät, dem Rennrollstuhl. Die Erfolge in Berlin 2016 sowie in Boston und London im vergangenen April realisierte sie noch mit einem Stuhl aus Aluminium. Seit Berlin im letzten Herbst hingegen vertraut sie auf ein reines Karbongestell. Das steife Karbon hat den Vorteil, dass es extrem leicht ist und keinerlei Schwingungen oder Schläge abfedert. Die eingesetzte Kraft überträgt sich direkt in Vorwärtsbewegung. Das macht schneller, erfordert aber vom Körper eine enorme Schlagtoleranz. Manuela Schär meisterte diese Umstellung erstaunlich rasch. Die Triumphe in Berlin, New York und Tokio feierte sie im neuen Karbon-Untersatz.

«Die Arbeit mit dem neuen Rennstuhl ist faszinierend», sagt Manuela Schär. Vor bald anderthalb Jahren kam sie in Nottwil mit Vertretern der Auto- und Motorradfirma Honda in Kontakt, etwas später wurde sie ins neu gegründete Honda-Team aufgenommen und in die Konstruktion ihres neuen Sportgeräts miteinbezogen. Im Rahmen des Tokio Marathons vor einem Jahr besuchte sie die Produktionsstätte. Ihr Körper und ihre Sitzposition wurden 3-D vermessen, alles wurde austariert, individuell angepasst, ihre Ideen fanden Gehör. «Da geht es um jeden Millimeter, denn jeder Millimeter Spiel bedeutet Energieverlust», sagt sie.

Die Auseinandersetzung mit der Technik und das Tüfteln an der perfekten Sitzposition gehen weiter. Bis zum Boston Marathon soll sie ein zweites Rennmodell erhalten – noch einmal weiter perfektioniert, noch exakter auf sie zugeschnitten, mit einer neuen Steuerung. Angedacht sind zudem 3D-Handschuhe, deren Passform auf die Profile des jeweiligen Marathonkurses zugeschnitten ist. «Es spielt eine Rolle, ob Steigungen und Gefälle zu bewältigen sind wie etwa in Boston oder New York», sagt Manuela Schär dazu. Dank der Zugehörigkeit zum japanischen Firmenteam ergeben sich für sie neue Möglichkeiten, die ihr als Einzelathletin nicht möglich wären. Der Kostenpunkt eines Rennrollstuhls liegt bei über 20 000 Dollar.

Die Verantwortung und das Glück
Dank ihren Leistungen und ihrer offenen, herzlichen Art ist Manuela Schär zur Sympathieträgerin mit Vorbildcharakter weit über den Behindertensport hinaus geworden. So wurde sie jüngst in einem Artikel zum Thema Glück porträtiert. Dazu sagt sie: «Ich gehe optimistisch durchs Leben und versuche, aus allem das Beste herauszuholen.» Mit der richtigen Einstellung, dem Verhalten und Willen lasse sich viel zum eigenen Glück beitragen, sagt sie. Manuela Schär sieht die Verantwortung sich selbst gegenüber und dem, «was ich mit meinem Leben geschenkt erhalten habe und ich mir selbst ermöglichen kann».

Um gegenteilige Empfindungen kommt sie gelegentlich dennoch nicht herum: «Auch ich nerve mich, bin unentschlossen, missmutig, hadernd, zweifelnd, die Krise schiebend.» Aber sie versucht dieses Negativdenken aufs Minimum zu beschränken. Dies beinhaltet das Akzeptieren, dass ein Teil ihres Körpers «nicht mehr funktioniert». Als Bewegungsmensch empfindet sie das als besonders frustrierend. Aber sie sagt: «Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Teil, der noch leistungsfähig und trainierbar ist, optimal zu fordern und zu nutzen.»

Nicht immer kann sie Belastendes in ihrem Alltag als Rollstuhlfahrerin beeinflussen. Als besonders verletzend empfindet sie: «nicht voll genommen, ausgeschlossen, diskriminiert zu werden». Mittlerweile, mit 33, gelingt ihr der Umgang mit ihrer Behinderung weitgehend. Das sorgt für Stolz. Das war aber nicht immer so. Vor allem an die Jahre als junge Erwachsene denkt sie dabei. «Die dunklen und negativen Seiten des Lebens waren sehr präsent, mir ging es oft gar nicht gut.» Ihr Unfall, ihr Schicksal spielte dabei eine zentrale Rolle. 

Tragischer Kindergeburtstag
Neun war Manuela Schär, eingeladen an einen Kindergeburtstag, als sich das mangelhaft verankerte Gestell der Schaukel löste, einstürzte und sie unter sich begrub. Sie erinnert sich: «Sofort wusste ich: Da ist etwas Schlimmes passiert.» Übers Kinderspital kam sie mit der Rega nach Nottwil ins Paraplegikerzentrum. Eine schwierige Operation folgte. Spital. Rehabilitation. Sechs Monate war sie weg von zu Hause.

Zu all diesem Schweren gesellte sich rückblickend dennoch eine grosse Dankbarkeit. Manuela Schär erinnert sich etwa an die Praktikantin, welche ihr die Haare flocht und regelmässig mit ihr spielte. Mit der Rückkehr in den Alltag wurden die Herausforderungen nicht kleiner. Auf «Hindernisse allüberall» stiess sie. Mit dem jungen Mädchen gefordert waren alle ihre nächsten Bezugspersonen. Doch Manuela Schär schaffte Ausserordentliches: die Reintegration in ihre ursprüngliche Klasse, später den Abschluss der Sekundarschule, ein zehntes Schuljahr in der Romandie, die KV-Lehre, Sprachaufenthalte in Spanien, Mexiko und den USA.

Kontinuierlich nach oben
Und auch im Sport führte der Weg rasch nach oben. Früh begann sich Manuela Schär zu profilieren. Bereits 2004 gewann sie an den Paralympics in Athen Silber und Bronze – im Sprint über 100 und 200 m. Vier Jahre später kehrte sie mit Bronze aus Peking zurück. Mitunter musste sie aber auch erfahren, womit das Streben nach Erfolg verbunden ist. Von «Fluch und Segen in einem» spricht sie in diesem Zusammenhang über ihren Ehrgeiz, ihren Perfektionismus. Für den Sport seien diese Charaktereigenschaften von höchster Bedeutung, im Alltag aber auch hemmend. «Ich stresse mich selber durch mein Wesen», sagt sie dazu. Im Sport profitiert sie mittlerweile von ihrer Erfahrung, etwa im Umgang mit Druck und Erwartungen.

Nach rund 15 Jahren Leistungssport ist Manuela Schär auf höchstem Level angelangt. Und sie hat ihre Disziplin gefunden: «Die Städtemarathons sind meine grosse Liebe.» Ihre Augen leuchten. Das Mitprägen dieser Szene geniesst sie. Und mitunter schätzt sie die grosse Resonanz. Im Gegensatz zur Bahn-Leichtathletik erhält sie diverse Profilierungsmöglichkeiten verteilt übers ganze Jahr – verbunden mit Reisen in faszinierende Metropolen.

Und dennoch scheint in nächster Zeit eine Schwerpunktverlagerung programmiert: «Die Paralympics 2020 in Tokio werden immer stärker ins Zentrum treten und für einen weiteren Schub sorgen.» Das hat auch einen speziellen Grund. Vorletzten Sommer in Rio blieb Manuela Schär ohne Medaille. «Da habe ich noch eine riesige Rechnung offen.»

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