Arthrose: Fragen & Antworten

Interview mit Sportmediziner Dr. med. Christoph Erggelet

Christoph Erggelet, orthopädischer Chirurg bei der alphaclinic in Zürich, beantwortet die wichtigsten Arthrose-Fragen.

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Herr Erggelet, wie sieht bei Ihnen in der Praxis der typische Arthrose-Patient aus?
Rund 60 Prozent, also deutlich mehr als die Hälfte der Betroffenen, sind über 40 Jahre alt. Die Verteilung von Männern und Frauen ist dabei in etwa gleich. Und ebenso halten sich Nichtsportler und Sportler die Waage.

Welche Sportler trifft es am meisten?
Bei uns in der Praxis sind Fussballer, Eishockeyund Tennisspieler oder auch Jogger häufiger betroffen als Velofahrer, Schwimmer oder Schachspieler.

Und welche Gelenke verursachen am häufigsten Beschwerden?
Bei Nichtsportlern Hüfte und Schultergelenk. Bei Sportlern sind die am meisten beeinträchtigten Gelenke Knie, Grosszehengrundgelenk, Schultereckgelenk – in dieser Reihenfolge. Knie und Schulter können Sportler aller Art treffen, häufig Mannschaftssportler, das Grosszehengrundgelenk betrifft am ehesten Läufer.

Wie häufig ist bei Sportlern der Sport die Ursache einer Arthrose?
Da muss man differenzieren. Sport an sich stellt im Prinzip keine erhöhte Gefahr dar für die Entstehung einer Arthrose, im Gegenteil, Bewegung tut gut. Ein gesundes Gelenk verzeiht selbst Überlastungen und eine schlechte Bewegungstechnik über eine gewisse Zeit. Sport nach Verletzungen hingegen führt zu einem signifikant erhöhten Arthroserisiko. Sportler verletzen sich häufiger als Nichtsportler, und meist wollen sie nach einer Verletzung nicht mit ihrer Leidenschaft aufhören. Die grösste Gefahr für ein Gelenk ist daher ein durchgemachtes Trauma wie ein Meniskusriss, eine Kreuzbandverletzung, ein Bruch oder manchmal auch nur eine grobe Verrenkung. Oder eine Fehlstellung des Gelenks wie beispielsweise ein O-Bein.

Worin besteht die erhöhte Gefahr nach einer Verletzung?
Das hängt natürlich von der Schwere der Verletzung ab. Ungünstig ist, wenn die Mechanik innerhalb des Gelenks beeinträchtigt wird, weil gewisse Gelenkstrukturen wie beispielsweise Meniskus oder Labrum nicht mehr vorhanden sind. Dadurch kann es zu einer Instabilität im Innern des Gelenks kommen, was die Belastung erhöht und langfristig eine Arthrose begünstigt.

Hat die Arthroseproblematik bei Sportlern in Ihrer Wahrnehmung in den letzten Jahren zugenommen? Und wenn ja, gibt es dafür eine Erklärung?
Ja, sie hat zugenommen. Die Erklärung ist einfach: Wir werden immer älter und mehr Menschen machen Sport. Arthrose wird daher immer häufiger irgendwann zum Thema, auch bei Sportlern.

Eine Arthrose wird aktuell vor allem mit bildgebenden Verfahren wie einem MRI diagnostiziert. Entspricht die dadurch sichtbare Gelenksituation den tatsächlichen Beschwerden eines Patienten?
Nein, oft passt die Bildgebung – egal ob Röntgen oder MRI – nicht zu den Beschwerden. Es gibt Patienten mit wenig Beschwerden, aber schlimmen Bildern, und gleichzeitig gibt es schmerzgeplagte Patienten mit wenig Arthrosezeichen im Röntgen oder MRI. Einerseits haben Menschen individuell ein stark unterschiedliches allgemeines Schmerzempfinden. Und andererseits wird die Ursache dieser Diskrepanz in der Zusammensetzung der Gelenkflüssigkeit vermutet – aggressive und entzündungsfördernde Eiweisse verursachen Schmerzen und zerstören das Gelenk weiter. Das ist mit einem MRI nicht sichtbar. In Zukunft wird man dies im Labor aber bestimmen können, wodurch sich die Gefahr sowie die Schwere einer Arthrose voraussagen lassen.

Können chronische Schmerzen in einem Gelenk auch auf andere Ursachen zurückzuführen sein als auf eine Arthrose, wie beispielsweise falsche Zugverhältnisse von Sehnen, Bändern, Faszien usw.?
Natürlich können auch andere Ursachen als Arthrose Gelenkschmerzen verursachen – was sogar in den meisten Fällen zutrifft. Hier gilt es, die anatomische Gelenkfunktion schnellstmöglich wiederherzustellen mit einem gezielten Training und regelmässigen, selbstständigen Übungen, allenfalls unter physiotherapeutischer Anleitung.

Gibt es typische Warnsignale, wie ein Sportler eine aufkommende Arthrose frühzeitig erkennen kann?
Wenn Schmerzen auftreten, sollte der Sportler das betreffende Gelenk genau beobachten, denn der Schmerz alleine wird subjektiv wahrgenommen. Schwillt das Gelenk an? Und wenn ja, wie lange? Ist es in seiner Beweglichkeit eingeschränkt, kann man also beispielsweise das Knie nur noch 90 Grad beugen? Bei einer dauerhaften Schwellung oder einer massiven Bewegungseinschränkung droht die Gefahr, dass ein Gelenk mit der Zeit einsteift. Dies kann beispielsweise beim Kniegelenk dazu führen, dass man das Bein nicht mehr ganz durchstrecken kann und zu hinken beginnt. Als Kettenreaktion wird dann die Muskulatur nicht mehr umfassend belastet und es drohen Muskelverlust und Dysbalancen. Daher gilt es möglichst die Beweglichkeit zu erhalten, damit das Gleichgewicht des Gelenks wiederhergestellt werden kann und die aggressiven und entzündungsfördernden Eiweisse im Gelenk abgebaut werden.

Angenommen, ein Sportler kommt mit allgemeinen, immer wiederkehrenden Gelenkbeschwerden zu Ihnen und Sie stellen eine Arthrose fest. Wie wichtig ist eine Anpassung des Bewegungsverhaltens?
Sehr wichtig. Als Erstes muss man die Ursache der Arthrose herausfinden. Hatte der Sportler einen Unfall? Oder sind andere erkennbare Ursachen wie Instabilität, Achsfehlstellungen oder Entzündungen vorhanden? Wenn man unter Anpassen des Bewegungsverhaltens das Betreiben von gelenkschonenden Sportarten versteht, dann ist das richtig und auch wichtig. Wenn die Konsequenz ein Sportverzicht ist, hingegen nicht. Durch Sportverzicht kann eine Arthrose nicht verhindert werden, im Gegenteil. Bewegung ist äusserst wichtig in der Arthrosebehandlung.

Kann Arthrose durch Bewegung gestoppt werden?
Die Symptome können durch Bewegung deutlich gelindert werden, aber gänzlich gestoppt werden kann eine Arthrose dadurch leider nicht.

Welche Auswirkung hat die Ernährung?
Arthrose führt zu einer schmerzhaften Entzündung in einem Gelenk. Diese Entzündung kann durch eine ungünstige Ernährung mit viel Zucker, Alkohol, Übersäuerung usw. verstärkt werden. Ausserdem führt eine ungesunde Ernährung schneller zu Übergewicht. Eine eigentliche Anti-Arthrose-Diät gibt es aber leider nicht.

Wie stark bestimmen die Gene, ob und wann eine Arthrose auftritt?
Familien mit einem erhöhten Auftreten von Arthrose gibt es, das ist bekannt. Wenn bei einem schlanken und gesunden Menschen ohne Vorverletzung bereits ab einem Alter von 30 bis 40 Jahren eine Arthrose beginnt, vermutet man eine genetische Disposition dafür. Die genauen Zusammenhänge, was dazu führt, sind allerdings noch nicht bekannt.

Welche Bedeutung hat das Körpergewicht?
An gesunden Gelenken ist das Arthroserisiko bei hohem Körpergewicht nur leicht erhöht, bei einem geschädigten Gelenk hingegen potenziert sich die negative Wirkung des zusätzlichen Gewichts.

Welche Massnahmen kommen aus medizinischer Sicht bei der Behandlung einer Arthrose in Betracht?
Die unmittelbaren Schmerzen können mit entzündungshemmenden Medikamenten oder auch Injektionen wie zum Beispiel Kortison gelindert werden. Ein wichtiges Ziel bzw. ein Nebeneffekt davon ist die verbesserte Beweglichkeit eines Gelenks ohne Schmerzen, was wiederum zu einer verbesserten Durchblutung und weniger Schmerzen führt. Auf der anderen Seite besteht bei einer Medikation die Gefahr einer Überlastung, wenn man weniger oder gar keine Schmerzen spürt.

Wann können Injektionen mit Hyaluronsäure oder Eigenbluttherapien sinnvoll und Erfolg versprechend sein?
In frühen Stadien einer Arthrose können Injektionen mit Hyaluronsäure oder Eigenblutpräparaten erfolgreich sein. Diese Stoffe sind in der Lage, die Ent-zündung der Gelenkschleimhaut einzudämmen, den Schmerz zu lindern und somit die Funktion zu verbessern. Eine ursächliche Behandlung der Arthrose konnte aber nicht nachgewiesen werden.

Wenn man sich online über Arthrose informiert, stösst man rasch auf unzählige Präparate und Wundermittel mit abenteuerlichen Inhaltsstoffen wie Chondroitin, HaifischKnorpelextrakten, Weidenrinde, Teufelskralle usw. Was taugen solche Präparate?
Wenn der Gelenkknorpel im Rahmen einer Arthrose zerstört wird, fehlen bestimmte Bestandteile wie Chondroitin, Proteoglykane, Kollagene oder auch Glucosamin. In einer gesunden Ernährung sollten diese Substanzen normalerweise enthalten sein und dem Knorpel für Reparaturmechanismen zur Verfügung stehen. Bei Mangelerscheinungen durch einseitige Ernährungsweise oder durch nachlassende Resorptionsfähigkeit des Darms im Alter kann eine zusätzliche Zufuhr von diesen Stoffen sinnvoll sein. Allerdings sollte man sich bei Präparaten informieren, woher die Produkte kommen. In der Schweiz sind die Kontrollen äusserst strikt. Bei ausländischen Produkten hingegen kann es aber durchaus sein, dass sie zusätzliche Substanzen beinhalten, die nicht deklariert und in der Schweiz verboten sind. Anders gelagert ist der Fall bei der Teufelskralle oder auch beim Hagebuttenextrakt. Dort handelt es sich um unbedenkliche und natürliche Entzündungshemmer und Schmerzmittel, die spezielle Stoffe enthalten, die zum Beispiel dem Aspirin sehr ähnlich sind.


Verwandte Links

www.alphaclinic.ch, www.drerggelet.ch

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