Anton Krupicka

«Laufen hat etwas Meditatives»

Im Interview gibt der 34-jährige US-Amerikaner Anton Krupicka Einblick in die Seele eines geborenen Ultraläufers.

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Anton Krupicka, Sie sind auf einer abgelegenen Farm in Nebraska aufgewachsen. Hat die Weite dieser Region den Drang in Ihnen geweckt, die Landschaften zu entdecken?

Schon möglich, jedenfalls bin ich schon als Kind stundenlang alleine durch die Natur gelaufen. Das war für mich aber weniger etwas Idealisiertes oder Romantisches. Laufen war für mich etwas Zählbares, das ich minutiös dokumentiert habe. Ich bin immer sehr strukturiert unterwegs gewesen. Bei meinen späteren Ultraläufen ging es dann natürlich auch um die Bildung einer eigenen Identität. Um Abenteuer und Emotionen. Aber als kleiner Junge wollte ich in erster Linie sehen, zu was ich körperlich in der Lage bin.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Ich war ein hochaktives Kind und erinnere mich, dass meine Eltern mal auf mich eingeredet haben, ich solle nicht immer wie ein «Kamikaze»unterwegs sein. Die nächste Teerstrasse war meilenweit entfernt. Ich war den ganzen Tag draussen, habe Bisonknochen gesammelt und Hütten gebaut. Am Ende war es aber absolut okay für sie, dass meine Energie in meine immer länger werdenden Läufe geflossen ist.

Und so haben Sie bereits mit zwölf Ihren ersten Marathon absolviert. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Für mich war es das Beste, was ich tun konnte. Ich war wie besessen davon, mich besonderen physischen Herausforderungen zu stellen. Und ein Marathon schien mir so etwas wie der «Gold Standard» des Laufens zu sein. Nachdem ich im Training einige Male mehr als 30 Kilometer gelaufen bin, wusste ich, dass ich bereit dafür war. 

Welchen Marathon wählten Sie aus, und wie ist es Ihnen gelaufen?

Es war der Okoboji Marathon im Nachbarstaat Iowa, ein paar Wochen vor meinem 13. Geburtstag. Es lief gut, ich schaffte die Strecke in 3:50 Stunden. Mehrere Stunden am Stück rennen zu können, rief in mir das Gefühl hervor, Superkräfte zu besitzen. Dieselbe Motivation trieb mich dann auf noch längere Strecken und zu Ultramarathons.

Mit 23 Jahren sind Sie schliesslich Laufprofi geworden.  Immer noch glücklich über die Berufswahl?

Oh ja ...! Ich bin seit zehn Jahren professioneller Outdoor-Athlet. Und ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dafür bezahlt werde, nach Lust und Laune durch die Berge zu rennen.

Was ist so schön daran?

Berge sind wild, sie haben etwas Dramatisches und wecken spezielle Emotionen. Das ist wahrscheinlich in jeder natürlichen Umgebung der Fall, aber Berge haben den Menschen schon immer als Inspirationsquelle gedient.

Die Natur inspiriert Sie zu extremen sportlichen Leistungen mit Läufen über mehr als 150 Kilometer. Was bedeutet  «extrem» für Sie?

Für mich ist grundsätzlich alles extrem, was ausserhalb meiner Komfortzone liegt. Wissenschaften wie Informatik oder Mathematik können ebenso extrem sein. Es gibt Dinge und Zusammenhänge, die ich nicht verstehe. Das ist extrem für mich. Und wenn sich Menschen wenig mit Ausdauersport beschäftigen, mag es ihnen vielleicht extrem vorkommen, wenn ich auf einen Berg gipfel renne oder 100 Meilen am Stück laufe.

Nach solchen Distanzen benötigt der Körper üblicherweise eine längere Regenerationsphase. Bei Ihnen häufen sich die strapaziösen Einheiten schon mal. Wie stecken Sie das weg?

Genau das ist der Punkt – ich muss es eben wegstecken. Erholung ist individuell und hat viel mit dem Training zu tun. Ich höre auf meinen Körper und nehme mir die Zeit, die ich benötige, um mich zu reparieren und gut zu fühlen.
«Für mich ist grundsätzlich  alles extrem, was ausserhalb  meiner Komfortzone liegt.»

Sie sind dafür bekannt, mit einem Minimum an Equipment zu laufen, oftmals auch ohne Shirt. Ist das eine spezielle Philosophie?

Oder sparen Sie einfach jedes Gramm, das möglich ist? Es geht um Komfort. Nichts weiter. Warum sollte ich ein Shirt tragen, wenn mir eh schon heiss ist? Und Equipment wie einen Trinkrucksack oder einen Haufen Gels mitzuschleppen, macht mir keinen Spass. Ich brauche nicht so viel. Also habe ich so wenig dabei wie möglich.
Was denken Sie, Stunde um Stunde, alleine dort draussen? So viel laufe ich gar nicht, meistens nur drei bis fünf Tage die Woche. Ehrlich gesagt, denke ich nicht grossartig nach. Ich konzentriere mich einfach auf die Strecke.

Wird das nicht langweilig?

Dafür ist die Natur doch viel zu schön! Ich werde vielleicht müde. Aber langweilig wird mir nie.

Sie sind meistens alleine unterwegs?

Ja, fast immer. Ich fühle mich einfach wohl mit mir. Während meiner Zeit an der High School und am College habe ich mal einige Jahre als Lifeguard gearbeitet. Da sitzt du stundenlang auf deinem Stuhl, hast nur ab und zu mal fünf Minuten etwas zu tun. Ansonsten hockst du da oben und hängst deinen Gedanken nach. Ich mag das. Laufen hat etwas Meditatives – und das funktioniert nur, wenn du alleine bist. In einer Gruppe zu laufen erhöht ausserdem die Wahrscheinlichkeit, dass du nicht in deinem Tempo und vielleicht länger oder kürzer läufst, als du eigentlich möchtest.

Sind Ultraläufer tendenziell eher egoistisch veranlagt und auch allgemein alleine unterwegs, oder suchen sie im Alltag vermehrt Gesellschaft?

Das ist sicher individuell und hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Ich selbst würde gerne noch näher an der Natur leben, als ich es ohnehin schon tue. Trotzdem ist auch mir ein soziales Netz wichtig. Generell werden Ultraläufer aber mit Sicherheit deshalb lange Läufe bestreiten, weil sie die Dinge gerne mit sich selbst ausmachen. Bei einem Ultrarennen geht jeder einzelne Teilnehmer an seine Grenzen, alles reduziert sich auf die Herausforderung, die vor dir liegt. Das Gefühl, nur gegen dich selbst anzutreten, bringt uns alle auf eine Ebene. Deshalb würde ich Ultraläufer nicht als Egoisten bezeichnen. Im Gegenteil, es gibt kaum Konkurrenzdenken, eher eine Art gefühlte Gemeinschaft. 

Würden Sie Ultratrail-Läufer als Anarchisten der Laufszene bezeichnen und Strassenläufer als die Konservativen?

Für mich bedeutet das Laufen auf Trails und in den Bergen eine Annäherung an einen primitiven Lebensstil. Und das Wort «primitiv» ist dabei durchaus positiv für mich besetzt, auch wenn andere sich vielleicht lieber als «minimalistisch» oder «authentisch» bezeichnen. Deshalb macht es für mich auch keinen Sinn, einen Pulsmesser, iPod oder eine GPS-Uhr mit mir rumzuschleppen. Ich verzichte auch gerne auf eine Strasse. Ob ich deshalb ein Anarchist bin, sollen andere entscheiden. Generell denke ich aber, dass es nicht hilfreich ist, jemanden in eine Schublade zu stecken. Läufer sind Läufer. Warum sollte ich diese Gruppe von Sportlern unterteilen?

Bestreiten Sie ab und zu auch Strassenläufe?

Nein, nach Möglichkeit laufe ich nicht auf der Strasse. Ein ebener Untergrund kann allerdings geeignet sein, um ab und zu mal eine Einheit mit höherer Intensität einzulegen.

Bei einem Rennen wie dem Leadville 100 müssen Sie alles geben. Was erhalten Sie  dafür zurück?

Schwere Beine. Authentische Emotionen. Und das Bewusstsein, mich einer schier unüberwindbaren Herausforderung gestellt zu haben, die ich dank meiner Standhaftigkeit meistern konnte. Das ist erfüllend.

Sie konnten dieses legendäre Rennen in Colorado gleich im ersten Anlauf 2006 gewinnen. War das geplant?

Auf das erste Rennen über 100 Meilen kann man sich mental nicht vorbereiten, weil man gar nicht weiss, was auf einen zukommt. Das ist aber gleichzeitig ein grosser Vorteil: Wenn man keine Ahnung hat, was man da macht, ist man auch nicht durch Erwartungen an einen selbst oder in bestimmten Grenzen limitiert. Diese Blauäugigkeit kann helfen, etwas Unerwartetes zu erreichen. Und so war es wohl möglich, dass ich als Erster ins Ziel gekommen bin.

Was machen Sie, wenn Ihr Körper Ihnen mitteilt, dass er  am Ende ist?

Ich bleibe stur und hart zu mir selbst. Schliesslich weiss ich, dass viel mehr in meinem Körper steckt, als er vielleicht zugeben mag. Gefühlte Erschöpfung ist kein massgeblicher Faktor. Je öfter du an diesem Punkt angelangt bist, desto einfacher wird es, ihn zu überwinden.

Und wenns läuft: Erleben Sie dann so etwas wie einen Flow?

Was man als «Flow» bezeichnet, ist wahrscheinlich der Grund, warum ich Sport treibe. Es ist ein Gefühl von totaler Integration zwischen deinem Körper, deiner Seele – und dem, was dich umgibt. Es ist die perfekte Verflechtung von Herausforderung und Fähigkeit. Du fühlst dich wie ein Held. Und in diesem Moment, in deinem Universum, bist du auch ein Held.

Sind das besonders klare Momente, weil man die eigene  Existenz auf so etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb reduziert?

Wenn du mehrere Stunden am Stück rennst, auf dem Rad sitzt oder auf einen Gipfel kletterst, dann ist das mit Sicherheit so. Irgendwann ist alles in seine Einzelteile zerlegt, wirkt elementar. Plötzlich hat jeder Moment die Intensität und das Potenzial, für immer bei dir zu sein. Das sind in meinen Augen unschätzbar wertvolle Erfahrungen.

Warum halten sich die meisten Menschen in unserer Gesellschaft dennoch lieber in ihrer Komfortzone auf,anstatt öfter mal eine neue Herausforderung zu suchen?

Komfort fühlt sich eben gut an. Und die eigene Trägheit übt eine grosse Kraft auf uns aus. Das Überwinden dieser Trägheit bietet uns aber gleichzeitig die Möglichkeit, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Wir erfahren ein grösseres Spektrum an Emotionen. Ich denke, dass einen solche Erfahrungen und Gefühle zu einer empathischeren Persönlichkeit machen können. Es ist doch ganz einfach: Ohne Herausforderung stagniert das Leben.

Haben Sie sich deshalb den Titel «Outdoor Ambassador»  verliehen? Weil Sie der Überzeugung sind, dass wir dort draussen viel lernen können und mehr Zeit im Freien  verbringen sollten?

In erster Linie bin ich der Meinung, dass es besser klingt als «arbeitslos». Irgendeine Berufsbezeichnung braucht man ja. Zweifellos bedeutet es aber auch, dass mir die Berge und unsere Natur sehr am Herzen liegen.

Eine letzte Frage an den Ultraläufer: Was ist Ihre Schwäche?

Besessenheit. Gelegentlich Disziplinlosigkeit. Und Zucker.

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