Abfallsünden im Sport

Kleine Vergehen, unselige Wirkung

Training und Wettkäpfe in der freien Natur verlangen vor allem eines, damit Sportler nicht als Abfallsünder auffallen: Achtsamkeit und Respekt.

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Leise klopft der Hungerast an die Magenwand. Ein Energy-Gel ist jetzt genau das Richtige, um die letzten Kilometer bis zur Passhöhe zu bewältigen. Also rasch den Beutel mit den Zähnen aufreissen, den süssen Inhalt einsaugen und dann weg mit dem klebrigen Papier-in die Weide, an den Strassenrand oder ins Bachtobel. Das Phänomen, das schon länger in vielen Schweizer Städten für rote Köpfe sorgt, hält immer mehr auch im Freizeitsport Einzug. Die Rede ist von «Littering», dem achtlosen Wegwerfen und Liegenlassen von Abfall. Grundsätzlich existieren im Ausdauersportbereich zwei Formen der «Abfallproduktion». Dem «legalen» Entsorgen von Abfällen im Wettkampf steht das «illegale» Deponieren von Müll bei Trainingseinheiten und im Freizeitsport in der freien Natur gegenüber. Wie viele Tonnen Abfall die einzelnen Ausdauersportanlässe hervorbringen, lässt sich nur in seltenen Fällen auf Punkt und Komma genau definieren. Beim Engadin Skimarathon weiss man, dass alle Teilnehmer zusammen am Renntag rund 3,3 t Abfall produzieren. Beim Zürich Triathlon und Ironman Switzerland (mit insgesamt rund 6000 Athleten) hat man noch exaktere Zahlen: Bei der Austragung 2009 fielen insgesamt 4,18 t Kehricht auf der Strecke und deren 7,86 t im Messegelände an. Und der Lucerne Marathon mit 8000 Teilnehmenden verursachte 2009 insgesamt ein Abfallvolumen von 3,8 t. Verglichen mit dem täglichen Siedlungsmüll von rund 1,9 kg, welcher ein Schweizer pro Tag produziert, sind die Abfallmengen an Sportanlässen verhältnismässig klein.

Die Trash Heroes räumen auf
In den letzten Jahren kamen bei verschiedenen Anlässen sogenannte «Trash Heroes» zum Einsatz. Das sind Helferpersonen, deren Aufgabe es ist, Müll zu beseitigen oder Athleten für die Littering-Problematik zu sensibilisieren. Angefangen hat es beim Lucerne Marathon. Velokuriere der Stadt fahren auf speziellen Rädern mit grossen Müllcontainern den Athleten hinterher und sammeln zusammen, was diese auf der Strecke fallen lassen. Beim Gigathlon und an der SOLA-Stafette werden Trash Heroes vor allem an den Zentralorten und in den Wechselzonen angestellt. Ihre Aufgabe besteht darin, den anfallenden Müll zu trennen und auf den Sinn und Zweck des korrekten Recyclings hinzuweisen. Was den einen die Trash Heroes, sind den anderen «normale» Helfer, die für den Abfall zuständig sind. Am Swissa lpine Marathon oder beim Nationalpark Bike Marathon laufen bzw. fahren die Verantwortlichen nach dem Wettkampf die ganze Strecke nochmals ab, um jeglichen Restmüll zu beseitigen. An manchen Anlässen erfüllt der Besenwagen seinen ursprünglichen Zweck und sammelt Liegengebliebenes auf der Strecke ein. Am Ironman Switzerland und Zürich Triathlon berappen die Verantwortlichen jeweils die städtische Reinigung mit einem Betrag von 15 000-20 000 Franken, um das Gelände zu säubern.

Sonderfall Verpflegungsposten
Fast alle Wettkämpfe im Ausdauersport weisen Verpflegungszonen auf. Auf diesen wenigen Metern, die in der Regel deutlich gekennzeichnet sind, ist es den Sportlern für einmal gestattet, Trinkbecher, Gel-Tuben und sonstige Abfälle hemmungslos auf den Boden zu werfen. Der Boden sieht in diesen Zonen jeweils entsprechend verunstaltet aus. Die Abfall-Equipen des Veranstalters oder die Verantwortlichen der Verpflegungsposten sorgen im Wettkampf oder im Anschluss daran jedoch schnell wieder dafür, dass sämtliche Abfälle beseitigt und entsorgt werden. So stellt Abfall in den Verpflegungszonen, auf der Wettkampf-Strecke oder im Start-und Zielgelände für die wenigsten Veranstalter ein Problem dar, weil es sich dabei um klar «kanalisierten» Müll handelt, dem man mit relativ geringen Mitteln Herr werden kann. Problematisch im Wettkampf ist jener Müll, der ausserhalb der markierten Zone weggeworfen wird. Wenn ein Athlet seinen halb vollen Bidon in voller Fahrt die Wiese hinab wirft oder eine Bikerin ihre klebrige Gel-Tube im Bachtobel am Trail entsorgt, dann erst fängt das eigentliche Littering an. Zwar sehen viele Wettkampf-Reglemente in diesem Falle Strafen oder sogar die Disqualifikation vor, doch weder am Gigathlon noch am Swissalpine Marathon oder am Ironman wurden Athleten je auf frischer Tat ertappt und gebüsst; zusammen mit der meist sauberen Strecke ein Zeichen, dass die Athleten sich mehrheitlich an diese Regeln halten.

Littering vor allem «optisches» Problem
Problematischer ist Littering im Freizeitsport, wenn Abfallreste in der Umgebung von Wanderwegen, Biketrails oder Langlaufloipen verstreut herumliegen. In der Schweiz kümmern sich Gemeindearbeiter, Wegmeister, Revierförster oder die Betreiber von Bergbahnen um die Sauberkeit an den Strecken. Die Suche nach konkreten Zahlen zur Wegwerfmentalität im Freizeitsport gestaltet sich aber schwierig. Revierförster Ruedi Zweifel aus Linthal schätzt, dass er pro Wandersaison rund zwei Kehrichtsäcke voll Restmüll einsammelt, betont aber: «Abfall von Wanderern und Bikern ist bei uns eigentlich kein Thema. Die Leute nehmen fast alles wieder mit.» Auch in den Tourismusregionen von Lenk im Simmental, Grindelwald, Gstaad, Rothenthurm und Lenzerheide geben sich Gemeindearbeiter und Bauern gleichermassen zufrieden. «Wanderer, Biker und Langläufer lassen bei uns praktisch nichts liegen», tönt es vielerorts. Etwas anders sieht die Situation in städtischen Gebieten aus. Die Revierförster von Zürichberg und Uetliberg beklagen einen Anstieg von Abfall auf Wanderwegen und Biketrails. «Das hat aber auch mit den steigenden Besucherzahlen zu tun», schätzt Willy Spörri, Revierförster des Waldreviers Uetliberg, die Situation ein. Einmal im Jahr werden Schulklassen aufgeboten, um die Wald-und Bikewege zu säubern. Auch wenn sich in der Natur ab und zu Bidons, einzelne Teller von Langlaufstöcken, Verpackungsmaterial, Bananenschalen oder Taschentücher von Freizeitsportlern finden, so ist Florian Erzinger vom Bundesamt für Umwelt überzeugt: «Diese Mengen stellen punkto Umwelttoxikologie kein grosses Problem dar, die Natur kann auf Selbstreinigungsprozesse zurückgreifen. Der in der Natur ‹entsorgte› Abfall stellt dennoch einen ernst zu nehmenden Konflikt bei der Nutzung öffentlicher Umweltressourcen wie schöner, unverschmutzter Landschaft oder angenehmer, sauberer Freizeitzonen dar.» Obwohl einzelne Stoffe je nach Untergrund, auf dem sie weggeschmissen werden, eine sehr lange Halbwertszeit haben, ist Littering nicht primär ein Umweltproblem. Florian Erzinger: «Eine PETFlasche oder ein Verpackungspapierchen, das in den Bergen weggeschmissen wird, landet je nach physikalischem Verhalten der Fliessgewässer entweder im Rechen eines Fliesswasser-Kraftwerks oder wird sedimentiert.»

Abfall zieht Abfall an
Littering ist in den Augen der Experten vor allem ein optisches und ein gesellschaftliches Problem. Schon sehr wenig Abfallfetzen richten einen grossen optischen Schaden an. Und je mehr der öffentliche Raum verwahrlost, desto geringer die Hemmschwelle, selber auch noch Müll liegen zu lassen. «Abfall zieht Abfall an», lautet eine gängige Regel. Abfall, den Biker, Wanderer, Langläufer oder andere Freizeitsportler achtlos in der Natur liegen lassen, zeugt aber nicht nur von Respektlosigkeit, sondern kann im Extremfall auch Tier und Umwelt schaden. Kleine Metallteile einer Getränke-Dose beispielsweise können zu inneren Verletzungen bei Kühen führen. Verpackungsmaterial von Riegel und Gel-Beutel, die eine Kuh beim Grasen aufnimmt, können Verdauungsbeschwerden auslösen. Und insbesondere bei Zigaretten-Stummeln besteht die Gefahr, dass Fische und andere aquatische Lebewesen diese aufnehmen und dadurch geschädigt werden.

Was Zu Hause stört, stört auch im Park
«Was im Wohnzimmer stört, stört auch im Park», heisst eine bekannte Plakatserie der «IG für eine saubere Umwelt». Wer sich also nicht gerne durch Müllberge bewegt, soll auch selber dafür sorgen, keinen Dreck zu hinterlassen. Im Gebirge bedeutet dies: Sämtlichen Abfall wieder mitnehmen und im besten Fall zu Hause fachgerecht entsorgen. Für Ausdauersportler, die gerne in der schönen Natur unterwegs sind, sollte dieses Verhalten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.