Strassensperrungen für Velofahrer kaum möglich

Die Schweiz verliert den Anschluss

Einige der schönsten und berühmtesten Strassenpässe der Welt befinden sich in der Schweiz. Diese ab und zu ausschliesslich lautlosen Zweiradfahrern zur Verfügung zu stellen, scheint aber ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

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Wenn beim Radsportevent Mallorca312 der Startschuss ertönt und die 8000 Teilnehmer – darunter 6000 Ausländer aus 60 Ländern – Hunderte von Kilometern unter ihre Räder nehmen, scheint die Freiheit grenzenlos. Grenzenlos, weil die ganze Strecke grossflächig vom Autoverkehr abgesperrt ist. Nicht eine einzelne Fahrspur, nein, die ganze Strasse, komplett, überall, den ganzen Tag lang.

Eine komplette Gebirgsregion, die sonst tagtäglich von Töffkolonnen, Mietautos und Touristenbussen vereinnahmt ist, wird einfach dicht gemacht, ist fröhlichen und keuchenden Sportlern vorbehalten, die in den Kehren nichts ausser ihren eigenen Atem hören und die fantastischen Ausblicke geniessen. Unglaubliche 312 Kilometer weit, weiter als von Zürich nach Genf – eine logistische Meisterleistung! Andere Länder machen es vor Auch in Italien werden gegen 30 Tage pro Jahr einzelne Pässe abgeriegelt, in Frankreich gar etwa 90 Tage. Pässefahren ist im Radsport die Königsdisziplin, und freie Pässe ziehen die Gümmeler an wie die Motten das Licht. Und in der Schweiz? «Da sind Strassensperrungen praktisch ein Ding der Unmöglichkeit», sagt Michael Schild, OK-Chef des legendären Alpenbrevets, mit 2500 Teilnehmern das grösste Volksradrennen in der Schweiz. «In Italien werden bei Volksradrennen die Strassen abgesperrt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. In der Schweiz hingegen ist der Gang durch die Institutionen und der Kampf um Bewilligungen ein Spiessrutenlauf, der praktisch nie zum Erfolg führt.»

Woran das liegt? «Es fühlt sich niemand wirklich zuständig», sagt Michael Schild. «Die Polizei könnte zwar sperren, sieht das aber nicht als ihren Auftrag an. Zudem kosten Sperrungen Geld.» Und die Politik, die Sperrungen vorgeben könnte, interessiere sich zu wenig dafür, «obwohl es grundsätzlich eine politische Sache ist», so Schild. «Niemand will sich in die Nesseln setzen und Proteste riskieren, die bei Strassensperrungen durch alle möglichen Betroffenen unweigerlich aufkommen, weil die Restaurants befürchten, weniger Schnitzel-Pommes Frites zu verkaufen oder irgendwo die Hofabfuhr oder das Postauto nicht mehr durchkommen.»

Der Macher des Alpenbrevets sieht durch die mangelnde Unterstützung viel Potenzial brachliegen: «Wenn über 7000 Velofahrer aus der ganzen Welt fürs Alpenbrevet anreisen – und das wäre bei einer Strassensperrung durchaus realistisch – müssten doch sowohl die Gastronomie, Gemeinden wie auch die Tourismusvereine Interesse daran haben, dies zu realisieren. Für den Motorverkehr gesperrte Strassen würden wie ein Booster wirken», ist Schild überzeugt.

Die Zahlen aus dem Ausland geben ihm Recht. Mallorca312 ist trotz erst zehnjähriger Existenz mittlerweile nach wenigen Tagen Ausschreibung ausgebucht. Und beim Maratona dles Dolomites bewerben sich jedes Jahr über 30 000 Gümmeler für einen der begehrten Startplätze…

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