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Startschuss: Auf Shoppingtour mit Midi Gottet

Mein Freund und Bühnenpartner Helmi Sigg ist in die Jahre gekommen: 55, um genau zu sein. Und - er möchte noch älter werden. Doch nicht nur seine Erwartungen in die Zukunft sind hoch, sondern auch sein Gewicht, sein Stresspegel und sein Cholesterinspiegel. Eine Kombination, die schneller zum Herzinfarkt führt, als man «Bewegungsmangel dank überdimensionierter DVD-Sammlung» sagen kann. Nachdem Helmis Hausarzt den Cholesterin-Test wie eine Trophäe an die Pinnwand hängte (da die Werterekordverdächtig hoch sind), entschloss sich Helmi, dem Teufel nochmals vom Karren zu gumpen - und begann zu joggen.

Erst eine Viertel-, dann eine halbe Stunde und jetzt 45 Minuten und das vier Mal die Woche. Es ist ein steiles Stück, sich in so kurzer Zeit vom Couch-Potato zu Forrest Gump zu entwickeln, nicht intellektuell betrachtet, sondern rein körperlich. Bei dieser plötzlichen «Ich will nicht sterben-Joggerei» war es auch nicht verwunderlich, dass Helmi bald über Gelenkschmerzen klagte. Clever kombinierte er, dass seine alten Converse schuld daran sein könnten. «Du schreibst doch für dieses Sportheftli da. Was meinst du, sind die Converse das Problem?», fragte er mich. «Nein, die Converse sind okay», antwortete ich Augen rollend: «Schuld an deinen Schmerzen ist die Tatsache, dass du in Schuhen mit flachen, harten Gummisohlen durch die Gegend hüpfst. Du brauchst einen richtigen Laufschuh, mit Dämpfung und so.»

Mit dieser Antwort qualifizierte ich mich in Helmis naiven Neusportleraugen sofort zum Laufschuh-Experten und wurde von ihm dazu gedrängt, ihn beim Sportschuhkauf zu begleiten. Unter uns, ich verstehe vom Laufsport etwa so viel wie Forrest Gump vom Schachspielen, aber die Rolle des kompetenten Beraters gefiel mir irgendwie, also nahm ich Helmi an der Hand und entführte ihn in die «World of Sports» im Jelmoli. Als wären wir gerade aus einer Zeitmaschine gestiegen, betrachteten wir diese unglaubliche Vielfalt an Turnschuhen.

Ein junger Verkäufer kam motiviert auf uns zu: «Meine Herren, was kann ich für Sie tun?» «Sie können mir eine Fussmassage geben», antwortete ich, «aber eigentlich sind wir hier, um ein Paar Laufschuhe für den alten Knaben zu kaufen.» Nachdem der Verkäufer die Situation gekonnt weggelächelt hatte, zeigte er uns, was der Markt so alles zu bieten hat. Er erklärte, dass jede Marke ihre eigene Dämpfungsmethode entwickelt hat und auch dabei bleibt, was ich persönlich etwas stur finde. «Asics» arbeitet mit Gel, «Brooks» benützt den Hydroflow, eine Art Flüssig-Gel, «New Balance» favorisiert Abzorb, Nike setzt auf Luft oder Shox und Puma hält Cell für die beste Lösung. «Cell ist nichts für dich Helmi», warf ich kurz ein, um meine Beraterposition nicht vollends an den wortgewandten Verkäufer zu verlieren. «Cell erinnert dich an Bienenwaben und Bienenwaben erinnern dich an Honig und Honig erinnert dich an Honigbrot und auf einem Honigbrot hat es immer Butter und Butter bringt dich um.» Der Verkäufer merkte, dass dies ein schwieriges Verkaufsgespräch werden würde. Helmi quittierte nickend: «Stimmt, Cell ist glaube ich nichts für mich. Und übrigens, habe ich Ihnen schon erzählt, dass ich einen Senkfuss habe?»

  • Vom Turnschuh...Copyright: Thinkstock.com

  • ... zum Running ShoeCopyright: Adidas

Während Helmi den armen Verkäufer mit seiner Vergangenheit als Kind mit orthopädischen Einlagen zutextete, überflog ich kurz «Das kleine Einmal eins der Biomechanik», eine Broschüre, die da so rumlag und versuchte mich gleich als Experte ins Gespräch einzubringen:«Was Helmi Ihnen mit dieser langen Geschichte eigentlich sagen will ist, dass er durch die partielle Kollabierung seines Mittelfussgewölbes höchstwahrscheinlich zu einer leichten Überpronation tendiert.» Der Ausdruck im Gesicht des perplexen Verkäufers sagte mir, dass diese Aussage ihn, im Gegensatz zur Butter-Geschichte, tatsächlich beeindruckte. Er konterte: «Na, dann wollen wir mal eine Bewegungsanalyse auf dem Laufband machen, um zu sehen, Sie ob sie recht haben.» Es versprach doch noch ein spannender Nachmittag zu werden.

Nachdem der Verkäufer alle Daten ausgewertet hatte, holte er zum Schlussplädoyer aus: «Also, entgegen Ihrer Prognose, dass Ihr Freund Helmi ein Überpronierer sei, zeigt sich, dass er trotz Senkfuss nicht überproniert, sondern leicht supiniert, und zwar mit einer Bein-Achsen-Stellung von 0, 9 Grad Varus, einem Achillessehnen-Winkel von 3 Grad Valgus und einem Fersen-Boden-Winkel von 4 Grad Varus.» Genervt nahm ich den Hobby-Einstein zur Seite und sagte mit gedämpfter Stimme: «Okay, Sie haben gewonnen, ich habe kein Wort verstanden, sind Sie jetzt zufrieden? Alles was ich will, ist ein Laufschuh, bei dem der alte Herr nach zehn Kilometern nicht gleich einen offenen Beckenbruch davonträgt. Können Sie uns so was verkaufen, Sie aufgeblasener Windbeutel?!» Er konnte.

Helmi hatte schlussendlich den «Asics Trabucco WR» für 229 Franken plus ein Paar Spezialsocken von Falke für 24 Franken, die sogar mit «Rechts» und «Links» gekennzeichnet sind, unter dem Arm. Kaum waren wir draussen, schnürte sich Helmi seine neuen High-End-Treter an seine Senkfüsse und joggte im Abendrot dem Horizont entgegen.

«Run Forrest, run!», rief ich ihm lachend hinterher. Jetztwird es wohl noch ein paar Jahre mehr dauern bis der Teufel ihn kriegt.

Text: Midi Gottet (FfL 4/2007). Midi Gottet ist Standup-Comedian, Kolumnist und Schauspieler und strapaziert in seinen Kolumnen regelmässig die Lachmuskeln der FIT for LIFE-Leser.