Gesellschaft und Umwelt

Startschuss: Work-Life-Balance im Fokus

Arbeiten, Privatleben, Schlaf: Diese drei Hauptbereiche dominieren unser Leben. Nimmt ein Bereich überhand, muss ein anderer zwangsläufig einstecken, denn ein Tag hat nur 24 Stunden. Von der Schwierigkeit zu wissen, was wir tun und lassen sollten.

Wir Durchschnittssportler haben es nicht immer einfach im Sport. Im Gegensatz zu Usain Bolt und Co. sind wir alle keine Laufprofis, die sich ausschliesslich auf ihr Training, die Erholung und ihre sportliche Performance konzentrieren können. Unsere Hauptaufgaben liegen vielmehr darin, am Arbeitsplatz während 8-10 Stunden pro Tag oder in der Familie mit noch mehr Aufwand, verantwortungsvolle Aufgaben zu erfüllen und den verschiedensten Bedürfnissen gerecht zu werden. Das Organisieren der täglichen Sportzeit wird zu einer echten Herausforderung. So kann es durchaus passieren, dass sich einige Menschen - insbesondere im Job sehr leistungsorientierte Personen - mit dem Sport nicht den gewünschten nötigen Ausgleich schaffen, sondern ein neues Stressfeld eröffnen, ganz nach dem Motto: Das muss auch noch sein, das schaffe ich auch noch, dann halt einfach kürzer - und dafür schneller. Kaum erstaunlich, dass solche Trainingseinheiten langfristig aus energetischer Betrachtungsweise wenig bringen. Doch wer gibt schon gerne zu, dass er am Anschlag ist und die Zeit gar nicht für alle Ansprüche ausreicht? Also, Hand aufs Herz, wie viel persönliche Eigenzeit bleibt Ihnen am Ende eines normalen Tages? Rechnet man Arbeit, Arbeitsweg, Mahlzeiten, Staus im Verkehr und am PC, Kinderbetreuung, Administratives und ein paar ineffiziente Momente zusammen, bleiben den meisten wohl nur noch gerade eine, höchstens zwei Stunden übrig. Und diese dann wirklich noch für den Sport einsetzen?

Work-Life-Sleep: dreimal ein Drittel?
Die Krake «Work» ist in unserer Leistungsgesellschaft jedenfalls ziemlich gefrässig und frisst den anderen Bereichen «Life» und «Sleep», die in einem einfachen und ausgewogenen Modell auch gerne je einen Drittel der 24 Stunden beanspruchen würden (und auch sollten), einen Grossteil weg. Nun, was können wir dagegen tun? Wie schaffen wir es, das Gleichgewicht einigermassen herzustellen, den Ausgleich zu finden? Eigentlich wissen wir alle, dass Leistungssteigerung an einem Ort irgendwo immer mit Knappheit an einem anderen Ort erbracht werden muss. Schliesslich sind wir keine Computerchips, deren Prozessorleistung beinahe jedes Quartal verdoppelt werden kann. Organisches wächst immer noch nach eigenen Zyklen. Am Gras ziehen, damit es schneller wächst, funktioniert nicht.

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  • Höchstes Gut GesundheitCopyright: Thinkstock.com

  • Boiled Frog Syndrom?Copyright: Thinkstock.com

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Realistisch betrachtet funktioniert deshalb eigentlich nur eines: Ansprüche senken - und zwar sowohl auf der Seite der Leistungserbringung wie auch auf der Seite des Konsums. Tönt ja wie Steinzeit - nein, danke! Freuen wir uns doch am enormen Wohlstand, an der Superqualität, die wir täglich leisten und serviert bekommen, oder? Ansprüche senken könnte auch heissen, sich einmal in aller Ruhe ganz ehrlich zu fragen: Bin ich in Balance? Gefällt mir mein LebensLauf so, wie er ist? Bin ich wirklich fit for life, fit fürs Leben? «To fit», heisst ja wörtlich übersetzt «passen». Passt mir mein Leben, so wie es ist? Oder falle ich den täglichen Verführungen zum Opfer? Kann ich den Ansprüchen wie Arbeit, Kinderfahrdienst, Frühenglisch, Frühgitarre, Frühtennis, Haushalt, Einkauf, Schulvorstand, diesem Lifestyle, diesem Outfit, diesem Auto, dieser Technikentwicklung, den modernen Kommunikationsmitteln und auch den inneren Ansprüchen nur mit regelmässigen 60h-Arbeitswochen genügen? Bin ich mit 20% Körperfett zu dick? Oder muss ich einen Marathon gelaufen sein, um mitreden zu können?
Manchmal ist es schwierig, sich in der Hektik des Alltags so grundsätzliche Fragen zu stellen und man fragt sich dumpf, ob der zunehmende Stress vielleicht dereinst ein ernsthaftes Problem werden könnte - oder bereits eines ist? In der Tat ist es so, dass zwar 80% der arbeitenden Bevölkerung in der Schweiz über Stress klagten, dass davon aber 75% das Gefühl haben, sie hätten ihn «im Griff». Nur, die Gesundheitskosten dieser Gruppe sind viermal höher als diejenigen der Stressfreien. Kunst ist es also, sich seiner Stresslage wirklich bewusst zu werden, was offenbar für einen Grossteil der Bevölkerung gar nicht so einfach ist.

Boiled Frog Syndrom
Unsere Leistungsgesellschaft gebiert das «Boiled Frog Syndrom»: der Frosch, in heisses Wasser geworfen, springt sofort raus. In kaltem Wasser aber, langsam erhitzt, spürt er die Veränderung zu wenig, bis es zu spät ist. Wie auf der Autobahn, wo wir erst an der Baustelle mit 80 km/h merken, dass wir vorher mit 140 km/h viel schneller - zu schnell - unterwegs waren. Schnell gewöhnt sich der Mensch an äussere Umstände. Das ist unsere grosse Stärke, kann uns aber auch zum Stolperstein werden. Denn, bei welchem Tropfen ins Fass sagen Sie «Stopp!»? Es ist in der Hektik des Alltags viel leichter passiert, dass man diese kleine Aufgabe auch noch übernimmt, dieses Mail auch noch schnell beantwortet und sich dann dafür mit Café, Sandwiches, Alkohol, Zigaretten und Fernsehen eindeckt. Die Folgen kennen wir in Zahlen oder erleben sie vielleicht am eigenen Leib: Probleme mit dem Herz, Blutdruckwerten, Cholesterin, Rücken, Magen, Verdauung. Übergewicht, Schlafmangel und depressive Verstimmungen sind die Folge. Objektivierende Massnahmen könnten helfen, früh genug einzuhaken, damit die Gesundheit langfristig keinen Schaden nimmt. Kurzfristig oder in jungen Jahren kann ein erhöhtes Pensum auf Kosten der Gesundheit durchaus erbracht werden, langfristig geht diese Rechnung aber nicht auf. Die Balance persönlicher Ressourcen muss wieder hergestellt werden, sonst ist der «Tank» irgendwann leer. Es drohen ernste körperliche Schäden, innerer Rückzug, Resignation, Burnout.

Umgang mit unserem höchsten Gut «Gesundheit»
Prävention heisst also, dass man die anstehenden Aufgaben nicht auf Kosten, sondern auf der Grundlage der Gesundheit und eines ausbalancierten Lebensstils erfüllen kann. Prävention heisst, den stressbedingten Energieabfluss zu Gunsten der Gesundheit wieder auszugleichen. Leistung soll im Zusammenspiel mit der Gesundheit erbracht werden. Interessanterweise kümmern wir uns um unsere Gesundheit häufig wenig aktiv. Sie wird als stille Ressource betrachtet, die einen hoffentlich schmerzlos durchs Leben trägt. Dies erstaunt, denn eine gute Gesundheit wird in allen Bevölkerungsschichten als höchstes Gut bewertet. Dafür sichern wir unsere materiellen Bedürfnisse mit mindestens drei Säulen weit im Voraus ab...
Die Gesundheit ist der ideale «Seismograf» für Ihre persönliche Work-Life-Balance. Überprüfen Sie dazu Ihre körperliche, psychische und soziale Verfassung von Zeit zu Zeit. Manchmal bedeutet weniger (Sport) sogar mehr (Lebensqualität).

Text: Marcel Bischoff (FfL 3/2005). Dr. Marcel Bischoff ist Sportwissenschafter, Coach und Seminartrainer.