Eile mit Weile auf dem Weg an den Lucerne Marathon
Roger Gysi
Am Ende landen alle auf dem Ziel-Feld
Wir alle haben die Bilder von Viktor Röthlin noch im Kopf, wie er mit scheinbarer Leichtigkeit den EM-Marathon in Barcelona absolviert. Unbeirrt und zielstrebig läuft er ab Kilometer 28 den anderen davon und nimmt ihnen mit jedem Kilometer ein paar Sekunden ab. Am Ende läuft er jubelnd im Ziel ein und ist Europameister. Ich habe sie, und ich weiss, jeder Läufer hat sie: Diese Bilder im Kopf, wenn im Training der Sauerstoff restlos für die Beine benötigt wird und alles oberhalb der Gürtellinie nur noch auf Notprogramm läuft. In dem Moment, wo wir eigentlich erschöpft sein müssten, aber unser Körper genügend Endorphine produziert, um problemlos bis zur Feuerlandmitte zu laufen. Genau dann kommen diese Bilder hoch – mit der Ausnahme, dass der Läufer nicht Viktor Röthlin ist, sondern Ich selbst.
Ja, ich gebe es zu, manchmal sehe ich mich ich ins Ziel einlaufen. Das einzige, was vor mir ist, ist ein Band auf welchem «Finish» steht, dahinter warten schon die Reporter. Es ist wie im Traum. Nein, es ist nicht wie im Traum, es ist ein Traum, einer, der mir das sogenannte Runners High beschert und den ich gerne träume.
Es ist jedoch eine Tatsache, dass ich und ca. 98% aller Teilnehmer eines Marathons nie das echte Finish-Band anheben werden, keine Reporter da sind, um uns zu befragen und selbst der Gedanke, an die Dopingkontrolle gehen zu müssen, uns ehrt. Für Aussenstehende ist es umso schwieriger zu verstehen, worin die Motivation besteht, einen Marathon zu laufen.
Ein Marathon ist wie das Gesellschaftsspiel «Eile mit Weile». Am Anfang starten alle auf der gleichen Ebene, wobei der Anfang nicht der Start des Marathons ist, sondern schon viel früher mit dem Training beginnt. Vom Start weg läuft es meistens gut, die ersten Hürden werden übersprungen und die ersten Muskelkater gehen vorbei. Dann, irgendwo auf der zweiten Linie, kommt der Punkt, an dem man eine Runde aussetzen muss, das Training scheint einen nicht mehr weiter zu bringen und man beginnt die Sinn-Frage zu stellen. Nach zwei, drei Würfen läuft es dann jedoch schon besser und es geht voran, dennoch sind weitere Stufen zu erreichen. Die Leiter nach oben, der erste 10-km-Testwettkampf verläuft super und man konnte ihn sogar zwei Minuten schneller beenden als erhofft. So geht es weiter, gelegentlich wird man überholt, fällt zurück, kommt wieder hoch, das Auf und Ab im schnellen Dauerlauf wird 1:1 durchgespielt.
Genau in diesen Dauerläufen kommen die oben sinnierten Gedanken zum Zuge, wir brauchen diese als mentale Stützen, die uns vorantreiben und uns beschützen, wenn wir auch mal die Leiter runter müssen. Eines ist gewiss: Der nächste Aufstieg kommt bestimmt. Wie bei unserem Würfelspiel ist das Wichtigste nicht eine grösstmögliche Punktzahl zu erzielen, sondern immer die richtige «Dosis» zu finden und nicht aufzugeben – um am Ende auf dem Feld zu sein, das vor dem «Himmel» steht.
Nun braucht es nur noch eine Eins. Diese Eins ist 42,195 Kilometer lang und dauert zwischen 2:08:20 und ca. 5 Stunden, es wird die am Härtesten erarbeitete Eins sein. Doch wenn am Ende der Würfel aufhört zu drehen, wenn er mit einem sanften Klang zum Stehen kommt, befindet Ihr euch auf den letzten Metern. Geniesst den Moment, schliesst die Augen und hebt das Band hoch, euer Band. Der Kreis hat sich geschlossen. Ihr seid in der Live-Übertragung, Ihr habt gewonnen. Also los: «Let’s play a game!» Ich habe vor drei Wochen mit der Eile mit Weile-Version «Lucerne Marathon» begonnen und bin gespannt, was alles für Überraschungen auf mich zukommen.

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