Trail Verbier St. Bernard – der Erlebnisbericht von Richard Hofer
Redaktion FIT for LIFE
Ein stetes Auf und Ab der Höhenmeter und Gefühle
Es ist verdammt früh am Morgen (05.00 Uhr um genau zu sein), es ist einigermassen kühl (im Grunde gar nicht schlecht für einen Berglauf) und ich habe keinen Schimmer, auf was ich mich da genau eingelassen habe! «Trail Verbier St-Bernard» lautet die Chose und bezeichnet sich als «längster Ultra Trail ganz auf Schweizer Boden». Wenn das mal gut geht! 110 Laufkilometer und 6900 Höhenmeter warten auf mich und andere Verrückte, welche an einem Samstagmorgen nichts Besseres zu tun wissen als durch die schönen Walliser Berge zu hetzen.
Wie dem auch sei, die Ausrüstung (u.a. lange Laufhose, Regenschutz, Wasser und Verpflegung), welche jede und jeder mitzuführen hat, wurde am Vorabend anlässlich der Startnummernausgabe durch die Veranstalter bereits akribisch kontrolliert. Und es sollte sich im Laufe des Tages noch zeigen, dass dies auch absolut korrekt ist so. Ein Berglauf ist schliesslich nichts für Bahnläufer…!
Nach der französisch und deutsch gehaltenen Ansage, welche uns trotz Schnee in den höhern Lagen viel Spass wünscht, werden die Schranken beiseite geschoben und los geht’s; die Stirnlampe leuchtet uns den Weg aus der Walliser Skisportdestination Verbier hoch zur «Pierre Avoi» und über die Croix de Coeur auf gut 2174 m ü.M. Ich unterhalte mich unterwegs mit einem Finnen, der extra aus Helsinki angereist ist, um sich hier zu quälen. Unglaublich! Der Finne erzählt mir, dass er auch regelmässig den K78 in Davos absolviere. Berge kenne er in seiner Heimat nicht, dafür sei das Lauftraining im Schnee sehr effizient.
Dass ich im Schnee jeweils vor allem effizient an den Allerwertesten friere sage ich ihm nicht, ich will unsern Gast aus dem hohen Norden ja nicht beleidigen. Nach rund 10 Kilometern dann die erste Verpflegungsstation. Hier gibt’s nebst Wasser und Riegeln auch bereits Cola – das OK vom Swissalpine könnte sich hier eine dicke Scheibe abschneiden. Nun, bis hier ging’s ja richtig flott und so halte ich mich nicht lange am Fressbarren auf – der Berg ruft! Um die «Pierre Avoi» und über den Col du Lein erreichen wir schliesslich Sembrancher, mit 720 m ü.M. auch der tiefste Punkt des Rennens. Physisch und mental ist der aber noch in weiter Ferne und so darf man sich getrost auf die nächste Verpflegung in Champex freuen.

Geht locker hoch denke ich, um unterwegs festzustellen, dass sich das verdammte Ding zieht! Die Schritte werden auf der steilen Schlussrampe merklich langsamer, um ehrlich zu sein habe ich längst aufgehört wirklich zu laufen. Man darf allenfalls von Powerwalking reden. Aber ich lebe noch und so freue ich mich über die angebotene Bouillon, die ich dankbar verputze. Auch die Schokolade auf den liebevoll angerichteten Tellern lacht mich ständig an und wen interessieren an solch einem Lauf schon die Kalorien. Her damit und gleich noch ein Täfeli verschwindet im knurrenden Magen.
Nachdem der bereits leere Trinkrucksack nachgefüllt ist, geht’s auf die nächste Etappe. Bis hierher sind’s immerhin 2434 Höhenmeter rauf und 2448 wieder runter. Das fährt in die Schenkel. Ein bisschen mehr Bergtraining vorher wäre bestimmt nicht schlecht gewesen. Nicht, dass ich zu jenen gehöre welche sich tendenziell überschätzen, dafür aber leider zu denen, die sich jeweils nicht ganz optimal vorbereiten. Und so ist mir nicht einmal bewusst, wo und wann die nächste Steigung folgt, geschweige denn wieviele Höhenmeter noch vor mir liegen.
Nun, erst mal führt der Trail runter nach Issert und durch’s wilde Val Ferret, bevor die nächsten Kilometer bis La Fouly wieder eine gewisse Steigung aufweisen. Ich muss gestehen, ich bin bereits etwas geschafft. Die Sonne brennt unerbittlich. Ich will gar nicht wissen, wie hoch die Temperatur ist. Aber über dreissig Grad sind es mit Sicherheit. Arm dran, wer seinen Getränkevorrat nicht rechtzeitig aufgefüllt hat. Meiner geht weit vor La Fouly zur Neige. Ich weiss nicht warum, aber in diesem Moment kommt mir der Gute Midi Gottet in den Sinn. Der macht doch angeblich auch immer solche Sachen, die ihn etwas überfordern? Ja nun – es gibt kein Zurück mehr!
«Bin doch kein Bahnläufer», sage ich mir. Und dann überholt mich noch Grossmutter! Sie heisst Yvette Durgnat, ist 64 Jahre alt und Tieffliegen gehört offenbar zu ihren Hobbies. Wir unterhalten uns kurz, dann ist sie weg. Tatsächlich wird sie die Boucle (zu Deutsch «Schleife») in unglaublichen 22:49:43 und auf Rang 69 der Gesamtrangliste beenden. Irgendwie schaffe auch ich es bis La Fouly. Weitere 600 Höhenmeter rauf und 500 runter liegen hinter mir. Ich fühle mich gelinde gesagt nicht mehr ganz frisch. Es gäbe ein wüsteres Wort für meinen körperlichen Zustand. Trotzdem schaffe ich bis zum Festzelt einen Endspurt als wär das Rennen gleich vorüber. Es gibt Futter, das ist Motivation genug! Ich muss mich erst Mal hinhocken. Erholen. Verdammt, sowas kannte ich bisher nicht wirklich.
Klar war ich schon nach dem ein oder andern Rennen etwas strapaziert. Aber so? Nach nicht mal der Hälfte des Rennens? Bis hierher sind es knapp fünfzig Kilometer. Zum Glück ist mir das in diesem Moment nicht bewusst. Ich stärke mich. Wohl fast eine halbe Stunde bleibe ich in La Fouly, dann wage ich es erneut. Ist ja nur der Col de Fenétre, der da auf mich wartet.
2698 m ü.M. Lausige 11 Kilometer und 1100 Höhenmeter von hier! Eine kleine Erhebung inmitten der Walliser Alpen! Eine Bodenwelle! Also los von Rom! Schon nach recht kurzer Zeit schaut’s aus, als wär man gleich oben. Ich lasse eine Bemerkung in dieser Art fallen, worauf der Läufer hinter mir auf Französisch meint «non non, encore des 400 m de dénivelation». Gott, lass es gut sein! Überflüssigerweise setzt nun noch ein penetranter Dauerregen ein. Das Überstreifen der Regenjacke lässt sich nicht länger vermeiden. Nur passt sie leider nicht über den Rucksack. Macht nichts. Ausser der Ersatzwäsche ist ja schliesslich alles Wasserdicht. Ich bezwinge diesen verdammten Pass tatsächlich einigermassen unbeschadet und so darf ich mich auf die Köter vom Grossen Sankt Bernhard freuen.
Deren feuchte Schnauze wird mich bestimmt hoch zum Col des Cheveaux – mit 2714 m ü.M. der höchste Punkt des Rennens – katapultieren. Auf dem Grossen Sankt Bernhard herrscht dann der wahre Touristentrubel. Um die possierlichen Tierchen, welche hier ursprünglich von den Augustiner-Chorherren gezüchtet wurden, (heute übernimmt diese Aufgabe die «Fondation Barry»), zu besuchen, wird schnöder Mammon verlangt. Ich verzichte. Ich brauche eine Bouillon. Salz ist wichtig auf so einer Strecke. Dann ziehe ich weiter. Der Pass der Pferde wartet. Wäre Tierquälerei diese Viecher hier hochzujagen.
Der Aufstieg gelingt mir aber erstaunlich locker. Oben angekommen folgt ein kurzer Fototermin. Die Aussicht ist nicht berauschend. Zum zweiten Mal an diesem Tag beginnt es zu regnen. Mit Verlaub, es pisst! Und wie! Habe ich selten erlebt. Ich glaube die gesamten 20 Mio. Kubikmeter Inhalt des Lac des Toules – dem Stausee welchen wir vor Bourg St. Pierre passieren werden – ergiessen sich in diesem Moment über uns! Ist aber noch zu harmlos und so hat der liebe Gott ein Einsehen und lässt es gleich darauf auch noch hageln was das Zeug hält. Als nicht ganz schwindelfreier Bergläufer bin ich für die vom OK angebrachten Seile dankbar und hangle mich also einigermassen sicher den Hang runter bis zu jener Stelle wo es mir fast die Unterhose kehrt; ein ca. sechzig Grad geneigtes Schneefeld! Normalerweise ein Grund zum Umkehren. Ich melde dem hinter mir laufenden Teilnehmer, dass ich da nicht ganz so schnell sein werde, was diesen aber weiter nicht stört.

Er ist selber froh, wenn ihm schöne Tritte ins Eis hacke. Hallelujah! Da bei diesem Wetter – unterdessen ist das schönste Gewitter mit Blitz und Donner ausgebrochen – keine Zeit für dumme Gedanken ist, schicke ich mich in mein Schicksal und traversiere diese Schneezunge fast souverän. Die Handschuhe hervorzunehmen lohnt sich nicht. Die Wassermassen laufen schon seit geraumer Zeit direttissima durch meinen Rucksack, sodass nun alles darin klitschnass ist. Spass bereitet dann wieder die Abfahrt im Schnee. Einfach die Schuhe rutschen lassen und schon sind wir unten angekommen. Nicht alle haben ihren Spass daran, aber was will man.
Da die Bergbäche beträchtlich angestiegen sind und ihre ganze Wildheit hemmungslos entfalten, ist es uns nicht mehr möglich den markierten Weg zu benutzen. Wir müssen uns selber eine Route nach Bourg St. Pierre suchen. Gemeinsam schaffen wir das und so treffen wir dezent durchnässt zur Pastaparty ein. Glücklich, wer seine Ersatzwäsche wasserdicht verstaut hat. Ich helfe mir mit ein paar Papiertüchern, welche ich mir unters Trikot lege – alter Radlertrick. Es bleibt einigermassen warm und dieses synthetische Zeug trocknet ohnehin rasch. Die Spaghetti schmecken ausgezeichnet. Sogar einen Kaffee gibt es! Und überhaupt sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Helferinnen und Helfer auf der gesamten Strecke immer aufgestellt und sehr hilfsbereit waren. Mit allen konnte mal ein fauler Witz gerissen oder ein paar Worte gewechselt werden. Das ist Gold wert unterwegs.

Den Aufstieg zur Cabanne Mille absolvieren wir zu dritt. Meine temporären Laufkumpels haben einen anständigen Zacken drauf. Kurze Pause mit Verpflegung und runter geht’s nach Lourtier. Zu schnell für mich. Meine Beine sind längst leer. Die Füsse dampfen. Ich muss die andern ziehen lassen. Ich will weder sie noch mich stressen. Sofort nehme ich zwei Briketts aus dem Ofen und schleiche den Berg runter. Schritt für Schritt. Ich mache mir so meine Gedanken. Sollte ich diese verfluchten 1400 Höhenmeter runter im jetzigen Leben noch schaffen, so warten anschliessend 1200 Höhenmeter rauf. Wie das funktionieren soll ist mir zurzeit schleierhaft.
Ich lenke mich mit andern Gedanken ab. Beispielsweise wie ich’s bei diesem Tempo am Montag rechtzeitig ins Büro schaffen soll. Herrgottsack – was mach ich hier eigentlich? Es ist drei Uhr nachts. Normale Menschen liegen um diese Zeit entweder besoffen unter dem Bartresen oder im warmen Bett! Aber beides ist für mich keine Option. Ich werden diese Boucle finishen! Jawohl! In Lourtier gibt’s nochmals anständig zu futtern. Dann wartet der letzte Pass auf mich. Der Weg führt mich hoch nach La Chaux. Und auch nach bald vierundzwanzig Stunden sind noch andere Läuferinnen und Läufer auf der Piste. Egal. Bei mir geht bald nichts mehr. Ich bin durch. Ich könnte im Stehen einschlafen.
Noch neun Kilometer bis Verbier. Ich quäle mich den Berg runter. Es scheint ewig zu dauern – a never ending story. Immerhin bin ich bald 26 Stunden am Stück unterwegs. Dann rückt Verbier ins Blickfeld – das Ziel naht! Ich beginne nochmals zu schweben! Der Ort, das Publikum, die letzte Kurve, schliesslich der Zielbogen! Den Speaker höre ich gar nicht richtig.
Ich passiere die Ziellinie und mache gleich den Papst; dieser Boden will geküsst sein! Ich habe es nach 26 Stunden und 43 Minuten tatsächlich geschafft! Wohl als einer der Letzten, aber immerhin zu den 53% gehörend, die diesen absolut genialen und alles Fordernden Ultra Berglauf gefinisht haben. Ein Lauf mit Hochs und Tiefs, nicht nur topographisch. Von der Nacht in den Tag und zurück in die Nacht bis zum folgenden Morgen. Die Schnellsten haben was verpasst. Der Sieger Uli Calmbach ist nämlich bereits am Samstag um 20Uhr ins Ziel eingelaufen. Bei Tageslicht. Hat keine im Dunkeln scheinbar tanzenden Stirnlampen der Konkurrenten gesehen, nicht die Geräusche der zahlreichen Waldbewohner mitten in der Nacht gehört, nicht die manchmal fast unheimliche Stille der Bergtäler erlebt und auch nicht den fantastischen Sonnenaufgang des Morgens genossen! Uli hat mit gut fünfzehn Stunden eine fantastische Laufzeit hingelegt. Ich ziehe den Hut.

Er war übrigens mein Zimmergenosse in der Nacht vom Freitag auf den Samstag. Als ich ihm gegenüber bemerkte, mit seiner Finisherzeit müsse er in der Rangliste sehr weit vorne liegen genierte er sich sogar mir zu sagen, dass er gewonnen hat. Nur seine Frau meinte im sympathischen Schwäbisch «Nu sag doch dass du Erschter gwordä bisch». Ich gratuliere ihm nochmals herzlich.
Und noch etwas an potenzielle Bewerber für die nächste Austragung: Wenn ihr hier an den Start geht, bildet euch nichts auf Euren allenfalls absolvierten Ironman ein. Kein Vergleich. Oder die 100 km von Biel? Nasenwasser! Der K78 von Davos? Kindergeburtstag! Vergesst einfach alles was vor Verbier war! Denn Verbier ist Verbier, halt nix für Bahnläufer!
Schlagworte: Erlebnis, TrailRunning, Ultralauf













Salü Roland,
merci für Deinen Kommentar. Ich bin ein bisschen beruhigt, dass Du dies auch so siehst. Es war im Nachhinein besehen ein sehr schönes Abenteuer, aber mir war am Col de Cheveaux wirklich nicht mehr wohl. Die Lawinenabgänge bzw. Steinrutsche habe ich bereits in der Ebene unten mitbekommen und zum Läufer hinter mir noch gesagt “hoffentlich ist da niemand rein geraten”. Wir haben auch geschaut ob man ev. etwas sieht… War schon etwas heikel dort, gell.
Gruäss und noch eine schöne und unfallfreie Saison
Richi