Midnight Sun Marahon in Tromsø
Roman Würsch
Unterwegs im hohen Norden
Tromsø liegt knapp unter dem 70. nördlichen Breitengrad, aber damit deutlich über dem Polarkreis. Also genau dort, wo im Sommer die Sonne nie untergeht. Aber genau das ist das Problem. Denn gesehen haben wir bisher die Sonne nur ganz selten. Ich will mich aber nicht weiter mit geographischen Phänomenen aufhalten, schliesslich bin ich zum Laufen nach Tromsø gefahren. Der Midnight Sun Marahon in Tromsø war das Ziel für meinen 18. Marathon.
Selbstverständlich packe ich für einen Lauf in diesen Breitengraden nicht die leichtesten Laufklamotten ein, aber anderseits – wenn die Sonne 24 Stunden scheint – muss es ja warmsein. Und der Golfstrom spüle hier ab und zu «Touristen» (Schildkröten) aus der Karibik an. Aber ausgerechnet am Lauftag regenete es praktisch ununterbrochen. Unterstützt von einem leichten Wind wurden die Läufer um 20.30 Uhr auf die Strecke geschickt. Kurz nach dem Start musste erstmals die Tromsø-Brücke überquert werden, immerhin eine Höhendifferenz von über 40 Metern. Nach einer Schlaufe auf dem Festland ging es über die Brücke zurück auf die Insel Tromsø. Stetiger Begleiter waren Wind und Regen. Eines der Wahrzeichen der Gegend, die Ice-Cathedral (!) kann dabei ausgiebig betrachtet werden.
Bereits bei Halbmarathon musste ich mir eingestehen, dass auch viel Erfahrung nicht davon abhalten sollte, die Profile genau zu studieren. Was als flach, flat und was auch immer beschrieben wurde, erweisst sich zumindest als wellig. Nach Passieren der Halbmarathonmarke geht das Insel-Sigthseeing weiter und damit auch das Auf und Ab im Gelände. Sogar der Flughafen wird angepeilt und umlaufen. Die Blue-Line erweist sich bisweilen als absolut notwendig, denn bei rund 600 Startenden kann es schon vorkommen, dass man die Einsamkeit des Langstreckenläuferst erlebt und auf die vorgegebene Richtung angewiesen ist.
Wenn schon nach 10 Kilometer alle Kleider durchnässt sind, spielt es auch keine grosse Rolle mehr, wenn ab und zu eine Pfütze die noch vermeintlich trockenen Socken völlig durchnässt. Die nassen Handschuhe erweisen sich mehr als Gewichte, denn als Wärmeschutz – was solls, andere rennen mit Gewichten in den Händen durch den Wald.
Aus der ganzen Welt sind Laüferinnen und Läufer nach Tromsø gereist. Unüberhörbar sind Italiener und Franzosen auf und an der Strecke. Aber es ist ausgerechnet einer der kleinen Schweizer Delegation, der mir hilft, auf der zweiten Hälfte das Tempo zu halten. Leider muss dann aber Andreas aus Aarberg auf den letzten 5 Kilometer seinem (oder meinem?) Tempo Tribut zollen und abreissen lassen. Aber beide haben wir mit Negativ-Split den Genuss des Aufholens erlebt. Etwas muss es bei diesen Bedingungen zu geniessen geben: Der Einlauf auf der Storgata im Stadtzentrum kurz nach Mitternacht ist ein tolles Erlebnis, unterstützt von Begleitern und den Norwegern, die den Ausgang geniessen.
Trotzdem hat es nicht gereicht, innerhalb eines Tages in Ziel zu kommen. Die Startzeit um 20.30 Uhr verleitet natürlich dazu, zu sagen, um Mitternacht bin ich im Ziel. Leicht gesagt, aber es ist schon eine Weile her, seit ich einen Martathon mit einem 5er-Schnitt gelaufen bin. Und zudem zeigt das Laufprotokoll der vergangenen acht Wochen nicht gerade üppige Umfänge. Aber trotzdem war es ein Versuch wert. Leider hat es mit 3.40 nicht gereicht – immer noch zu langsam angegangen.
Alle sagen zwar, dass es schön warm sein könne in Tromsø und auch, dass es in den vergangenen drei Jahren am Marathon immer schlechtes Wetter war – aber noch nie so kalt. Ein schlechter Trost, wenn ich mit klappernden Zähnen aus dem Untergeschoss (!) des Kulturhuset meine wärmenden Kleider hole.
Nichtsdestotrotz bleibe ich mit meiner Frau noch im Norden und schippere auf den Hurtigruten ums Nordkapp nach Kirkens und dann südwärts nach Bergen – zum Fischen.
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