Erneute Doping-Vorwürfe gegen Armstrong

Michael Kunst
July 06, 2010 - 06140404 date 06 07 2010 Copyright imago Panoramic Cyclisme Tour de France 2010 Etape 3 06 07 2010 Bug Arenberg Lance Armstrong USA Radio Photo News Panoramic PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITAxBEL men Cycling Wheel Road Tour de France Action shot Portrait Vdig 2010 horizontal Highlight premiumd Cycling Cyclisme Ronde van FRANKRIJK 2010 Tour de FRANCYCLING TdF 2010 Stage 03 TDF2010 TdF 2010 Etape 3 Biking largeur Action.

Kein Meineid unter Blutsbrüdern

Die Tour läuft, Fabian Cancellara fährt heute Mittwoch in gelb, «Business as usual», könnte man meinen. Auch der Umstand, dass Lance Armstrong in den ersten Tagen des wohl härtesten und spektakulärsten Radrennens der Welt alle Medienaufmerksamkeit auf sich zieht, ist nicht ungewöhnlich. Erwähnenswert aber ist, dass sich Armstrong in seinem Heimatland USA aktuell schweren Dopingvorwürfen ausgesetzt sieht. Und im Gegensatz zu vergangenen Jahren wetzt diesmal daheim ein ernstzunehmender Gegner seine Waffen.

Vordergründig reagiert der siebenfache Tour de France-Gewinner cool wie immer, manche bezeichnen seine Art allerdings auch arrogant. Über das Netzwerk Twitter wendet sich der US-Amerikaner mit kurzen Schreiben an seine Millionen Fans, indem er sich über die täglichen Doping-Kontrollen frühmorgens lustig macht oder abends, nach vollzogener Arbeit auf seiner Rennmaschine, den Reportern standardisierte Statements zu den jüngsten Vorwürfen diktiert, die ihn diesmal aus den USA erreichen. Was tatsächlich neu ist an dieser Tour de France 2010: Schienen früher eher die Franzosen und Deutschen zuständig für immer neu formulierte Doping-Anschuldigungen gegen den Rekordsieger, sind es diesmal hauptsächlich US-Medien, die mit massiven Anschuldigungen höchste Aufmerksamkeit erzielen. Vor allem Armstrongs ehemaliger Teamkollege und langjähriger enger Freund Floyd Landis attackiert derzeit mit geschickt datierten Interviews (wie etwa am vergangenen Wochenende im Wall Street Journal) und sorgt für Furore, die Armstrong nur milde lächelnd kommentiert.

Landis wiederholt und ergänzt lediglich Anschuldigungen zu Dopingpraktiken mit Eigenblut vor und während diverser Tour-de-France-Etappen vor 4-7 Jahren, die er bereits 2009 gegen seinen ehemaligen Kapitän vorgebracht hatte – entsprechend leicht fallen Armstrong längst einstudierte Dementis, die allerdings von Tag zu Tag an Schärfe zunehmen. Kunststück, denn in den USA brauen sich für den Boss des Radio-Shack-Teams schwere Unwetter zusammen, die alle derzeitigen Beschuldigungen höchstens wie windige Vorboten erscheinen lassen. Denn kein geringerer als Jeff Novitzky hat sich auf die Fersen des Sportidols Lance Armstrong geheftet. Und das lässt viele amerikanische Freunde und Anhänger Armstrongs zumindest stutzen.

July 06, 2010 - Arenberg, FRANCE - epa02238766 Radioshack team rider Lance Armstrong of the US (R) and Sky team rider Edvald Boasson Hagen of Norway cycle during the third stage of the 97th Tour de France 2010 cycling race between Wanze in Belgium and Arenberg in France, Arenberg, France, 06 July 2010.

Novitzky ist als Steuerfahnder mit ausgesprochen spektakulären Gerichtserfolgen schon seit Jahren so etwas wie ein Volksheld. Und ein Fall, den er eigentlich nur per Zufall übernommen hat, brachte ihn schliesslich in die nicht immer saubere Welt des Sports: Der Fahnder deckte vor fünf Jahren die Betrügereien des Dopinglabors Balco auf, welches im ganz grossen Stil Spitzensportler in unterschiedlichen Sportarten mit Dopingmitteln versorgte. Höhepunkt in diesem Verfahren war schliesslich die Verurteilung der Leichtathletin und mehrfachen Goldmedaillengewinnerin Marion Jones zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe ohne Bewährung, die sie vollständig absitzen musste. Und zwar nicht wegen der Einnahme unerlaubter leistungsfördernder Mittel – was in den USA nur bedingt strafbar ist – sondern wegen Meineids!

Nowitzky gilt derzeit als einer der gefragtesten Interviewpartner US-amerikanischer Medien, doch der Ermittler steht nicht zur Verfügung, schon gar nicht mitten in der Vorbereitung zu einem derart heiklen Fall. Der 43-Jährige, der übrigens mittlerweile nicht mehr der Steuerbehörde unterstellt ist, sondern im Auftrag der «US Food and Drug Administration» arbeitet, will sich verständlicherweise nicht in die Karten schauen lassen. Obwohl seine strategische Ausrichtung klar ist: Offiziell geht es nicht um verbotene Substanzen im Spitzenradrennsport, sondern um Vorwürfe wie Betrug und Verschwörung zu Lasten von Sponsoren, die im Fall von nachgewiesenem Doping ihre ausbezahlten Leistungsprämien (teils in zweistelliger Millionenhöhe) wieder zurück erhalten würden. Betrug und Verschwörung sind wiederum strafrechtlich zu verfolgen, was erneut das Thema Eid bzw. Meineid in den Mittelpunkt rücken dürfte. Denn spätestens der Fall Jones hat den US-Spitzensportlern gezeigt, dass in den USA Meineid alles andere als ein Kavaliersdelikt zum Schutz vermeintlicher Freunde ist.

So hatten Novitzky und Landis bereits Kontakt miteinander und auch weitere Zeugen, die Armstrong in der Vergangenheit etwa in Büchern belasteten, wollen offenbar als Zeugen der Anklage dienlich sein. Bleibt also abzuwarten, ob das Gerichtswesen in den USA Anklage wegen Betrugs gegen Lance Armstrong erheben wird und wie weit ein dann offensichtlicher Indizienprozess den Radsport-Superstar in Bedrängnis bringt. Bei einer Konfrontation vor Gericht würden sich jedenfalls mit Novitzky und Armstrong zwei US-amerikanische Helden gegenübertreten, die beide mit Beharrlichkeit und zähem, teils rücksichtlosem Verhalten zu Ruhm gekommen sind.

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