Zürich Marathon 2010 – Erlebnisbericht von Franziska Greuter
Redaktion FIT for LIFE
«Mind over body» am Zürich Marathon
Die härteste Phase im Marathontraining ist ja immer die letzte Woche vor dem Lauf. Da heisst es, genügend schlafen, nicht mehr zu viele Ballaststoffe essen und das Härteste: Kein Koffein. Ich, die nur bei Beerdigungen oder Hochzeiten in der Kirche anzutreffen bin, führe plötzlich religiöse Zwiegespräche: «Lieber Wettergott, ich weiss, du warst mir schon bei meinen ersten vier Marathonläufe gnädig und meinst vielleicht, dich mal von der harten Seite zeigen zu müssen. Aber glaub mir, das Training bei diesem Winter war hart genug». Ab Montag wird das Meteo zum Krimi. Mit Hochspannung verfolge ich die Prognosen für den Sonntag, dem Tag des Zürich Marathon 2010. Am Montag siehts ja noch ganz gut aus, doch mit jedem Tag sinken die Temperaturen und die Schneefallgrenze für den Sonntag – ich fürchte schon, wir müssen bald Dario Cologna für den Startschuss engagieren.
Sonst mach ich mir nicht allzu viele Gedanken über Kleidung, aber in diesen Tagen lautet die grosse Frage «Was zieh ich bloss an am Sonntag? Lange Ärmel oder schwitz ich dann doch zu fest?» Je näher ein Termin beim Wettkampf-Tag liegt, desto kritischer wird er darauf geprüft, ob er den Marathon beeinträchtigen könnte. Sitzung mit anschliessendem Abendessen am Samstag? Nee, geht gar nicht. Freitag? Noch weniger, die zweitletzte Nacht ist ja angeblich die Wichtigste. Die Anspannung steigt und ein bewährtes Mittel gegen Stress ist Sport, aber eben, mit Laufen sollte ich es jetzt auch nicht übertreiben. Wenn ich an der Startlinie stehe, habe ich also schon Beträchtliches geleistet und freu mich nach dem Rennen wieder einigermassen normal zu werden.

Es ist zwar nicht ganz so kühl, wie uns Cécile Bähler angedroht hat, aber trotzdem kostet es ziemlich Überwindung, den Trainingsanzug auszuziehen. Nachdem ich meinen Kleidersack abgegeben habe, verschwinde ich noch ein letztes Mal in die Büsche und trabe locker zum Startbereich, um einigermassen warm zu werden. Zum Glück dauerts nicht mehr lange und der Startschuss fällt. Nur ungern trenne ich mich von meiner Plastikhülle und starte meine Stoppuhr.
Da eine verschleppte Erkältung mich vom gewünschten Training abgehalten hatte, habe ich keine bestimmte Zielzeit im Kopf. Doch heute fühle ich mich trotz der schlechten Nacht sehr gut und vielleicht ist sogar eine neue Bestzeit drin? Es sollte ganz anders kommen und nicht mein Tag werden – doch zum Glück weiss ich das noch nicht, als ich mit den rund 3000 Marathonis durch die Talstrasse laufe. Es sind noch nicht allzu viele Zuschauer an der Strecke und fast scheint mir, auch die Läufer schlafen noch, es herrscht eine beinahe gespenstische Stille und nur die Laufschuhe auf dem Asphalt sind zu hören. Das Hin- und Her am Anfang der Strecke find ich etwas mühsam und bin froh, als wir die Stadt nach 10km endlich verlassen und den Weg nach Meilen unter die Sohlen nehmen.
An meinem Handgelenk klebt das Band mit den Zwischenzeiten meiner letzten Marathonzeit. Ich vergleiche die Zeiten mit der Anzeige auf meiner Uhr. Ich bin schnell unterwegs und zweifle kurz; bin ich zu schnell? Vor dem Hammermann bei Kilometer 30 hab ich grossen Respekt, bin ihm aber zum Glück noch nie begegnet. Aber da ich mich weiterhin gut fühle, riskiere ich es.
Wir nähern uns dem ersten Verpflegungsposten. Jetzt Essen?! Aber ein Gel sollte ich schon runterkriegen. In der einen Hand halte ich meine Handschuhe, mit der andern greife ich mir das Gel. Und wie nehm ich jetzt das Wasserfläschli? Ich bräuchte ne Tüte, aber niemand bietet mir an, was einzupacken.

Irgendwie schaff ich es, die Tüte mit dem Gel aufzureissen ohne das mir was runterfällt und ich spüle das süsse Zeug runter. Aha, so schmeckt also «Vanille». Auf dem Weg dem See entlang stehen immer wieder von Bands, die zu neuem Schwung verhelfen. Auch die Zuschauer sind inzwischen aufgestanden und feuern uns kräftig an. Schon nähern wir uns Meilen und noch immer fühle ich mich gut. Mehr als die Hälfte ist geschafft, jetzt geht’s nach Hause! Vielleicht kann ich die letzten 5km dann sogar noch etwas schneller laufen?
Gerne würde ich jetzt hier den Bericht abschliessen mit den Worten «Auf den letzten 10km dreht ich nochmals richtig auf und flog beinahe ins Ziel. Dass es keine neue Bestzeit war, liegt nur daran, dass ich noch einem Mitläufer die Krämpfe wegmassierte». Aber ich stelle mich der Vergangenheit und schreiben soll ja einen therapeutischen Effekt haben.
Die letzten 15km werden lang. Sehr lang. Denn nun meldet sich mein Magen, mir wird übel. Wieso nur? Bin ich doch zu schnell, obwohl sich meine Beine gut anfühlen? Ich nehme etwas Tempo raus, doch die Übelkeit wird immer stärker. Ich versuch, alles an positivem Denken und mentaler Stärke zu mobilisieren, was in meinem Hirn zu finden ist. Es sind nur noch 8km, das sind 2×4, das schaffst du locker. Konzentriere dich auf deinen Atem. Doch der Körper lässt sich davon nicht überzeugen und kurz vor der Stadtgrenze muss ich stehen bleiben und meine, mich übergeben zu müssen. Ich atme tief durch und laufe weiter. Wir passieren weitere Verpflegungsstände, vielleicht würde so ein klebriges Gel oder Cola helfen? Doch allein beim Gedanken an Wasser scheint sich mein Magen umzudrehen. Auf der Höhe des Bahnhof Tiefenbrunnen zwingt mich mein Körper erneut zum Stoppen und diesmal übergeb ich mich wirklich.
Hinter mir meint ein Läufer aus dem deutschsprachigen Ausland «Die kotzt ja schon wieder. Da muss ja bald nix mehr drin sein». «Deutsche Läufer an Zürcher Läufen» vielleicht wär das mal eine Schlagzeile, liebe SVP? Aber das ist ein anderes Thema. Obwohl ich mich elend fühle, schaff ichs noch «wie lustig» und einen bösen Blick zurückzugeben. Weiter, es ist nicht mehr weit, diese Strecke hast du schon unzählige Male gelaufen. Am Strassenrand entdecke ich einen Kollegen aus der Laufgruppe. «Hopp Franziska, du bist gut unterwegs». Beinahe muss ich lachen. Gut?! Vielleicht meint er die Zeit, denn noch ist der 3:45 Ballon hinter mir. Doch als ich im Seefeld erneut stehen bleiben muss, zieht er unerbitterlich an mir vorbei, doch inzwischen ist mir das egal, ich will nur noch ins Ziel und mich setzen.
Endlich, das Bellevue, jetzt nur noch die Bahnhofstrasse runter und dann Richtung Mythenquai. Heute ist die Bahnhofstrasse länger als je zuvor. Km 41. Heureka, noch einen Kilometer, den renn ich noch. Doch mein Magen ist anderer Meinung. Als ich mich übergebe, spricht mich eine Dame der Streckensicherung an. «Brauchen Sie einen Arzt?» Ich schaue sie an «nein, Sie, also den Kilometer schaff ich jetzt noch und wenn ich gehen muss.» «Lohnt es sich?» fragt sie mich. «es gibt nächstes Jahr wieder einen Zürich Marathon, sie können noch oft Marathon laufen. Lohnt es sich wirklich?». Ich beginne zu zweifeln. Es ist zwar nur noch ein Kilometer, aber vielleicht hat die Dame recht und der Preis ist zu hoch. Ich bin doch schon vier Marathons gelaufen, ich muss nichts beweisen.
Bin ich gerade eine dieser Personen, über die ich sonst den Kopf schüttle und unterschätze meine Magenprobleme? «Mind over body», wie lange gilt das? Doch dann bin ich wieder entschlossen auch diesen Marathon zu beenden. Und nun, als mein Magen wohl wirklich leer ist, läufts sichs fast wieder locker. Kam meine Übelkeit von dem orangen Getränk des offiziellen Verpflegers (dessen Namen so amerikanisch tönt, dass ich ihn aus Angst vor einer Klage nicht erwähnen möchte)? Momentan bin ich aber einfach froh, mich etwas besser zu fühlen und es bald geschafft zu haben. Und dann ist es geschafft.
Ich passiere das Ziel und lasse mir die Medaille umhängen. Die hab ich mir jetzt wirklich hart erkämpft. Auch im Zielbereich werden keine Tüten angeboten, aber irgendwie sammle ich T-Shirt, Apfel, Wasser, Birnbrot und endlich, endlich kann ich mich hinsetzen. Allzu gemütlich ist’s es neben dem Abfalleimer aber doch nicht und da ich auch anfang zu frieren, hol ich mir doch lieber schnell meinen Kleiderbeutel, zieh mir was an und fahr heim. Kaum in der Wohnung greif ich in die Tüte mit Salznüssen, ich glaub, noch nie haben mir Salznüsse so gut geschmeckt.
Das war also mein Zürich Marathon 2010. Eine Freundin meinte, ich wär doch besser mit ihr ins Velolager gefahren, aber ich glaube, auch diese Erfahrung hat ihren Sinn, auch wenn ich sie kein zweites Mal machen möchte. Interessant ist auch, wie schnell ich mich psychisch erhole. Schon am Montag schwebe ich auf einem Marathon-High durch den Tag und der Enthusiasmus, mit dem ich während der Team-Sitzung Konflikte schlichte, ist fast schon unangebracht. Aber irgendwann werd ich wieder normal. Bis zum nächsten Marathon!













So kann Marathon sein! Bei jeder kürzeren Laufdistanz kann ein regelmässiger Läufer recht gut sein Leistungsvermögen einschätzen. Beim Marathon ist das ebenfalls möglich … Aber es kann auch ganz anders kommen, so wie dies Franziska in ihrem tollen Bericht schildert. Das ist auch genau einer der Reize des Marathos: Steht man am Morgen eines Marathons am Start, weiss man zwar ganz genau, wie man trainiert hat, wie die Form ist, was man vielleicht vernachlässigt hat, … – Die Ungewissheit ist aber jedesmal wieder von Neuem da: Was erwartet mich? Kann ich die Pace halten? Ist die geplante Pace nicht zu schnell? Wie soll ich mich verpflegen? Vertrage ich den Gel? … – Oft kommt es wie geplant und ich erreiche meine geplante Zeit, vielleicht schlägt aber der Hammermann wirklich zu. – Letztlich ist es aber auf jeden Fall eine grossartige Leistung und ein tolles Gefühl, wenn man das Ziel erreicht.