Klassisch statt Skating – den «Engadiner» einmal neu erleben

Regina Senften

Engadin Skimarathon5 Gründe, warum sich ein «Spurwechsel» lohnt

Kein Gedränge am Start, persönlich adressierte Komplimente des Speakers, zuvorkommende Behandlung durch ältere Herren im Nadelöhr und ein fulminanter Schlussspurt: Ich habe den Engadin Skimarathon 2010 dank einem Wechsel auf die klassische Technik von einer gänzlich neuen, wirklich wunderbaren Seite kennengelernt.

Ich bin den Engadin Skimarathon die letzten Jahre jeweils skatend gelaufen. Dieses Jahr suchte ich eine neue Herausforderung und startete in der klassischen Technik. Bereits am frühen Morgen im Bus an den Start musste ich mir mitleidigen Zuspruch anhören: «Was? Du läufst klassisch? Da bist Du ja ewig unterwegs! Und hast Du überhaupt soviel Kraft in den Armen, um das durchzustehen?» Peter, wie auf der Startnummer zu lesen war, bewunderte meinen Mut. Aber seine Skepsis war unüberhörbar. Aber egal: Ich war fest gewillt, das Ziel in S-chanf auf meinen Schuppenski zu erreichen!

Engadin Skimarathon by Swiss-Image

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Ich habe die 42 km tatsächlich gemeistert. Das habe ich eigentlich von mir selber erwartet. Dass ich dies in einer für meine Verhältnisse überaus ansprechenden Zeit von etwas mehr als 4 Stunden schaffte, hätte ich nicht gedacht. Und am allerwenigsten hätte ich vermutet, dass der Wechsel auf die klassische Technik den Engadin Skimarathon derart positiv verändern würde. Mein diesjähriger «Lang»-Lauf verkam zu einem Feuerwerk aus spielender Leistung, sportlicher Glückseligkeit und netten Begegnungen.

Die Gründe könnten vielseitiger nicht sein:

1. Kein Gedränge am Start. Während in den Startblöcken der Skater eifriges Ski-Suchen und Drängeln ansteht, verteilen sich die gut 30 klassischen Läufer (eine einzige andere Dame sichtete ich in der Hauptklasse A) ganz entspannt wenige Minuten vor dem Startsong in den 12 Loipenbahnen. Man grüsst sich, erkundigt sich nach der anvisierten Zeit, tauscht Wachstipps, Sonnencreme und Lippenpomade aus.

Engadin Skimarathon by Swiss-Image

2. Startschuss. Die «klassischen» Mannen verschwinden per Doppelstockschub schon bald aus meinem Blickfeld, die skatende Masse und die am Himmel kreisenden Helikopter sowieso. Was ich dann erlebe: idyllisches Gleiten über den verschneiten Talboden an einem ruhigen Wintermorgen, wie er in keinem Bilderbuch schöner zu finden ist. Wohl wissend, dass sich diese Ruhe nur solange hält, bis die später startenden Blöcke mich eingeholt haben, geniesse ich diese unverhoffte Glückseligkeit umso intensiver.

3. Allein auf weiter Flur, gleite ich dem ersten Speaker-Posten in Sils entgegen. Der Speaker nimmt sich die Mühe, mich persönlich mit Namen zu begrüssen. Und verkündet dem Spalier stehenden Publikum auch noch gleich: «Schauen Sie sich das an! So elegant und leicht kann klassisch Langlaufen aussehen!» Welch ein stimulierendes Omen für mein Vorhaben! Ich lasse mir die Worte des Speakers auf der Zunge zergehen wie ein Sponser Liquid Energy Gel.

Engadin Skimarathon by Swiss-Image4. Der Aufstieg zur Olympia Schanze in St. Moritz hatte ich bis anhin als keifende Ellböglerei erlebt. Jeder steht jedem auf den Stock, flucht, wenn der Depp hintendran wieder mal keine Geduld hat. Als klassische Läuferin gehen solche Szenen völlig an mir vorbei. Flink laufe ich in der Loipenspur in die Schanze hinein und will mich anstellen, bis eine Lücke in der Kolonne der hinauftäppelnden Langläufer frei wird. Da ertönt eine laute Männerstimme hinter mir: «Mached mal Platz, ‹es› tuet klassisch laufe und hät nöd so lang Zyt zum Warte.» Dankend reihe ich mich ein und renne im tiefen Schnee ganz gäbig im parallelen Laufschritt die Schanze hoch. Und höre noch, wie die der Mann seine Kollegen belehrt: «Für ‹ihns›, wo klassisch tuet, isches natürlich en Seich, wänn d Spur fehlt.» Recht hat er! Aber dass die Loipe von den Skatern plattgewalzt ist, kommt glücklicherweise nur an ganz wenigen Stellen vor.

5. Die Kilometer ziehen dahin, die Arme werden langsam müde, ein wenig Gegenwind kommt auf. Ist das wohl der Hammermann, hier ab Samedan? Die Loipe eine einzige Gerade, breit wie eine Autobahn. Ein Mittagsschläfen wäre jetzt nett, ein wenig ausruhen im Liegestuhl an der wärmenden Sonne. Stattdessen gibt’s hier einen Schluck Rivella Marathon-Getränk, da ein Reisküchlein zur Stärkung. Und plötzlich sind ungeahnte Kräfte zurück. Die berühmten Golanhöhen stehen an. Eine coupierte Schlussstrecke, die es in sich hat. Viele kurze Aufstiege, dann wieder Abfahrten, bei denen kurze Erholung möglich ist. Links von mir stochern viele Skater lust- und wohl auch etwas kraftlos durch den Schnee, um den bevorstehenden Anstieg zu meistern. Weil der Schnee jetzt gegen Mittag deutlich wärmer ist, kann ich die Steigungen leichtfüssig hochrennen, die Schuppen krallen sich in den Boden, dass es eine wahre Wonne ist!

Engadin Skimarathon by Swiss-Image

Derart beflügelt, setze ich zum kilometerlangen Schlussspurt an, der aber nur deshalb gelingt, weil die klassische Technik so, wie ich sie betreibe, sehr ökonomisch und nicht übermässig kräftezehrend ist. Überglücklich und mit einem Lächeln auf den Lippen biege ich auf die Zielgerade ein. Ein letztes «heja». Dann: geschafft!

Im Ziel sagte ich: Dieser Engadin Skimarathon war mein grösstes Highlight auf Langlaufskis! Bin gespannt, ob es Teilneher gibt, denen es ähnlich wie mir ergangen ist! Heja! Bis zum nächsten Mal!

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Kommentare

5 Kommentare zu “Klassisch statt Skating – den «Engadiner» einmal neu erleben”
Irene Gambaro 28.3.2010 20:24 Uhr

Heya Regina, super toll geschrieben und herzliche Gratulation zu Deiner tollen Leistung. Falls Du den Wasalauf mal in Angriff nehmen solltest, da würde sogar ich auf “Klassisch” umsatteln! Das wäre doch was für uns! Statt Gigathlon den Wasalauf! Herzlich, Irene

Ulli (Dresden) 18.3.2010 22:43 Uhr

Ein sehr schöner Bericht. Ich war dieses Mal (zögernd) das erste Mal dabei, zwar nur auf 21 km, aber alles Positive kann ich so bestätigen. Die Qualität der Spuren war excellent und es war ein fast touristisch-harmonisches entspannendes Läufchen. Am Ziel fühlte ich mich super und hätte wohl auch weiterfahren können, aber man wiess ja nie beim ersten Mal, zumal nach begrenzten Trainingsmöglichkeiten. 2011 wieder dabei…

Redaktion FIT for LIFE 14.3.2010 21:53 Uhr

@Thomas: Na klar fliegst Du zur Elite C raus. Aber nur, weil Du in die Elite B aufsteigst! Heja!

Thomas 14.3.2010 21:48 Uhr

Heja Regina

Tönt ja super – vielleicht sattle ich ja auch noch um, wenn ich definitiv zur Elite C rausflieg.

Der Wasalauf ist übrigens auch klassisch..

Gruss, Thomas

Anne 14.3.2010 20:19 Uhr

Regina,
Super! Klingt wahnsinnig toll und bringt mich zu der überzeugung,dass ich diesen Marathon auf jeden Fall nächstes Jahr auch machen muss.
Ein sehr schöner Race-Report :-)

Sportliche Grüsse und gute Erholung von
Anne

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