Das archaische Abenteuer – von Christian Kortmann

Redaktion FIT for LIFE

Buch «Der Laeufer»

Warum man beim Laufen am besten auf technische Gadgets verzichtet

Christian Kortmann ist der Autor des vor kurzem veröffentlichten Buch «Der Läufer». Es ist ein bissiger und philosophischer Roman als Spiegel unserer Leistungsgesellschaft. Eine Kostprobe seines schreiberischen Könnens bekommen Sie mit folgendem Text, der in der Süddeutschen Zeitung erschien:

Der Tennisspieler Lleyton Hewitt erzählte einmal, er trainiere seine Kondition, indem er daheim in den australischen Dünen so weit laufe, bis er vor Erschöpfung nicht mehr könne. Und dann laufe er den Weg nach Hause zurück. Würde Hewitt einen Computer am Handgelenk tragen, könnte er seinen Lauf anschliessend in einer Netz-Community hochladen. Er und die anderen User sähen die exakte Dauer seines Laufs, und die GPS-Koordinaten zeigten die bewältigten Höhenmeter beim Auf und Ab durch die Dünen. Doch warum sollte er das tun, sich mit Weltranglisten herumschlagen, die ohnehin sein Berufsleben bestimmen? Der Lauf an sich war perfekt, ein Mann, die Dünen, das Meer, Hewitt braucht kein Navigationsgerät, nein, nicht mal eine Zeitmessung, denn der Sand ist seine Uhr.

© Andreas Gonseth

Laufen als Höhepunkt des Tages

Solche Läufe in die Dünen, durch den frühmorgenfeuchten Wald oder in der Dämmerung am Flussufer entlang können der Höhepunkt eines Tages sein. Auf leise dahin gleitenden Sohlen scheucht man vielleicht einen Fuchs auf und verwandelt sich für einige geschmeidigst-lebendige Momente in einen Indianer: kleine Abenteuer am Rande der Stadt, von denen die nicht-laufenden Passanten nichts ahnen. Es geht dabei nicht um ein mystisches Zurück-zur-Natur. Dass dieser Weg dem Zivilisationsmenschen dauerhaft verstellt ist, haben die gescheiterten natur-romantischen Aussteigerprojekte der Moderne bewiesen. Doch das Laufen bietet die Chance, die Dinge aufzuräumen und neu einzupegeln, wenn mal wieder alles zu kompliziert geworden ist.

Verzicht auf jegliche Gadgets

Wer will, kann mit jedem Lauf ganz von vorne anfangen, auch evolutionsgeschichtlich. Nach all der sitzenden Bildschirmarbeit, dem Auto- und Fahrstuhlfahren ist es eine körperliche Lektion in Purismus, die zeigt, wie wir mit den Sinnen die Welt erleben können. Man läuft einfach los, wie die Menschen schon vor Tausenden von Jahren los gelaufen sind, und beobachtet, was mit einem geschieht, im Körper und im Kopf. Dabei lernt man, auf sich selbst zu hören – die Schritte, der Luftstrom in der Lunge. Alle technischen Gadgets, die das Sensorium belasten, Musik in den Ohren, zu viele Blicke auf die Uhr, als gelte es, irgendwelche Termine einzuhalten, berauben einen dieser kostbaren Gelegenheit. Das Gehirn ist der beste Bordcomputer: Warum den Puls messen, wenn man einfach auf eine ruhige Atmung achten kann? Kein körperlich gesunder Mensch braucht eine digitale Fussfessel, jedenfalls nicht zum Laufen.

Autor Christian KortmannBei manchem ist es vielleicht die Freude an der Technik, die ihn die Bestzeiten seiner Trainingsrunden ins Netz einspeisen lässt. Irgendwelche Daten braucht man schliesslich, wenn man Ambitionen als Hoch- und Runterlader hat. Aber vielleicht läuft er dann auch gar nicht im ursprünglichen Sinn, sondern sammelt nur durch körperliche Bewegung Ergebnisse, um andere bei der virtuellen Vereinsmeierei zu übertreffen. Das wäre nun das Traurigste: Wenn man sich um die Chance brächte, beim Laufen das ewige Sich-mit-anderen-Messen des beruflichen Rattenrennens zu vergessen. Beim Laufen misst man vielmehr den eigenen Willen an den Reaktionen des eigenen Körpers. Die Anzeigen im Display einer Sportuhr, Zeit, Puls, Höhenmeter, sind ja nur Abstraktionen von Erfahrungen, können diese aber nie ersetzen. Laufen ist das Abenteuer, die Realität in einer in Beruf und Freizeit immer stärker medial gespiegelten Welt für Momente unverstellt wahrzunehmen.

von Christian Kortmann

Schlagworte:

Kommentare

Ein Kommentar zu “Das archaische Abenteuer – von Christian Kortmann”
Schmid Michèle 14.12.2009 14:12 Uhr

Christian Kortmann schreibt mir aus der Seele!
Das Rattenrennen erlebe ich jeden Tag, nicht nur im Alltag sondern auch in den Lauftrainings.
Meine Lauftrainings sind anders und ich komme mir dabei aber manchmal auch vor wie im Rattenrennrad! Oder waren es Hamster?
Es ist unwahrscheinlich schwer, konditionierte Menschen aus ihrem Alltagstrott zu etwas anderem, spannenderem, sinnlicherem und vielfältigerem zu motivieren!!
Wir sind alle so satt, selbstverliebt und bequem.
Das Buch, auf jeden Fall, lesenswert und lebenswert!!

Kommentar schreiben