«Mein New York Marathon» – der Bericht von Hans-Walter Hirzel
Redaktion FIT for LIFEEin Erlebnis der Superlative
Schon liegt er eine Woche zurück: mein New York City Marathon. Dieser Sonntag 1. November 2009 wird mir als Highlight wohl immer in Erinnerung bleiben.

Im Mai dieses Jahres, nachdem ich meinen Dienstplan als Geiger im Orchestre de la Suisse Romande für die kommende Saison mit meinen Kollegen festgelegt hatte, fiel mir auf, dass «zufällig» um den 1. November herum zwei Wochen frei geplant waren.
Die Chance für New York! Sollte dieser Traum tatsächlich wahr werden? Für eine normale Anmeldung war es natürlich viel zu spät, die muss im Januar erfolgt sein, um dann an der Lotterie um die Plätze teilnehmen zu können. Zum Glück gibts Albis Reisen mit einem Kontingent an Startplätzen. Oh Wunder, ich konnte einen davon noch buchen. In meinem Trainingsplan von Vicsystem stand ab jetzt als Ziel «Marathon New York», mit «Demi de Jussy» und «Murtenlauf» als Vorbereitungswettkämpfe. Soviel zur Vorgeschichte.
Dann am 30. Oktober der Flug nach New York. Dort konnte ich bei Freunden ganz in der Nähe des Central Park wohnen. Ein erster Kontakt mit dem Zieleinlauf (Columbus Circle – Central Park) ergab sich am Samstag beim lockeren Jogging in Gesellschaft von manch zauberhaft kostümiertem Halloween-Jogger.

Am Sonntagmorgen um 6:10 Uhr Treffen mit der Albis Gruppe. Busfahrt zum Startgelände Fort Wadsworth, Staten Island. Hunderte von Bussen drängen sich über die Verrazano Brücke, die nach 7 Uhr für den Verkehr gesperrt wird. Eine international bunt durchmischte Menge von Läufern strebt bestens gelaunt und bereits von den offiziellen Helfern aufgemuntert dem Stargelände zu. Nun heisst es, 3 Stunden bis zum Start vernünftig und ohne zu stark zu frieren auszuharren. Es nieselt noch leicht, später bleibt nur ein kalter Wind. Kleidersäcke abgeben in den der Startnummer entsprechenden Lastwagen, sich in den unzähligen Plastic-WC-Häuschen erleichtern, die Startzone finden (nach den Farben orange, grün, blau und nach Buchstaben geordnet), die wärmenden, alten Wegwerfkleider ablegen und dann in den eng aneinander gedrängten Läufermassen den Startschuss erwarten, nicht ohne vorher die von einer mir unbekannten Sängerin mit viel emotional aufgeheizten Vibrato gesungene Hymne abzuhören.

Dann! Ein Kanonenschuss schickt uns los! Verrazano Brücke, Brooklyn, Queens, Queensborough Brücke, Manhattan 1st Avenue, Bronx, Manhattan 5th Avenue, Central Park east, south, Columbus Circle, Central Park West: Ziel.
26, 2 Meilen. 42, 19 km. Für mich ein Erlebnis der Superlative! Es ging mir nicht a priori um eine gute Zeit, die Strecke ist sowieso recht ruppig mit viel Auf und Ab, Wind auf den endlos langen Geraden. Ich wollte laufen und geniessen, mit einem kleinen, leichten Fotoapparat im Gürtel einige Momente, Ausblicke, Strassenszenen festhalten. Es hat sich gelohnt.

Neben den Läufern sind die Zuschauer in den verschiedenen Streckenabschnitten die grossen Hauptdarsteller. Während viereinhalb Stunden werde ich getragen, geschoben, aufgepeitscht, aufgeputscht von den 3 Millionen New Yorkern, die sich teilweise in drei Reihen hintereinander am Rand der Strecke aufgebaut haben. Es ist ein permanenter Anfeuerungslärmpegel, der allen gilt, der sich aber, sobald Namen auf den T-Shirts gut sichtbar sind, zur persönlichen Aufmunterung verwandelt. Dabei profitiert man durchaus auch als Nebenmann von dieser Energie. Besonders schön: die 8 Meilen in Brooklyn. Man spürt direkt die Bewohner der Quartiere entlang der Strecke: Afroamerikaner, Latinos, Juden, Asiaten. Die Kinder und ihr Strahlen, ihre Hände ausgestreckt zum Abklatschen, ihre Freude, wenn man darauf regiert: Ich merke plötzlich, wie ich in eine Euphorie gerate, die mir Flügel gibt, die ich aber besser kontrollieren muss, um nicht zu schnell anzugehen.

Bei den Läufern ist in der ersten Hälfte die Stimmung fast ausgelassen. Eine Gruppe Deutsche animiert singend und tanzend das Publikum. Franzosen und Italiener grüssen mit grossem Hallo ihre Landsleute am Strassenrand. Es ist schlicht umwerfend. Fast vergisst man die Anstrengung. Dann die verschiedenen Bands, die dezent musizierenden Bläser der japanischen Kapelle, die schmissigen Rhythmen einiger Afro-Bands, Dudelsackbläser, Highschool-Blasorchester, ein nicht endender Energieschub!

Ich laufe und laufe, schiesse immer wieder Fotos und kleine Videos, teils im Laufen, teils mit Stopp, um bessere Perspektiven zu bekommen. Ein belgischer Läufer fragt, ob ich ihn schnell fotografiere mit seinem I-Phone. Klar, mache ich, die Zeit läuft, ich werde ihr schon nachkommen. Bei km 30 kommen Erinnerungen an den Zürich Marathon 2008 hoch, wo Krämpfe mich zur Aufgabe gezwungen haben. Ich höre in meinen Körper hinein: keine Alarmsignale, nur nicht jetzt forcieren. Eine der unzähligen Getränkestationen, ich nehme mir Zeit. Bei km 36 ein Becher verdünnte Cola am Stand von Albis mit Aufmunterung in Schweizerdeutsch. Nun sollte es reichen. Schon biegen wir in den Central Park ein. Alle leiden.
Aus dem Publikum höre ich: «nobody smiles!», was mich natürlich zum Lachen bringt. Bald haben wir es geschafft. 600 m vor dem Ziel ein Plakat mit der tröstlichen Aufschrift: «the pain is TEMPORARY». Das ist es! Kein Problem mehr bis zum Ziel. Arme hoch und strahlend lächeln: Du wirst fotografiert, Finisher!

Erst jetzt spüre ich meine strapazierten Fussgelenke, den Rücken, die Hüfte. Aber da wird mir schon die Medaille zum 40. NY City Marathon 2009 umgehängt. Der Weg zu den Kleiderdepots inmitten fixfertiger Läufer unter ihren Alu-Wärmedecken erscheint unendlich mühsam. Die geschwollenen Füsse in den Schuhen verlangen nach Befreiung. Lockern der Schnürung ist fast unmöglich, die Muskeln in Alarmzustand drohen sich zu verkrampfen.
Nun bleibt noch der Weg zur Wohnung. Zu Fuss zurückgelegt dient er als Auslaufen zur Lockerung der leidenden Muskulatur. Passanten, die mir entgegen kommen, mich als Läufer identifizieren, gratulieren mir aufmunternd. Die letzte Herausforderung ist das Treppensteigen über die 4 Stockwerke bis zur Wohnung der Freunde. Der Rest ist Erholung!
Hans-Walter Hirzel (63) ist Geiger im Orchester de la Suisse Romande und begeisterter Läufer und Bergsteiger. Als musischer Marathonläufer ist er den FIT for LIFE-Lesern bereits aus dem Artikel «Fagott jagt Geige – Vier Orchestermusiker am Zürich Marathon» (FfL 4-08) bekannt.








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