Swiss Radmarathon Challenge 2009 – der Bericht von Martin Ittig

Redaktion FIT for LIFE

Dabei sein bei Alpenbrevet, Alpen-Challenge und Engadin Radmarathon

Tja, die ganze Geschichte entstand eigentlich ganz unspektakulär: Meine Frau Nicole surfte mal wieder virtuell in den Weiten des Internets herum. «Das wäre doch sicher was für dich». Diese Worte und der entsprechende Link dazu in meiner Mailbox machten den Abend vielversprechend interessant.

Lange genug hatte ich bereits meine Umwelt mit meiner vermeintlichen Platin-Teilnahme am Alpenbrevet 2009 genervt. Und nun gleich drei Herausforderungen in den Alpen? Da gab es nur eins: Schnell einen Spruch geklopft und diesen an blog@fitforlife.ch gesandt. So passiert am 09.05.2009 morgens um 00:20 mit den lapidaren Worten «Auf dem Rennrad leiden und darüber schreiben, dass können wohl nicht so viele … Ich meinte, es zu können, ausser: ich müsste fahrend schreiben, dann müsste ich noch ein bisschen trainieren.» Dann noch den Send-Button gedrückt und ab ins Bett…

Wochen später, am 11.06.2009, ich hatte meine E-Mail an FIT for LIFE schon lange vergessen, die Nachricht von Regina in meiner Mailbox «…Es freut mich, Dir mitzuteilen, dass Du bei der FIT for LIFE-Startplatzverlosung einen Startplatz für die Swiss Radmarathon Challenge gewonnen hast! …» Poah, das musste jetzt erstmal verdaut werden. Drei Radmarathons, zwei davon in Gegenden, welche ich bis anhin nur aus Prospekten kannte. Das «Und was ist denn jetzt der Preis gewesen?» meiner Mutter lies sich mit «Das Startgeld» zumindest nicht plausibel erklären. «So was sind doch keine Preise! Da hast Du doch ein Sack voller Strapazen gewonnen…» So ist das, dachte ich und teilte Regina mit, dass ich an allen drei Anlässen die längste Strecke unter die Räder nehmen würde.

Engadin Radmarathon
Nun denn, es galt sich an die Vorbereitungen des Engadin Radmarathon zu machen. Noch nie hatte ich vorher so viele Kilometer am Stück rennmässig absolviert. Wie also trainieren? Ich hatte das Glück, in meiner Radwoche im April 2009 im Südtirol Rainer Popp (dreifacher Rad-Marathon Weltmeister 2001-2002-2003) zu treffen und ein paar Tage mit ihm herumzukurven. Wissend um mein Ziel des Alpenbrevets 2009 fragte ich ihn, wie ich denn am Besten trainieren könnte. «Weisst du, wenn du schon mal die 4er Runde mit 172 km / 5294 Hm geschafft hast, packst du auch die 5er Runde…»

Soweit die Theorie: Trotzdem litt ich bei meinen leider nicht sehr regelmässigen Trainingsfahrten bereits nach 100 km und/oder 2000 Hm. Und der Sonntag, 12. Juli 2009 rückte immer näher. Da alle meine Radkollegen gekniffen hatten, machte ich mich also am Samstag, 11. Juli 2009 auf den Weg ins Engadin. Meine Frau und ich entschieden uns für ein Hotel in Scuol, weil wir schon oft davon gehört und es kurz vorher im SF «Bi de Lüt» gesehen hatten. Das Wetter am Samstag auf der Anfahrt und in Scuol war nicht gerade berauschend. Auch die Wetterprognose verhiess für den Start am Sonntag keinen Traumtag. Trotzdem konnten wir ein bisschen die schöne Gegend um Scuol und den wunderschönen alten Dorfteil erkunden.

Pünktlich um 4:30 Uhr, wie dass Wecker so tun, wenn sie auf 4:30 Uhr gestellt worden sind, holte er mich aus meinem unruhigen Schlaf. Die Hotels sind nicht so sehr auf sehr früh aufstehende Radfahrer eingestellt, so musste ich mich im Zimmer mit selbstbeschafften Sachen verpflegen. Ich kann mir wenig Schöneres vorstellen als morgens gegen 5 Uhr in einem Hotelzimmer sein Radlerfrühstück runterzudrücken. Gegen 6 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Zernez, wo dass Rennen um 7 Uhr gestartet wurde. Ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend kurz vor dem Start verhiess nichts Gutes. Trotzdem rollte ich als einer der allerletzten nach 7 Uhr über das Startband der Zeitmessung und machte mich an diesem kalten Sonntagmorgen auf

Richtung Ofenpass. Den Streckenteil bis zum Tunnel nach Livigno war mir aus der Autoperspektive bekannt.

Ein kurzer, knackiger Anstieg hoch nach Ova Spin auf knapp 1800 Meter, bei dem der eine oder andere Teilnehmer bereits sehr viel Farbe im Gesicht hatte und schon rauschten wir runter Richtung Zoll. Ab hier war die ganze Strecke Neuland für mich. In forschem Tempo ging’s leicht steigend durch den Tunnel zum Lago di Livigno und dann durch die endlos langen Gallerien nach Livigno. Wie war ich froh, die ersten Häuser von Livigno zu sehen und mich schliesslich bei einer Tankstelle meiner Magenschmerzen zu «entledigen». Ohne diesen unnötigen Ballast und Druck fuhr es sich schon wesentlich leichter.

Der Aufstieg zur Forcola di Livigno auf 2315 Meter machte viel Spass, so dass ich mein Austreten Mitstreiter um Mitstreiter wieder gutmachen konnte. Genuss wollte bei der anschliessenden Abfahrt keiner aufkommen: die Strasse in einem schlechten Zustand, eng und mit Baustellen und sehr kurz. So befand ich mich kurze Zeit später bereits wieder im Aufstieg zum Berninapass auf 2328 Meter. Die Wolkendecke klarte auf und gab den Blick auf das wunderschöne Alpenpanorama frei.

Die Strecke zurück nach Zernez führte durch viele mir dem Namen nach bekannte Orte wie Pontresina, Samedan, La Punt oder Zuoz. So fand ich mich einige Zeit und 97 km später in Zernez wieder. Rechts über die Zielgerade oder durchs Dorf weiter auf die 211 km Runde? Keine Frage: weiter… Beim Aufstieg zum Flüelapass auf 2383 Meter wurde es auch noch warm. Endlich wieder ein Gefühl in den Zehen. Meter um Meter wand ich mich die Kehren hoch, bis ich von einer Tourenbikerin mittleren Alters mit grossem Rucksack zügig überholt wurde! In Gedanken ob der Schmach bereits mein edles Carbonrad zersägend und die kläglichen Reste öffentlich verbrennend sah ich des Pudels Kern: ein Akku auf dem Unterrohr des Mountainbikes! Gut, Ehre wieder hergestellt. Nicht ganz ohne Schadenfreude überholte ich die nun schwer atmende Bikerin ca. 20 Minuten später wieder. Akku leer? Oben auf dem Flüelapass spürte ich erste Ermüdungserscheinungen und ein lästiges Zwicken im linken Knie. Ein älteres Problem, welches ich längst geheilt glaubte.

Getreu dem Popp’schen Motto «Geht nicht – Gibt`s nicht» fuhr ich weiter. Runter nach Davos, durch einige Tunnel nach Alvaneu Bad und Filisur, wo der Aufstieg zum Albula-Pass begann. Nun wurde es harzig. Die Batterien beinahe leer musste ich hoch auf 2315 Meter. Alles Zetern half jetzt nichts: treten, treten, treten. Eine gefühlte Ewigkeit später sah ich endlich den Verpflegungsposten auf dem Pass. Jawoooohl! Geschafft. Nach einer kleinen Stärkung blieben jetzt noch die Abfahrt nach La Punt und die letzten Kilometer zurück nach Zernez. Schön, dass es jetzt bei der Abfahrt noch so richtig zu schütten begann. Aber das konnte mich jetzt auch nicht mehr aus der Bahn werfen. So fuhr ich nach 8:39 Stunden, 211 km und 3′827 Höhenmeter kaputt aber glücklich durchs Ziel. Die Nacht verbrachten wir noch in Scuol, so dass ich das Frühstücksbuffet im Hotel wenigstens einmal testen konnte und machten uns dann am Montag auf den Rückweg ins Wallis.

Alpenbrevet
Eigentlich war das Alpenbrevet Ausgangspunkt für die ganze Aktion Swiss Radmarathon Challenge 2009. 2008 absolvierte ich bereits die Gold-Tour über 4 Pässe (Grimsel – Nufenen – Gotthard – Susten, Distanz: 172 km, Höhendifferenz: 5294 m) und setzte mir für 2009 zum Ziel, die Platin-Tour zu fahren. Jetzt, da angemeldet, gab es kein Zurück mehr. Nach dem Engadin Radmarathon blieben noch 4 Wochen bis zum Alpenbrevet. In diese Zeit fielen meine Ferien und so trainierte ich die Pässe einzeln. Grimsel, Susten, Nufenen. Nur der Lukmanier und der Oberalp blieben mir im Training verwehrt. Eigentlich sollte ich die Strecke schaffen können. Nur um den «Zielschluss» in Airolo machte ich mir einige Gedanken: 2008 benötigte ich nach Airolo etwas mehr als 5 Stunden. Start in Meiringen um 06:45 und 11:15h Last-Passing Platin Airolo: da blieben mir 4 ½ Stunden nach Airolo. Das würde also meine Bewährungsprobe werden…

Die Woche vor dem Alpenbrevet strahlte das Wetter um die Wette. Nur die Prognosen auf das Wochenende hin tönten nicht gut. Am Freitag schliesslich wurden für den Samstag Wetterwarnungen herausgegeben. Das ist einfach nicht fair! Trotzdem blieb die Hoffnung auf den Samstag. Dieses Mal musste ich mir kein Hotel suchen, da wir in Brienz am See in einem Feriendomizil unterkamen. Ich ging früh zu Bett, schlief aber wieder sehr unruhig und der Wecker holte mich nach 4:30 Uhr auf die Beine. Morgenstund hat Gold im Mund: wie ich diesen Spruch hasse! Ein erster Blick aus dem Fenster: es regnete nicht. Gut! Also Frühstück und die Frage, was heute am Besten anzuziehen ist? Ich entschied mich für Ärmlinge, Beinlinge und lange Handschuhe und packte auch die Regenjacke mit ein. So machte ich mich auf zum Start. Hier suchte ich ein paar Bekannte, welche ebenfalls die Platin-Tour fahren wollten, konnte diese aber nicht finden. Schade, die Tour wäre sicher einfacher in der Gruppe zu fahren. Schliesslich traf ich einen Kollegen, welcher jedoch «nur» die kleine Runde fuhr.

Noch trocken startete der Tross um 06:45 von Meiringen durch die vollkommen für den Autoverkehr gesperrte Aareschlucht nach Innertkirchen. Als ob Sekunden entscheidend sein würden, legten die vordersten Fahrer an den ersten Anstiegen der Grimsel los. Wissend um die Knackpunkte des Passes hielten wir uns ein bisschen zurück und liessen die «Renner» ziehen. Mein Kollege, wie erwähnt auf der Silber-Tour, schlug ebenfalls ein für mich zu hohes Tempo an. So liess ich ihn nach der Geraden der Handeck ziehen und fuhr meinen eigenen Takt weiter. Jetzt war ich alleine und das sollte auch für den Rest des Tages so bleiben. Erfreut darüber, dass das Wetter trocken blieb, erreichte ich unter 2 Stunden die Grimselpasshöhe auf 2164 Meter. Nach einem kurzen Verpflegungshalt ging es dann auf die Abfahrt nach Gletsch und weiter nach Oberwald und Ulrichen. Bitterkalt war es, aber immer noch trocken. Gleich bei Ulrichen beginnt der Aufstieg zum Nufenenpass. Und der hat es in sich.

Ich mag den Aufstieg zu diesem Pass nicht, habe auch immer wieder Mühe, mich hier zu motivieren. Es hilft aber alles nichts: ich muss hoch. In der Mitte des Passes schaute ich mal auf die Uhr und wusste, dass ich mich nun sputen musste: 11:15h Last-Passing Platin Airolo! Gegen 10:15 Uhr traf ich dann auch auf dem Nufenenpass auf 2476 Meter ein. Ohne grosse Pause fuhr ich gleich weiter, weil ich sah, dass der Nebel von der Tessiner Seite über den Nufenenpass strich und es zu allem Üebel jetzt auch noch zu regnen begann. Im Blindflug ruckelte ich die nasse Passstrasse runter. Keine Sicht und alles tropfnass. Ein paar hundert Meter später entschied ich mich dann doch, die Regenjacke, welche hinten in meiner Trikottasche schön trocken blieb, überzuziehen und setzte dann meine Fahrt fort.

Kurz nach 11 Uhr passierte ich Airolo. Alle anderen Fahrer, welche kurz zuvor an der Verpflegungsstelle standen, bogen in Airolo links Richtung Gotthardpass ab. Es schien, als ob sonst niemand mehr den Weg nach Biasca nehmen würde. Nach ein paar Minuten Warten machte ich mich dann alleine auf den Weg. Rechts von mir verlief die Autobahn, wo ich 10-15 Minuten an der stehenden Kolonne vor dem Gotthardtunnel vorbeifuhr. Ah, wie tat das wohl. Meine Laune und Stimmung wurde jedoch zusehends schlechter: mutterseelenalleine und in strömendem Regen war ich auf den 40 Kilometern von Airolo nach Biasca unterwegs. War es wirklich so, dass ich als allerletzter der Platin-Tour auf diesem Teilstück unterwegs war?

Endlich in Biasca angekommen war auch der Verpflegungsposten bis auf die Hilfskräfte verwaist. So, dass war’s. In Gedanken verabschiedete ich mich vom Alpenbrevet und machte mich mit dem Zug auf Richtung Norden. 15 Minuten nach meiner Ankunft dann die grosse Erlösung: eine Gruppe von ca. 15-20 Fahrern erreichte im Pulk den Verpflegungsposten. Super, ich bin also doch nicht alleine. Ich wartete, bis die ersten Fahrer dieser Gruppe sich verpflegt hatten und heftete mich dann an ihr Hinterrad.

Nun lag die grosse Unbekannte des Alpenbrevets vor mir: nie war ich weder Lukmanier noch Oberalppass vorher mit dem Velo gefahren. Ich reihte mich also meiner Pulsmessung entsprechend in die Gruppe ein und fuhr und fuhr und fuhr… Der Lukmanier schien kein Ende zu haben: von Biasca bis zur Passhöhe auf dem Lukmanier sind es ca. 40 km. Der Lukmanier ist auf 1965 Metern, da Biasca aber auf bloss 300 Metern über Meer liegt sind trotzdem 1600 Höhenmeter zu bewältigen. Auf dem Lukmanier schmerzten erstmals die Beine. Müde machte ich mich nach einem ausgedehnteren Verpflegungsstopp auf die Abfahrt nach Disentis. Endlich eine Abfahrt ohne Regen und Nebel, da trat Feind Nummer 3 ins Feld: Gegenwind! Und das nicht zu knapp. Statt 20 Kilometer Abfahrt hiess es nun auf den Geraden strampeln…

In Disentis ging’s gleich ohne grossen Unterbruch weiter Richtung Oberalppass. Auch diesen Pass kannte ich nur aus dem Auto, wusste aber, dass es mit 850 Höhenmetern auf knapp 20 Kilometer doch erträglich sein sollte. Sogar das Wetter hatte in der Surselva ein Einsehen mit uns und zeigte sich von der besten Seite: in der grössten Steigung wurde ich wunderbar besonnt! Die Passhöhe auf 2045 Metern hatte ich schon bald erreicht doch die Beine wurden zunehmend schwerer und schwerer. So versuchte ich mich auf der folgenden Abfahrt nach Wassen, immerhin 20 Kilometer, ein bisschen zu erholen. Der Oberalp Richtung Andermatt ist ein Klassestück und man fühlt sich talwärts wie ein kleiner Profirennfahrer. Von Andermatt bis nach Göschenen wird’s dann in der Teufelsschlucht ein bisschen eng und wir Radfahrer dürfen nicht auf das Verständnis der Autofahrer zählen. Selbst bei Nässe und Nebel wird gedrängelt und eine passive Fahrweise ist bei Freude an einem Weiterleben zu empfehlen!

Nun lag noch der Susten vor mir. 2008 war ich hier problemlos hochgekommen und so machte ich mich flott auf den Weg zum letzten Pass. Schon bald merkte ich aber, dass ich doch beinahe 2000 Höhenmeter und 100 Kilometer mehr in den Beinen hatte als im Vorjahr. Die Kette wechselte immer höher auf den Ritzeln bis es schliesslich keine Reserve mehr gab. Der Aufstieg zum Pass jedoch war noch nicht zu Ende und der Nebel legte sich zusehends bis auf die Strasse. Kein Blick in die Ferne war möglich, was aber in der momentanen Verfassung eher ein Vorteil war: so wusste man nie, wie lange der endlose Anstieg noch dauern würde. Ungefähr in der Mitte schloss ich zu einem anderen Fahrer auf, mit welchem ich von dort bis auf die Passhöhe von 2224 Metern über Meer zusammen fuhr. Lockere Gespräche über Pässefahrten mit dem Velo lenken ab … Endlich erreichten wir zusammen die Passhöhe. Nun, da klar war, dass ich es innerhalb der Zeitlimite schaffen würde, liess ich mir viel, viel Zeit am Verpflegungsposten. Herrlich schmeckten Cola und Käse. Schliesslich machte ich mich auf die letzten 30 Kilometer zurück nach Meiringen. Die Abfahrt vom Sustenpass ist eines der Highlights überhaupt in den Alpen. Wer das mal gefahren ist möchte es immer wieder und wieder tun!

Nach dem letzten Aufbäumen am Schlussanstieg bei der Aareschlucht traf ich gegen 20:15 nach 13:28 Stunden müde aber stolz in Meiringen ein. Fazit: Traumrunde trotz schlechtem bis miesem Wetter. Einziger Fehler: zu zweit oder mit noch mehr Mitfahrern würde die Tour noch viel, viel mehr Spass machen!

ewz Alpen-Challenge
Bereits zwei Wochen nach dem Alpenbrevet folgte die letzte der drei Prüfungen: die ewz Alpen-Challenge. Auch hier hatte ich mich für die grosse Strecke mit 4 Pässen (Albula – Bernina – Forcola di Livigno – Julier) 220 km und 4000 Höhenmeter angemeldet. Bereits am Freitag ging es nach Savognin, wo ich mich zusammen mit meiner Frau für die nächsten drei Tage im Cube Hotel einquartiert hatte. Hier machte das Wetter einige Kapriolen und so hoffte ich, dass der Sonntag besser werden würde. Am Samstag holte ich in Lenz meine Startnummer ab und konnte so gleich die letzten 300 der 4000 Höhenmeter mit dem Auto abfahren. Das also würde morgen das Dessert sein…

Am Abend ging ich früh zu Bett, an ein Schlafen war jedoch nicht zu denken. Gegen 22:30 Uhr wurden wir mit einem 20-minütigen Feuerwerk gleich vor unserem Fenster beglückt. Eigentlich ja eine feine Sache, nicht aber in dieser Nacht! Wer meine Geschichte bis dahin gelesen hat weiss was nun kommt: um 04:00 Uhr, wie dass Wecker so tun, wenn sie auf 04:00 Uhr gestellt worden sind, wurde ich unsanft geweckt. Mürrisch wie an jedem so frühen Morgen quälte ich mich durch mein Frühstücksprogramm. Timing ist das halbe Leben und so konnte ich «Montezumas Rache» noch zu Hause im Hotel abwenden. Ist um ein vielfaches unkomplizierter als bei einer Tankstelle in Livigno…

Petrus schien dieses Mal ein Einsehen mit den Radfahrern zu haben und so war es am Morgen kalt aber trocken. So machte ich mich nach dem Startschuss mit gemischten Gefühlen von Lenz aus auf, um den Albula «zu besteigen». Am Engadin Radmarathon hatte ich mich hier noch mit Mühen hochgequält. Bereits nach Bergün merkte ich, dass ich meinen Tritt gefunden hatte und es sehr gut lief. Irgendwo auf der Strecke nach Preda überholte ich eine Frau, welche dasselbe Rennrad fuhr wie ich. «Schöns Velo» sagte ich zu ihr und zog vorbei. Ich sollte sie noch öfters sehen an diesem Tag! Fahrer um Fahrer liess ich hinter mir und schon bald erreichte ich die Albula Passhöhe auf 2315 Metern über Meer. Der Ausblick Richtung Engadin war eine Augenweide: ein Nebelmeer lag wie eine Steppdecke über den Tälern und wir oben darüber. Kurz darauf stach ich bereits in diese Suppe ein und suchte mir die Strasse hinunter nach La Punt.

Wie ich vermutet hatte war ich auf der Geraden Richtung Samedan wieder alleine im Wind! Kurz vor der Abzweigung der Classic Tour bei Punt Muragl konnte ich doch noch an eine Gruppe anhängen. Doch wen wundert’s: die Gruppe bog auf die Classic Tour ab und so machte ich mich alleine zum Aufstieg des Bernina Passes auf. Den Pass kannte ich vom Engadin Radmarathon und hatte diesen als nicht sehr steil in Erinnerung. So war es denn auch und ich kam zügig voran. Ein paar Kilometer unterhalb der Passhöhe traf ich auch meine Bekannte wieder. «Immer nu es schöns Velo» und zog wieder an ihr vorbei. Irgendwie war sie wohl in den Pausen effizienter als ich.

Vom Bernina Pass, welcher sich wiederum bei besten Wetterverhältnissen präsentierte, ging’s ein paar Meter runter, um gleich wieder auf die Strasse nach Livigno abzubiegen. Diesen Teil hatte ich, obwohl am Engadin Radmarathon in Gegenrichtung befahren, noch gut in Erinnerung. Ein nicht sehr langer aber steiler Anstieg. Während eines kurzen Austretens nahm ich beiläufig zur Kenntnis, dass mich meine Bekannte wieder überholt hatte.

Die Abfahrt nach der Passhöhe von der Forcola di Livigno bis Livigno war schnell abgespult. Die Fahrt durch Livigno wurde zum Spiessrutenlauf. Alle Strassen waren heillos verstopft und ich kam nur schrittweise vorwärts. Ich war froh, dass die Gallerien nach Livigno begannen und ich den Verkehr hinter mir lassen konnte. So zog ich weiter bis zum Verpflegungsposten am Ende der Staumauer. Nach kurzer Verpflegung würde nun der Tunnel in den Schweizer Nationalpark folgen. Da dieser nur einseitig befahrbar ist wird man so lange aufgehalten, bis die Strecke wieder befahrbar ist. Ich hatte einigermassen Glück und stand nur ca. 15 Minuten vor dem Tunnel. Ein Pulk von an die fünfzig Fahrern machte sich dann auf durch den Tunnel. In dieser Richtung befahren ist er leicht abschüssig und wir durchquerten ihn mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von an die 50 Sachen!

Nach dem Tunnel stieg es gleich wieder hoch nach Ova Spin und die Geschwindigkeit fiel nur unmerklich auf knapp 25 km/h. Nach ein paar Metern wieder mein alte Bekannte … Die kurze Abfahrt nach Zernez (wieso sind Abfahrten so kurz und dasselbe als Anstieg so lang?) wurde immer wieder durch Baustellen und Ampeln unterbrochen. So traf praktisch die gesamte Gruppe gleichzeitig in Zernez ein. Endlich konnte ich mal das Flachstück (so man das so nennen darf) von Zernez nach Samedan in einer Gruppe fahren. Entsprechend hoch war auch die Durchschnittsgeschwindigkeit und das wellige Gelände trug dazu bei, dass sich mein Puls nie so richtig erholen konnte.

Nach der Abzweigung St. Moritz Richtung Julier Pass folgte für mich wieder unbekanntes Terrain. In St. Moritz nehmen die Fussgänger kaum Notiz von Radfahrern. Nicht ganz unverständlich bei den Carrossen, die dort um die Wette strahlen! Aber wir RadfahrerInnen) haben die schöneren Beine… Am Aufstieg zum Julierpass hatte ich noch Reserven, so dass ich Fahrer um Fahrer hinter mir lassen konnte. Ich merkte gar nicht, wie ich den Aufstieg auf die Höhe von 2284 Metern über Meer hinter mich gebracht hatte. Das lag wahrscheinlich aber vor allem daran, dass Silvaplana bereits auf über 1800 Metern liegt.

Die Abfahrt vom Julierpass war rumpelig, die Strasse mehr schlecht als recht. Ich freute mich auf den nächsten Verpflegungsposten und just als ich dort eintraf verliess meine Bekannte diesen. «Unglaublich, ist die Frau doch immer noch vor mir …» Nach einer flotten Zwischenmahlzeit mit feinen Bündnerfleisch Brötchen machte ich mich gestärkt auf die letzten 50 Kilometer. Bei der Durchfahrt durch das wunderschöne Surses quert man den einen oder anderen Ort mit traditionellen Dorfbildern. Bivio, Marmorera, Mulegns und wie sie alle heissen. Doch spätestens im Dorf Cunter nach Savognin ist die Flachfahrt wieder zu Ende. Die Organisatoren verlangen den Teilnehmern der Challenge Runde alles ab und schickten uns via Salouf nach Tiefencastel. An diesem Aufstieg treffe ich zum letzten Mal meine Bekannte. «Schönes Velo» und ziehe vorbei.

Nach Tiefencastel lass ich nichts mehr anbrennen und kämpfte mich mit allem was ich noch hatte und bei hochsommerlichen Temperaturen die letzen 300 Höhenmeter via Brienz nach Lenz hoch. Nach 8:47 Stunden traf ich unversehrt wieder in Lenz ein. Meine «Bekannte», inzwischen weiss ich das sie Weber Barbara heisst, traf nur Minuten nach mir ein und wurde Dritte in ihrer Kategorie. Gratulation!

Dabei sein ist alles…
Am Abend liege ich entspannt im Hotel im Bett und lasse die drei Anlässe Revue passieren. Fazit: das war kein Sack voller Strapazen sondern drei Erlebnisse der besonderen Art. Kann die Frage «Würdest du es wieder tun?» mit Ja beantwortet werden, hat alles gepasst. Kann sie das? JA!

Dieser Blog wurde in Zusammenarbeit mit der Swiss Radmarathon Challenge (Engadin-Radmarathon,Alpenbrevet und Alpen-Challenge) realisiert.

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Kommentare

15 Kommentare zu “Swiss Radmarathon Challenge 2009 – der Bericht von Martin Ittig”
Brunner Sepp 21.10.09.17.53 uhr 21.10.2009 18:10 Uhr

Lieber Martin
Vorab eine ungeheure Leistung
herzliche Gratulation bravo.
Habe an Deinen Leistungen nie
gezweifelt aber das war sicher
am Limit.Da ihr Radfahrer immer den Kopf
unten habt hast du nur das schöni velo gesehen “mehrmals” hoffe BARBARA War ansehbar? Nochmals herzliche Gratulation
alles gute bleib gesund liebe grüsse Sepp

Markus Ruf 22.9.2009 18:21 Uhr

Hoi Martin

Ich habe schon immer geahnt, dass Du vieles unternimmst, damit Du an den Wochenenden nicht Rasenmähen musst … aber dass Du soweit gehen würdest! ;-)

Im Ernst: Herzliche Gratulation zu dieser super Leistung! Das mach’ ich Dir sicher nicht so schnell nach!

Danke für den interessanten Bericht!

Liebe Grüsse und eine gute Zeit
Markus

PS: Was steht als nächstes an? Das Alpenbrevet auf dem Einrad? :-O

Fredy Bruderer 22.9.2009 13:11 Uhr

Sälü Martin
Gratuliere zur fantastischen Leistung. Als Walliser ist es ja leichter ‘ümbri’ und ‘ümbruuf’ zu gehen als für ‘Üsserschwiizer’, aber trotzdem bewundernswert deine Top-Ergebnisse!
Wünsche dir jedenfalls weiterhin viele genussreiche, erfolgreiche, schmerzfreie und unfallfreie Abenteuer auf dem Velo. Mach weiter so und bleib gesund.
Herzliche Grüsse
Fredy

Kili 15.9.2009 11:54 Uhr

Bravo Martin
Superleischtig! Wenn mu bideicht wie dü d’erschtu mal mit mier bisch cho biku… ;-)

Grüess üs Bäru, Kili

Volki 2.9.2009 16:02 Uhr

Salü Martin

Natiirli will sus öi ich nit unerlaa, dier zu diiner hervorragundu Leischtig z’gratulieru!!!

Chapeau!!!

Mu sellti schich fascht um diine Willu biniidu!

Güeti Erholig, vil Gschpass und wenig Schmärze bi diine neegschtu “Abentüür”

Volki

Dani 2.9.2009 11:56 Uhr

Bravo Martin, schade das deine Kollegen gekniffen haben, die hätten dich sicher nur gebremst, bei der super tollen Leistung!! Hut ab!
Gruss Dani

Markus Heini 2.9.2009 9:11 Uhr

Salü Martin

Absolut super !!!
Pass auf, dass du nicht “aus dem Leim” fällst …

Grüessli
Markus

Cornelia 1.9.2009 16:26 Uhr

Hallo Martin
super! Gratulation ich bin schwer beeindruckt und Gruss an Nicole… das hat sie gut in die Wege geleitet :-) )
Vielleicht schau ich auch mal ins Internet und gebe es dann an Micha weiter :-) )))
viele Grüsse und nochmals Kompliment an euch beide Cornelia

Kovacs Andreas 1.9.2009 14:44 Uhr

Jä aber hallo Martin

Do han ich jetzt aber gar nüd anders erwartet!
Wer de WK in Brugg bi de Genietruppe mit mir überstande hed, dä isch bewisenermase zu allem fähig!

Jetzt chasch d’Früchte us üsere teilwis am Limit überstandene WK-Täg ärnte. Bis mer dankbar das ich Dich immer und immer wieder a physischi wie au psychischi Gränze brocht han.

Bi stolz uf min Kamerad Fahrrad

SchwiBrü – abri embrüf – Grüess
Andreas

Martin Wenger 1.9.2009 13:58 Uhr

Sälü Martin

Sackstarke Leistung. Hut ab!

Wenn ich deine Zeilen so lese, frage ich mich, ob ich mein Rennrad wirklich verkaufen soll…..oder ob ich auch mal so was machen sollte.

Gruss aus Bern
Tinu

Gassi 1.9.2009 11:45 Uhr

Bravo Marti
Wenn ich mier deichu dass mier z Fidla scho weh tüet weni mim Velo va Natersch ufe Bahnnhof z Brig faru isch dass want dü da hesch gmacht en abnormali Leischtig.
Gratulieru!!!
Grüess Gassi

Ariette Fux 1.9.2009 2:14 Uhr

Hey Martin!

Wow! Das ist super cool. Herzliche Gratulation zu dieser Leistung. Ich fange beim Lesen schon an zu Schwitzen -;). Die tollen Erinnerungen werden Dich immer begleiten. Super!

Gruesse aus dem sonnigen Kalifornien
-Ariette

Erhard 31.8.2009 21:41 Uhr

Lieber Martin
Stolz und Freude kannst du an dieser Sonderleistung haben. Wollen und können reichen nicht aus – auch tun muss man es. Die erlittenen Strapazen haben dich ‘reicher’ gemacht. Und die Welt ist halt so eingerichtet, dass man das Schöne nicht ohne das Leiden haben kann. So einfach ist das. Herzliche Gratulation zur ausserordentlichen Leistung. Grüsse für dich.

haas-family 31.8.2009 21:33 Uhr

Hoppeli liebs Schwagi, Getti und Onkul :-) Wier gratuliere dier zu der Superleischtig mit dinum Drahtesul zämu, bravissimo!!! Ganz en tolle amüsante Bricht, bi fasch di Kurve embrüf mitgfahru – numu isch mine Puls nid hecher va 60 gstigu :-) Witer so solang dass dü e so en Gspass am Velofahru hesch und alles es Vergneigu blibt – hopp Ma’mi…… Bis znegsch mal, liebi Grüessjini va üs diner 2. Heimat
d’Haas’jini Sandra, Alex, Yann, Nils und Nelya

Nadja 31.8.2009 17:45 Uhr

Salü Martin, das isch en “Super-Leischtig”. Ganz härzlichi Gratulation. Eu där Bricht isch spannend – ja, summi kännt äbbä beides. Velofahrä und nu schriebä.

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