4. Engadin Radmarathon – Erlebnisbericht von Beatrice Wälchli

Redaktion FIT for LIFE

Ein voller Terminkalender bedeutet noch lange kein erfülltes Leben!

Sitze ich auf dem Velo, sind Termine weg von mir – weit weg. Dann habe ich Meeting mit dem Rad und vor allem mit mir: ohne Traktanden, keine endlosen Diskussionen, Pendenzen fehlen, ein Protokoll verlangt keiner. Wie «normale Meetings» haben auch meine Rad-Konferenzen ein Ende, dies immer mit der Gewissheit auf ein baldiges Treffen im gleichen Gremium – mit ähnlichem oder anderem Ziel. Diesen Frühling war ich sogar während 4 Monaten in der glücklichen Lage, mich jeden Tag aufs Rad schwingen zu können – und erst noch auf der Sonneninsel Mallorca bei Bicycle Holidays Max Hürzeler.

Nun gehöre ich wieder zur Spezies der normalen Bürogummis und komme nicht ums Planen meiner Ausfahrten herum. Es sind Agenda-Einträge, die nicht stressen. Beschönigen will ich nichts, auch auf Malle gab’s Treffen, Fixpunkte, geplante Einsätze und manchmal sogar ein «Muss»; aber die Motivation war anders, jedenfalls für mich. Soll nicht heissen, dass ich back home nicht gerne arbeite – schliesslich muss die nächste Auszeit finanziert werden… Eine gesunde Mischung für die Work-Life-Balance, welche ich mir selber verschreiben kann.

Und wo gearbeitet wird, Menschen im Einsatz stehen, sind häufig auch Stellvertreter definiert. Eine oder einer, der einspringt und übernimmt, wenn der Stelleninhaber krank ist, im wohlverdienten Urlaub weilt oder anderweitig abwesend ist. Stellvertreter-Rollen sind nicht die beliebtesten, denn die eigene Büez wird nicht weniger. Aber kann man/frau auch stellvertretend Velo fahren? Das habe ich nicht nur mich, sondern auch die Doppel-O-Suchmaschine gefragt. «Giverola-Veloblog-Schreiber» Thömu gewinnt einen Startplatz für die Swiss Radmarathon Challenge und kann schon beim ersten, dem Engadin Radmarathon nicht persönlich teilnehmen, weil ausgerechnet an diesem Wochenende Flachfahren in Holland ansteht.

Bea, die euphorische, übernimmt den Fall, obschon sie sich bewusst ist, wo Rechte sind, sind auch Pflichten, im vorliegenden Fall das Blog-Schreiben. Als Über-Euphorie kommt dazu, dass ich mir sogar zutraute, die 211-km-Stecke mit stolzen 3827 Höhenmeter in Angriff zu nehmen – schliesslich stecken in meinen Beinen neben den Sonneninsel-Kilometern auch noch ein Transalp-Rennen.

Den Morgen des 4. Engadin Radmarathon habe ich als trocken, aber für Mallorca-Verhältnisse sehr kalt in Erinnerung. Es geht los in Zernez. Nein, es geht eben nicht los: Wer hält mein Hinterrad? Wer hat meine Batterien geleert? Wieso komme ich nicht vom Fleck? Ich komme mir als stehenden Zuschauer vor, das Feld saust vorbei. Die Kraft fehlt, mich einer Gruppe anzuschliessen. Die Spritzigkeit ist nicht mit ins Engadin gekommen. Eisig kalte Finger und Füsse erinnern: Was weh tut, lebt noch. Das Selbstmitleid ist nur überflüssiges Gepäck und macht sich nicht gut. Schon am Berninapass bewillige ich mir den Gedanken, zu «versagen» und bereits nach 97 km und 1325 hm ins Ziel zu fahren. In La Punt klopft der innere Schweinehund und erinnert mich, dass ich stellvertretend radle. In dem Fall kann ich nicht den Kürzeren ziehen! Oder doch?

Die kommunikative Basis meines innerer Schufts und mir hat sich in den vergangenen Velojahren positiv entwickelt und so kommen wir im Gegenwind zur gemeinsamen Entscheidung, Flüelapass und Co. auszuschliessen und uns in Zernez auf die warme Dusche zu freuen. Als ich auf der Zielstrecke rechts einbog – auf der linken Spur fuhren die Flüela-und-Albulapässler weiter – hatte ich nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen. Aber ich wusste: den Startplatz habe ich übernommen. Gefroren, die leeren Beine mitgeschleppt, mir zu wenig lange Erholung nach der Tour-Transalp gegönnt und schlussendlich den Entscheid getroffen, früher als geplant ins Ziel zu radeln, das war alles meins. Fazit: Stellvertretend Velo fahren kann ich nicht. Wie heisst es doch so schön: «Tschauppe muesch de glych säuber!»

Dieser Blog wurde in Zusammenarbeit mit der Swiss Radmarathon Challenge (Engadin-Radmarathon, Alpenbrevet und Alpen-Challenge) realisiert.

Schlagworte: ,

Kommentar schreiben