Défi du Val de Travers – Leserbericht von Roland Breitenmoser

Redaktion FIT for LIFE

Das Gefühl von Länge mal Zeit kann täuschen

Seit ich den Défi du Val de Travers im Jahre 2008 entdeckt habe, gehört er zu meinen Lieblingswettkämpfen. Dieser Lauf in mittlerer Höhe bietet alles was Naturfreaks sich wünschen: viel Abwechslung in einzigartiger Landschaft und hohes läuferisches Können. Nach meinem harten letzten Jahr hat für mich mit dem Défi die Trailsaison begonnen.

Freitag, 19. Juni 2009 mein Telefon klingelt. Marcel Huber meldet sich für den Défi an. So denke ich bin ich nicht der einzige Läufer aus unserer Gegend. Ernst Steffen als mein Betreuer wird uns begleiten.

Das Sportzentrum ist beneidenswert schön, mit Aussensportanlagen, Hallenbad, Kongresssäle und 52 Betten sowie Restaurant. Bei unserer Ankunft in Couvet um ca. 18.30 Uhr konnten wir kaum Betrieb feststellen. Nicht vieles deutete auf eine Sportveranstaltung hin. Nach dem Pastagenuss in der grosszügigen Sporthalle erkundeten wir das Dorf. In einer eher an die Fünfzigerjahre erinnernden Beiz gab es noch den Schlummertrunk. Natürlich war die Nacht unruhig und kurz. Ging es doch um 7.15 Uhr an den Start. Wie wird das Wetter? Dunkle Wolken hingen drohend, bald zu platzen, an den Berghängen. Werden wir nass? Wenigstens ist die Temperatur angenehm zum Joggen.

Ohne Hetze und in gemütlichem Tempo erfolgten der Start und die ersten flachen 8 Einrollkilometer. Marcel und ich nutzten diese Phase für ausgiebige Gespräche. Ab Noiraigue 723 m als tiefster Punkt des Rennens ging es dann so richtig los mit der Steigung und unsere Gespräche brachen ab. In den 14 Kurvenweg schlängelte sich die Läuferschar auf die 1382 m hohe Creux-du-Van, es blieb keine Zeit, um die wunderschöne Aussicht zu geniessen. Längstens ist mir Marcel am Berg entwischt mit seinem raumgreifenden Schritt.

Der obere Rand des Felsen des Creux du Van bildet die Kantonsgrenze zwischen Neuenburg und der Waadt, was auch am Grenzstein welcher am Laufweg liegt ersichtlich ist. Auf dieser Höhe kommt uns die frische Brise so richtig gelegen und bringt etwas Abkühlung von der heissen Aufstiegsphase. In wenigen Schritten, den Steinmauern entlang, erreichen wir den zweithöchsten Punkt unseres Rennens: 1598 m Le Soliat.

Über Wanderwege, Feldstrassen und Weiden verlieren wir immer mehr an Höhe. Dies ist eigentlich mein Terrain und so überhole ich Läufer um Läufer. Ernst signalisiert mir, dass ich nur ca. 5 Minuten hinter Marcel laufe. Es ist herrlich zu laufen, sehr angenehme Temperaturen, aber eine grosse Luftfeuchtigkeit. Plötzlich ist es mit der Rollphase vorbei und eine Abzweigung zeigt uns in Richtung Trampelpfad, welcher noch sehr nass vom gestrigen Regen war. Es ging jetzt ein steiles mit knöcheltiefem Morast durchsetztes Tal zu Kilometer 25 hin. Kurz danach trennen sich die Strecken. Die Ultras gehen gerade aus und folgen dem Wasser, in die Idyllische Schlucht von Poätta Raisse. Noch über eine kleine Holzbrücke und schon beginnt die Steigung.

Nach ca. dreihundert Höhenmetern kommt ein Verpflegungsposten. Dieser ist mir noch gut in Erinnerung, hatte ich doch letztes Jahr hier grosse Mühe und eine Krise zu überstehen. Doch im Moment geht es mir ausgezeichnet. Habe zwar das Gefühl, nicht mehr genügend konsequent auf Zug zu gehen. Endlich habe ich diese verflixten Treppen hinter mir gelassen und so erreiche ich wieder eine offene Bergwiese. Jetzt habe ich mich mit einem Trailläufer zusammengeschlossen und wir unterhalten uns über viele Dinge. So erfahre ich, dass er in Schaffhausen lebt und schon einige Marathons in dieser Saison in den Knochen hat.

Beim Aufstieg am Bergrücken zum Chasseron stellt sich bei mir eine kleine Krise ein. Vor allem meine Waden krampfen leicht. So musste ich meinen Begleiter ziehen lassen. Hier spürte ich meine fehlenden Wettkämpfe. Doch plötzlich öffnet sich mein Blickfeld und zu meinen Füssen lag der Neuenburgersee mit der Ortschaft Yverdon. So, jetzt sind die meisten Höhenmeter hinter uns und das Rennen kann beginnen. Auf dem 1606 m hohen Berg beobachte ich das Wolkenspiel am Himmel und auf der Talsohle. Die schnell vorbeiziehenden tiefschwarzen Wolken erzeugen auf der Erde ein Schattenspiel mit geisterhaften Formen. Noch geniesse ich diese schöne Landschaft, bevor es wieder steil den Bergrücken runter geht. Schnell habe ich meinen Begleiter hinter mir gelassen. Ja, ich weiss, er wird wieder kommen. Doch beim steilen Abwärtslaufen kann ich halt meine kräftigen Beine voll einsetzen.

In Saint Oliver wartet Ernst wieder geduldig auf mich. Er wirkt fast enttäuscht, weil mein Camelback mir gute Verpflegungsdienste leistet. Wenn schon ein neuer Rucksack angeschafft wird, soll er auch eingesetzt werden. Eigentlich müssten wir bei fünfzig Kilometer angelangt sein, doch bald werden wir durch das fünfundvierzig Schild aufgeklärt. Das Gefühl von Länge mal Zeit kann schön täuschen. Diese kurze Enttäuschung stecken wir weg, indem wir wieder gemeinsam laufen und uns unterhalten. In der Ortschaft La Cote aux Fées ist an der Hauptstrasse eine kleine Festwirtschaft und das erste Mal erhalten wir Applaus. Während mein Laufkollege die feinen Grilldüfte aufnahm wie ein gutes Parfum, haben sie mich eher abgestossen.

Immer wieder wechseln Feldwege und Wiesenquerungen so ab, damit keine Langweile aufkommen kann. Über die Felder konnte der Trail gut durch das abgestrampelte Gras abgelesen werden. Mein Laufpartner hat sein Tempo leicht verschärft und mich stehen gelassen, so werde ich ihn erst im Ziel wieder sehen.

Meine Sorge galt dauernd dem Wetter. Hält es bis zum Schluss? Soll ich mich umziehen oder so weiterlaufen, wenn der Himmel die Schleusen öffnet? Bei meinen Gedanken geht der Pfad plötzlich stark abwärts. Nun noch einige Treppentritte und ich stehe auf dem Parkplatz des Hotels Chapeau de Napoléon. Hier bei der Verpflegung stosse ich auf einen Deutschen Mitkonkurrenten und eine Läuferin. Diese Beiden werden mich noch lange begleiten. Sie sind stärker bei den Aufstiegen und ich im ebenen und fallendem Gelände.

Aja, jetzt erkenne ich den schmalen Tunnel wieder bei welchem Ernst mich letztes Jahr empfangen hat. Und siehe da, er taucht wieder aus dem grünen Unterholz auf. Wie geht es Marcel? Der läuft schön und regelmässig und ist bereits schon über zwanzig Minuten vor dir, tönt es ruhig. Super, dann ist Marcel gut in Form für den UTMB, geht es mir durch den Kopf. In der Nähe von hier sprudelt die Quelle der Areuse aus dem Boden. Als ich in Les Bayards die sechzig Kilometer Anzeige passiere steht meine Uhr auf 7.30 Stunden. Dies muss zu einer guten Schlusszeit führen, rechnete ich mir aus. Ja, es könnten vielleicht sogar unter neun Stunden sein.

Nach einem langen Anstieg stellte ich fest, dass meine zwei Begleiter langsam zurückfallen. Es ist auch ziemlich warm an diesem Hang und nur dank einem kühlen Brunnen läuft es mir ausgezeichnet. Ich weiss, dass wir noch über diverse Ecken und Aufstiege geführt werden, bevor endlich der ersehnte Abstieg Richtung Ziel beginnt. Jetzt mache ich noch ungeahnte Kräfte frei und sause über den Bergweg nur noch Couvet im Kopf. Gleich wird noch der letzte Läufer überholt, welcher bei meinem Endspurt beinahe stillsteht. Es sind einige Hausecken zu umrunden und bald schon ist der Blick zum Zieleinlauf frei. Auf der Zielgeraden steht Ernst und Marcel bereits schon umgezogen. Mit ausgezeichnetem Gefühl erlebte ich die letzten Meter. Mit einer Zeit von 8.49 Std. für Marcel und meiner von 9.20 Std. sind wir sehr zufrieden. Meine Zeit ist in diesem Jahr um 28 Minuten besser als letztes Jahr und so gibt es nur ein kleiner Schatten, indem ich um eine lumpige Minute den dritten Kategorienplatz verpasst habe. Der Lauf und das anschliessende Sprudelbad waren dermassen schön, dass ich bestimmt nicht das letzte Mal hier war.

Schlagworte: ,

Kommentar schreiben