Ultra Trail Trans Aquitain – Tag 6
Michael Kunst
Feuchte Glückseligkeit
Sand, darüber haben wir ja beim sechstägigen Ultralauf Trans Aq schon mehrfach gesprochen. Hitze hatten wir auch schon. Lange, nicht enden wollende Strecken, logisch, auch dabei. Fehlt nur noch ein Aspekt: Regen. Oder besser gesagt: strömender, kübelweise ausgeschütteter Regen. Dichte Wolkenwände, die in langen Reihen vom Wind übers Meer zum Strand geschoben werden und immer wieder davor, dabei und danach: Regen.
So ungefähr das Szenario kurz vor dem Start der letzten Etappe: Auf hoffnungslos aufgeweichtem Boden, zwischen völlig durchnässten Zelten kauern ein paar trostlos dreinschauende Typen, denen man auf den ersten Blick den Läufer oder die Läuferin so nicht abnehmen würde. Ziemlich abgewrackt sehen sie aus, einige versuchen sich notdürftig mit schnell zusammengeschneiderten Müllsäcken vor dem Nass zu schützen, bei anderen kann man mit Mühe noch unter all’ dem Sand, Schlamm und Schweiss der letzten Tage die federleichte und deshalb sündhaft teure Gore-Laufjacke erkennen. Die letzten Energieriegel werden aus dem aufgeweichten Rucksack gekramt, noch schnell irgendeine Pampe hinunterwürgen, von deren Qualität sie vielleicht noch nicht einmal so überzeugt sind, die aber schon aus Gewichtsgründen vernichtet werden muss.
Achtundzwanzig Kilometer liegen vor den Läuferinnen und Läufer, 28 Kilometer, für die keiner angesichts des Regens so recht motiviert scheint. Doch kaum sind sie unterwegs, fällt jeder wieder in seinen monotonen, angeblich glückselig machenden Trott, schiebt mehr oder weniger rasch einen Fuss vor den anderen und beugt dabei den Oberkörper nach vorn, um den Rücken vom Gewicht des Rucksacks so weit wie möglich zu entlasten.
Achtundzwanzig Kilometer, die alles entscheiden und auch wieder nichts: Der Schweizer Philippe Maillard wird sich nicht wieder nach ganz vorne kämpfen können und doch ausgesprochen gleichmütig darüber hinwegsehen – schliesslich will er hier Spass haben und nicht «auf Deibi’ komm raus» gewinnen. Dagegen seine Angetraute Ruth ihren ersten Rang im Gesamtclassement der Frauen behalten und sich zwar darüber freuen, dies dann aber auch wieder mit einem Schulterzucken abtun: «Ich bin zum Laufen hier, nicht zum Gewinnen. Wenn’s dann doch klappt, umso schöner», hat sie noch vor zwei Tagen gesagt. Und ähnlich gelassen sind alle drauf, als sie letztendlich nach 26 Kilometern in den Wäldern endlich auf die «Zielgerade» kommen, den gnadenlos eintönigen, aber gerade deswegen wunderschönen Sandstrand von St. Girons-Plage.
Mit einer kleinen Verbeugung schieben die Wettergötter für diese letzten Schritte die Wolkenwände zum Horizont und – Spot-on – tauchen jeden einzelnen der Protagonisten am Strand in ein triumphales Licht. Ganz gleich, ob es sich um den Sieger Philippe Guillôme handelt, der dieses Rennen in 21:05.05 Stunden Gesamtzeit absolviert hat oder um die älteste Teilnehmerin, die mit 74 Jahren eben nicht aufgab und nach knapp 40 Stunden völlig losgelöst im Ziel einschwebte. Oder Andreas Schneider, unser Arzt aus der Nähe von Zürich; er finisht overall in den Siebzigern, ist sichtlich mit sich zufrieden und wirft nochmals einen fast schon wehmütigen Blick über den Strand und das Meer, bevor er ein letztes Mal zum Zeltcamp humpelt.
Doch, einer unter den Läufern, war auf diesen letzten Kilometern nicht mehr vom Glück geküsst: 2,5 km vor dem Ziel brach sich Raymond zweifach den Knöchel, durch einen Fehltritt, ganz unspektakulär, aber besonders schmerzhaft, nach so vielen Kilometern, so kurz vor einem glücklichen Ende.
Machen wir uns nichts vor: Alle waren froh, dass dieses Rennen geschafft ist, selbst für die ausgesucht harten Trans Aq-Verhlätnisse, war diese Ausgabe besonders penibel. Doch es genügt ein Blick in die Augen der Läufer, nachdem sie alles hinter sich gebracht haben. Da ist etwas, das Nicht-Läufer kaum nachvollziehen können. Eine Mischung aus Stolz, Glück und Entrücktsein. Die Trans-Aq’ler wirken für kurze Zeit wie Menschen mit einem neuen Bewusstsein. Ein Bewusstsein, das in diesem Fall im wahrsten Sinne des Begriffs «auf Sand gebaut» ist.

Michael Kunst bloggt täglich vom Trans Aq, einem Langstreckenlauf in 6 Etappen und 6 Tagen über gesamt 240 Kilometer, der durch die französische Region Aquitaine führt.
Schlagworte: TrailRunning, Ultralauf












