Ultra Trail Trans Aquitain – Tag 2
Michael Kunst
Hitze, richtige Hitze! Und Mozartarien im Wald.
Vom Sand habe ich gestern erzählt. Von diesem entmutigenden Gefühl, das immer dann aufkommt, wenn der gerade gesetzte Schritt immer wieder ein paar Zentimeter nach hinten wegrutscht. Heute auf dem Programm: Sand und Hitze! Die zweite Etappe des Trans Aq führt erneut zu fast 100 % durch Wälder, entlang wunderbarer Seen, diesmal ohne Ausflug zum nahen Ozean. Okay, Wälder, das hört sich jetzt ganz nett an: viel Schatten, elastisch-rückfedernder Untergrund, paradiesische Zustände für Läufer eben. Hier gibt es allerdings die erwähnten «Fiesigkeiten» als Zulage, sozusagen: Weiterhin Sand, Sand, Sand als Untergrund plus eine sehr trockene Hitze, die über und in den Wäldern wabert und den Läufern und Marschierern zusetzt, richtig zusetzt. Summa summarum ein Szenario, das nicht unbedingt Lust auf einen Fast-Marathon von 41 km Länge macht.
Vor dem Start sind zunächst alle relativ guter Dinge. Die Nacht war für die meisten tatsächlich erholsam, keiner humpelt zum Startbogen, der mitten im Wald aufgepumpt wurde. Zudem lag das Lager idyllisch an einem See, so dass die meisten Läufer echt erfrischende Bäder nehmen konnten, freilich nicht zu lange, schliesslich weicht Wasser die Haut auf und macht gestandene Renner zu Weicheiern. Die Mahlzeiten fielen, dem Esprit des Rennens, ausgesprochen spröde aus: jeder Läufer schleppt genau das mit sich, was er auch essen will. Und da Gewicht auf dem Rücken bekanntlich schlimmer ist als die Lust auf eine Dose Ravioli oder zwei Flaschen Wein, beschränken sich folgerichtig die Mahlzeiten der Läufer auf gefriergetrocknete Köstlichkeiten, Kohlenhydrathaltige Pampen und stärkende Nussmischungen. Nicht gerade frugal, aber (noch) kein Grund zum Missmut. Und dass den Läufern am Abend der ersten Etappe eine Opersängerin mitten im Wald Mozartarien vorgesungen hat, mag auch die Laune ausgesprochen gehoben haben.
Womit wir bei meinem Helden des heutigen Tages angekommen wären: Andreas Schneider, 48 Jahre, aus Frauenfeld/Schweiz, Allgemein-Mediziner mit eigener Praxis und dem Untertitel «Sportmedizin» auf dem Praxisschild. Der 48-Jährige läuft seit mehr als 10 Jahren wieder verstärkt, ist mehrmals beim Marathon des Sables am Start gewesen und hat ein echtes Faible für Langstreckenrennen entwickelt. Er hat gestern im letzten Drittel des Rennens gefinisht und wollte heute nur eines: Locker durchkommen, um möglichst über das gesamte Rennen einen 7-km/h -Schnitt halten zu können! Einige seiner Eindrücke nach der zweiten Trans Aq-Etappe: «Ich habe vor längeren Strecken wie Marathon und aufwärts immer Respekt, enormen Respekt. Deswegen bin ich diese Etappe auch eher langsam angelaufen, ich habe mittlerweile viel zu viel Erfahrung, um wegen ein paar Minuten oder Plätzen meinen Körper ans Limit zu bringen. Die Kombination ‹Hitze und Sand› ist übrigens ziemlich hart – die meisten meiner Konkurrenten haben dies gehörig unterschätzt und mussten heute ziemlich leiden.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Ich habe es im Laufe der letzten Jahre richtig trainiert, beim Laufen zu trinken! Das hat hier und heute enorm geholfen! Die meisten anderen haben immer angehalten, auch wenn sie einen Schluck aus ihren Trinksystem-Flaschen saugen wollten. Bei mir ging das richtig gut so. Was mich wirklich beeindruckt hat, wie stark der Sand doch bremst hier. Das ist ein Faktor, der für die nächsten Tage nur schwer einzuschätzen ist. Aber auch das kann man trainieren: Bergauf-Läufe eignen sich für den Aufbau der hierfür benötigten Muskelpartien ganz besonders gut. Was mich am meisten beeindruckt hat bisher? Die Landschaften! Unglaublich, durch welch riesigen Wälder wir hier rennen, und kein Mensch weit und breit! Ausserdem das Gefühl, den Ozean direkt um die Ecke zu haben. Überhaupt: Ich könnte eigentlich schnell über die Düne gehen und meine Füsse im Atlantik wässern.»

Michael Kunst bloggt täglich vom Trans Aq, einem Langstreckenlauf in 6 Etappen und 6 Tagen über gesamt 240 Kilometer, der durch die französische Region Aquitaine führt.
Schlagworte: TrailRunning, Ultralauf












