Ultra Trail Trans Aquitain – Tag 1
Michael Kunst
Sand, weicher Sand! Die «Hölle für Läufer»?!
Mit Läufern kann man hervorragende Zeiten verbringen. Weil sie zumeist ziemlich locker drauf sind, oft genug gelassen daher kommen, vor allem aber eines bleiben: neugierig! Neugierig auf ihre Limits, neugierig auf die Limits der anderen, neugierig auf alles, was hinterm Horizont ihrer harren könnte. Man muss sowieso ein wenig seltsam sein, um sich überhaupt ohne Grimassen vorzustellen, innerhalb von 6 Tagen 240 Kilometer zu laufen. Das macht im Schnitt immerhin 40 Kilometer, jeden Tag wohlgemerkt. Doch in unserem Fall kommt noch erschwerend hinzu, dass ein Gebiet er-laufen werden soll, das gelinde gesagt, «die Hölle für Läufer» sein müsste: Denn 210 km der Strecke beim Trans Aq werden auf Sand absolviert.
Sand – genau diese seltsame Masse, die bei jedem Schritt nachgibt, die sich immer und überall ihren Weg sucht – Sand, der scheuert und reibt, auf den Zähnen knirscht und in den Ohren kitzelt. Unnötig zu erwähnen, dass jeder Läufer vor genau diesem Sand immer Schiss, zumindest aber Respekt hat. Und war das der Grund, warum gestern Abend bei der Pasta-Party, irgendwo weit ab von jeglicher vermeintlichen Zivilisation, auf einer kleinen Halbinsel die in einen See hineinragt, der wiederum nur eine Düne entfernt vom Atlantik liegt, dass fast alle der 160 Teilnehmer vor und während der Pasta-Party reichlich dem Bier und Wein zusprachen? Oder war es ganz simpel der Umstand, dass die Organisatoren Franzosen sind, ein Grossteil der Teilnehmer zumindest frankophone Neigungen hat?
Egal – heute morgen um 8 Uhr waren sie alle am Start, mit ihren noch prall gefüllten Rucksäcken auf dem Rücken, ihren seltsamen Trinksystemen an den Trägern befestigt. Verpflegung für 6 Tage haben sie dabei, plus Schlafsack, plus Isomatte. Das Zelt wird ihnen gnädigerweise gestellt und zum Etappenziel transportiert, und Wasser auch, allerdings höchstens 6 Liter am Tag. Also alle sind los, fast alle sind am frühen Nachmittag im Ziel. Nur einer, René, hat aufgeben müssen, weil er irgendwo hoffnungslos dehydriert, wohl mit einem Hitzschlag umgekippt ist. Jetzt empfängt er schon wieder Mitläufer, die sich um ihn Sorgen machten, im provisorisch aufgebauten Krankenzelt.
Was zwischen Start und Ziel lag? 28 km Sand, was sonst! Und für die meisten die Erkenntnis, dass die nächsten Tage ausgesprochen schwierig werden. Noch keiner der 160 Teilnehmer hat Blasen an den Füssen, kaum jemand, der diese erste Etappe auf Singletrails in endlos erscheinenden Kiefernwäldern oder an schnurgeraden, hoffnungslos überhitzten Atlantikstränden als besonders Kräfte zehrend empfunden hätte. Viel zu gut trainiert sind sie dafür, alle. Aber heute Abend wird es keinen Wein und kein Bier geben, es sei denn, jemand hat in seinem Rucksack eine Flasche mitgeschleppt. Egal wie, heute Nacht wird jeder Einzelne über seine morgige Etappe entscheiden: Es kommt nur drauf an, wie gut man und frau sich schlafend erholen werden. In 3-Personen-Zelten, Schulter an Schulter mit den schwitzenden Konkurrenten, pardon: mitlaufenden Freunden. Und es kommt drauf an, wie viel Sand es bis in den Schlafsack geschafft hat.

Michael Kunst bloggt täglich vom Trans Aq, einem Langstreckenlauf in 6 Etappen und 6 Tagen über gesamt 240 Kilometer, der durch die französische Region Aquitaine führt.
Schlagworte: TrailRunning, Ultralauf












