Ultra Trail Trans Aquitain – Ruhetag und Tag 5

Michael Kunst

Was sind schon 110 m?

Einhundertzehn Meter kann man sich relativ einfach vorstellen: Lediglich zehn Prozent zum 100-m-Sprint hinzuzählen, et voilà. Nun das Ganze in die Vertikale gesetzt, und zwar ausgehend vom Null-Level am Atlantikstrand und man kann sich ungefähr ausmalen, wie hoch die Düne von Pyla oder Pilat, je nach Schreib-Gusto, aufragt. Nicht unbedingt hoch, oder? Nicht unbedingt etwas, was man einen Berg nennen würde. Das ist das eine. Das andere: Dünen haben es nun mal an sich, dass sie vollständig aus Sand sind. Und wenn dieser Sand seit mehr als einer Woche keinen Regen erlebt hat, dann ist er weich, nachgiebig… und anstrengend. Gnadenlos anstrengend, jedenfalls für Läufer.

Sie haben es schon erraten: Diese höchste Düne Europas mussten die Trans Aq-Heldinnen und -Helden am Donnerstag erklimmen. Sozusagen als Auftakt zu einem «kleinen» Marathon über 42 km. Okay so weit, nur: Der Start am Strand von Arcachon war abends halb neun Uhr, was unweigerlich zur Folge hat, dass lediglich das erste Drittel des Trans-Aq-Feldes den Sonnenuntergang über dem Meer vom Dünenkamm geniessen konnte, die meisten anderen kamen schon im Dunkeln oben an. Mit Stirnlampe, selbstredend, und mit ziemlich schmerzverzerrten Gesichtern: die lange Etappe am Vortag hatten die meisten, trotz einem Tag «Pause» am Strand von Cap Ferret, noch nicht richtig verkraftet, ob körperlich oder mental.

Den Weg vom «massif des dunes» hinunter in die Wälder haben dann die meisten noch gefunden, doch die folgenden zwei Drittel ihres «kleinen» Marathons irrten sie dann in den Wäldern umher. Obwohl … es sah eher nur nach «irren» aus, die Wege und Pfade durchs Unterholz waren mit reflektierenden Bändeln ausgewiesen, man musste eben nur die Augen aufhalten, was aber wiederum bei einer Nachtetappe mit derartigem Kilometerpensum in den Beinen naturgemäss etwas schwer fällt. Als kleine Freundlichkeit von oben schickte Petrus noch einen Gruss in Form eines ausgewachsenen Landregens, der den Läuferinnen und Läufern zu Beginn wie ein Segen vorkam, gegen Ende der Strecke dann aber ziemlich auf die Nerven ging.

Logisch, dass ein Strandabschnitt im Stockdunkeln den Abschluss dieser Etappe bildete, logisch, dass auch nachts zwischen zwei und drei Uhr reichlich der unermüdlichen Helfer am Zielbogen standen, um den teilweise völlig Entkräftigten über die letzten Meter dieser Nacht zu helfen. Doch gnadenlos gab es zur Belohnung auf der Etappenziellinie wieder nur eine Flasche Wasser und den guten Ratschlag, möglichst viel möglichst von den mitgeschleppten, zumeist gefriergetrockneten Köstlichkeiten zu geniessen, um dann schnell möglichst tief zu schlafen, denn morgen…

Tja, denn an diesem Freitag Morgen wartete nämlich die Kleinigkeit von 20 km auf die «Trans Aq’ler»; eine Strecke die im Vergleich zu den anderen Etappen keine besonderen Schwierigkeiten aufwies, bis auf eben den Umstand, dass die meisten der Teilnehmer erst spät am frühen Morgen in Tiefschlaf gesunken sind und noch reichlich Müdigkeit in den Knochen verspürten. Regen, (nicht mehr ganz so weicher) Sand und bleierne Müdigkeit… da hilft nur eine aufmunternde Nachricht weiter: Ruth Maillard führt weiter die Frauen an, ihr Mann musste allerdings wegen schwerer Magenprobleme einen Gang zurückschalten und führt derzeit nicht mehr das Gesamtclassement an. Aber wer weiss: Die morgige Etappe könnte alles wieder ins Lot bringen. Zu guter Letzt noch News von meinem persönlichen Laufhelden: Andreas Schneider ist weiterhin gut dabei (irgendwo in den Siebziger-Rängen platziert) und kommt immer erstaunlich gelassen ins Ziel. Sein heutiger Kommentar: «Dieser Trans Aq ist läuferisch anspruchsvoller als jeder Marathon des Sables. Ohne «Zwiffel»!

Michael Kunst bloggt täglich vom Trans Aq, einem Langstreckenlauf in 6 Etappen und 6 Tagen über gesamt 240 Kilometer, der durch die französische Region Aquitaine führt.

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