Rahm verleiht dem Ironman Flüüügel!

Olivier Bernhard

It’s time for a change!

Lange genug haben wird diese Botschaft ertragen müssen. Zum Sieg hat sie Obama allemal verholfen. Spätestens seit der Finanzkrise ist uns allen bewusst, dass ein Wandel statt finden wird. So wachsen vielleicht in Heiden im Appenzellerland schon bald Kokosnusspalmen, dessen Früchte ich dann am Bodensee am weissen Sandstrand zum Besten feil geben kann und in einigen Jahrzehnten werden die Nachkommen von Albrecht und Miller auf Jamaica um den Gesamtweltcup im Skicircus wedeln. Der Osten verschmilzt unter dem Druck der Klimaerwärmung unwiderruflich mit dem Westen, der Kommunismus somit mit dem Kapitalismus und wir Europäer sitzen als Katalysator oder im schlechteren Fall als Pufferzone in der Mitte dieser unaufhaltsamen Prozesse.

Noch in der Adventszeit im Jahre 2001 habe ich beschlossen, im März 2002 am Ironman Neuseeland teilzunehmen. Ich absolvierte mein Ausdauertraining auf den Langlaufskis und bei ausgiebigen Skitouren, um mein Trainingstagebuch bis hin zum Wettkampf auf den richtigen Kontostand zu bringen. Morgentraining von 6 – 8 Uhr im Hallenbad, anschliessendes Krafttraining über rund zwei Stunden, Mittagessen und am Nachmittag noch eine lange Lauf- oder Radeinheit – das müsste eigentlich hinhauen.

Wie man weiss, entscheidet der Kopf im Ironman mit, und so stand mir dieser auch schon wieder im Weg. Je näher der Wettkampf rückte, desto öfter hörte ich meine innere Stimme: «Das wird nicht ausreichen, deine Kollegen trainieren in der Wärme und haben viel die besseren Möglichkeiten, sich auf den Ironman Neuseeland vor zu bereiten!» – Stimmt, dachte ich mir, als ich am Nachmittag wieder mal vom Rad stieg nach 4 Stunden Fahrt bei -4° C. Vor allem, weil ich rund 20 Minuten brauchte, um meine Finger und Zehen wieder zu spüren und in etwa eine halbe Stunde, um überhaupt wieder aufrecht gehen zu können. So muss sich Don Quijote nach seinen tagelangen Ritten auf seiner Mission im Kampf gegen die Windmühlen gefühlt haben. Wie ein alter Mann eben!

Wer sucht der findet. Ich wusste, dass ich mit diesem Irrlauf als Vorbereitung nicht gegen meine besten Mitbestreiter bestehen konnte. Also suchte ich nach Möglichkeiten, meine Leistungsfähigkeit positiv zu beeinflussen. Mental war ich so ziemlich auf dem Tiefpunkt. In diesem Zustand an diesem wunden Punkt anzusetzen, hätte mich zu viel Energie gekostet. Im Training war der angesprochene Klimawandel 2001 noch nicht vollzogen und es lag der übliche Meter Schnee an meinem Wohnort in Heiden. Ich bin ein experimentierfreudiger Mensch. Und so habe ich mich in das Geheimnis ganz neuer und sehr irritierender Erkenntnisse einweihen lassen. Ich wollte anfangs meinen Ohren nicht trauen, als dieser Arzt mir von einer Rahm-Diät erzählte. Er redete und redete und ich sah mich die ganze Zeit im Schlaraffenland. Rahm zum Frühstück, Rahm zum Mittagessen, Rahm zum Nachtessen – Rahm, wann immer und wie viel man immer mag. So schwierig konnte das doch nicht sein!

Seinen Angaben nach sollte die Leistung unter der Einhaltung eines strikten Ernährungsprotokolls rund 5-7% ansteigen. Schwierig war es wahrlich nicht, denn die Diät bestand in den ersten 7 Tagen einzig und alleine in der Einnahme von Rahm und Wasser. Nur Rahm und Wasser! Also kein Rahm zur Rösti mit Filet oder zum Müesli oder zu den Früchten. Ich hab Rahm sehr gerne. Doch die Vorstellung, mich ausschliesslich mit Rahm über Wasser zu halten, machte mir doch etwas Kopfzerbrechen. Der erste Morgen mit Rahm zum Frühstück war amüsant, ja sogar lecker. Nach der ersten Ertüchtigung im Hallenbad machte sich auch schon wieder etwas Hunger breit. «Rahm» – dachte ich mir und kaufte diesen sogleich auf dem Heimweg vom Training ein und weg war er auch schon, kaum zu Hause angekommen. Die Familie hat ihr reguläres Nachtessen eingenommen, während ich gelangweilt vor einer Porzellanschüssel mit hart geschlagenem Rahm sass, dieses fein duftende Nachtessen keines Blickes würdigend in eine Ecke schaute und den Rahm in mich drückte.

Rahm besteht aus einem sehr grossen Teil aus Fett und Eiweiss. Das Gehirn funktioniert zu einem grossen Anteil aber nur dank der Fütterung von Kohlenhydraten reibungslos. Mit jeder weissen Mahlzeit stieg auch der Pegel der Aggressivität. Waren sie schon mal mehrere Tage mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner abgeschieden von der Zivilisation wandern? – «Wollen wir nicht mal anhalten und auf der Karte nachsehen, ob wir noch auf Kurs sind?» – «NEEEIIIINNNN!!!» Meine Toleranz gegenüber meiner Partnerin war auf dem Gefrierpunkt angekommen. Wie ein ausgehungerter Löwe habe ich alles verbal angegriffen, um meiner angestauten Aggression ein Ventil zu geben. Die Kritik in meinem Umfeld nahm zu und mit gleichem Masse mein Trotzverhalten, die Diät nicht telle quelle aufzugeben. Obwohl ich doch hätte eingestehen müssen, dass ich kraft- und orientierungslos knietief im Sumpf der weissen Masse stand. Ich erinnere mich an Trainings, da musste ich mein Rad vom Bodensee nach Heiden an den steilsten Stellen (15%) stossen, weil meine Beine zitterten und mein Oberkörper nicht im Stande war, die Lenkstange auf der Spur zu halten. Aufgeben? – Niemals! Und sollte ich in Neuseeland scheitern, dann war es mindestens im mentalen Bereich eine enorme Erweiterung.

Der 4., 5., 6. Tag, und immer nur Rahm – morgens, mittags, abends, wann immer man mag, soviel man mag. Lachen mochte ich nicht mehr über diesen Ausspruch des Arztes. Doch ein müdes Lächeln war schon wieder auszumachen, denn ich wusste, dass ich am 7. Tag das neue Protokoll für die zweite Woche erhalten würde. Waren es Freudentränen oder Tränen der Verzweiflung? – Ich weiss es nicht mehr – 2 x Salat und 2-3 x Früchte immer mit Rahm versteht sich. Nach neun Tagen spürte ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Kraft in den Armen um sechs Uhr morgens im Schwimmbad. Ich witterte Morgenluft, Wind unter meinen Flügeln, Rückenwind oder einfach die Hoffnung, dass doch noch alles gut kommen könnte. Noch waren es rund 1 ½ Monate bis zum Ironman in Taupo. Trainiert habe ich viel – viel Grundlage, viel Technik und viel Stehvermögen. Ich hatte nach rund drei Wochen Rahmdiät die innere Gewissheit oder vielleicht besser Überzeugung, dass ich wieder auf demselben Stand war wie vor der Diät. Was aber noch folgen sollte, war eine Superkompensation, ein Endspurt der hormonellen und metabolen Prozesse. Sonst wäre die irre Sache mit dem weissen Schaum um sonst gewesen.

Was sich in den folgenden Wochen verändert hat? – Nicht viel. Meine Sensorik im Bereich der Geschmacksempfindung hat sich in vielen Bereichen verschoben. Nur schwangere Frauen können in diesem Punkt mitreden – nichts für Männer. Ausser, man hat die Rahmdiät schon hinter sich. Dann rufen Sie mich an, denn gerne würde ich mich über die Erfahrung im Schlafzimmer austauschen. Viagra ade – es lebe der Rahm! Da könnte Pfizer die Tore schliessen und der Schweizer Milchverband hätte im Gegenzug die Butterberge über Nacht in die neuen Goldreserven der Schweiz verwandelt. Gut, dass niemand weiss, was die Rahmdiät wirklich alles drauf hat. Die Tage verstrichen und das Aufbautraining verlief zu meiner vollsten Zufriedenheit. Einzig die Skepsis meiner Frau wuchs im gleichen Ausmasse wie meine Borniertheit, dass ich sie alle in die Pfanne hauen werde am Wettkampftag. Für den Wettkampf hatte ich mir etwas ganz Spezielles ausgedacht. Nicht isotonisches Getränk sollte morgen in der Trinkflasche auf dem Rad meinen Durst stillen. Nein, nichts geringeres als Rahm. Einfach nur Rahm. Rahm war schliesslich mein Betriebsstoff, der mir den Vorteil gegenüber all den Mitstreitern geben sollte. Die Warnung des Arztes, dass dies nicht gut gehen wird, ignorierte ich selbstverständlich.

Nach dem 3.8km Schwimmen fand ich mich unter Athleten, welchen ich sonst erst auf dem Rad oder auf dem Laufen begegnete. Jetzt rangen sie neben mir in die Wechselzone stürzend nach Sauerstoff. Nach schon 20 Kilometern lag ich in Führung. Keine Athletenseele mehr zu sehen. Einzig das Motorrad mit einem Offiziellen auf dem Gepäckträger mit Daumen nach oben weisend, brummte neben mir seine Melodie. Die Buchstaben und Zahlen, welche mit weisser Kreide auf der schwarzen Tafel gekritzelt wurden, bestätigten mein waghalsiges Unterfangen der letzen 2 Monate. Rahm dachte ich mir und genoss den Anblick mit einem breiten grinsen: Bernhard – Leader, Brown: 2.50, Lieto: 2.52, Leigh: 3.15.

Meine Frau und der Sohn Mika warteten gespannt in Taupo auf die erste Durchfahrt nach 60 km. Nach rund 30 km war es an der Zeit, das Elixier zu mir zu nehmen. Es sollte mir die Flügel verleihen. Den Bidon an den Lippen angesetzt, wartete ich jedoch vergebens auf das weisse Gold. Alles was auch der Trinkflasche floss, war ein bitterer durchsichtiger Saft. Wer hat mir den Bidon ausgetauscht – wer ist meinem Geheimnis auf die Schliche gekommen?

Schnell löste sich jedoch das Rätsel auf. In Neuseeland ist der Untergrund auf dem Fahrrad derart uneben, dass der Rahm durch die regelmässige Erschütterung zu Butter geworden ist. Was nun? – Asterix ist doch auch ein Niemand ohne seinen Zaubertrank!

Nach 45 km hatte ich die Führung schon um mehr als 5 Minuten ausgebaut. So muss sich Zeus Sohn Herkules in der Blüte der Antike gefühlt haben. Keiner war mir gewachsen. Vor der Wechselzone war ein Anstieg von rund 4km zu bewältigen. Ein Kinderspiel?! Denkste! Aus und vorbei. Innert Sekunden hat die Energieeinspeisung auf Niederstrom umgestellt und mich am Berg nicht sehr athletisch aussehen lassen. Was war los? – Wo ist die Energie hin? Mit Müh und Not habe ich auf dem Rad den Berg gerade noch erklimmen können. An der Verpflegungsstation angekommen, haben mich meine Kollegen auch schon eingeholt. Den Fahrtwind der vorbeirasenden Verfolger auf dem feuchten Trikot zu spüren, war wie ein Klaps ins Gesicht. Übermut wird postwendend bestraft. Ich hockte so an der Verpflegungsstelle und dachte nur noch an eines: «Wie sage ich es meiner Frau?» Sie hatte wohl am Ende doch Recht. Das Risiko eines solchen Abenteuers war zu gross und ich stand mit beiden Beinen im Verliererfeld.

Ich machte mich als cleverer Stratege daran, nach Gründen des Misserfolgs Ausschau zu halten. Es blieben mir ja noch rund 8 km bis zur Wechselzone. Unmotiviert rollte ich an etwa 8. Stelle liegend der Wechselzone entgegen. Kurz vor der Wechselzone sagte ich mir, dass Strafe wohl sein muss und ich noch eine Runde von 60 km anhängen werde. 120km waren aber noch nicht genug. So fuhr ich die gesamten 180km. Schlussendlich lief ich auch den vollen Marathon. Angegangen bin ich die Strecke auf Platz 13 mit einem Rückstand von 16 Minuten auf den späteren Sieger. Beendet habe ich das Rennen auf dem 2. Platz. Das lies sich gegenüber meiner Frau wieder gut verkaufen.

Neues auszuprobieren macht oft Sinn, auch wenn es anfangs vielleicht verrückt klingt oder irritierend sein kann. Denn wer offen ist für anderes, macht Erfahrungen, die andere eben nicht machen. Egal, ob die Erfahrungen positiv oder negativ sind. Sie werden einen weiter voran bringen – als Athlet, aber auch als Mensch.

It’s time for a change! – Trotz alledem, lassen Sie die Finger von der Rahmdiät!

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Kommentare

Ein Kommentar zu “Rahm verleiht dem Ironman Flüüügel!”
Daniel 21.2.2009 17:51 Uhr

Es ist zwar schon ne Weile her, dass ich deinen Eintrag gelesen habe. Aber ich finde ihn genial. Ich hab sicherlich schon 20 Leuten davon erzählt. Macht sich auch immer gut in der Znüni Pause, wenn jemand Bedenken hat ein Gipfeli zu essen. Dann sag ich jeweils, es gibt Sportler die machen sogar eine Rahmdiät!

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